Guttenberg Münchner Studenten sind enttäuscht

Wissenschaftliches Arbeiten in der Staatsbibliothek Foto: Trompka

Wie Münchner Wissenschaftler und Studenten die Schummel-Vorwürfe gegen den Minister einschätzen.

 

München - Beim Bier nach dem Büffeln, beim Kaffee nach der Klausur haben Münchens Studenten derzeit ein Top-Thema: die Schummel-Vorwürfe gegen Verteidigungsminister zu Guttenberg. Ihr Urteil fällt nicht gerade milde aus. „Es ist ziemlich ungeschickt von ihm”, lautet einer der noch zurückhaltenderen Kommentare.


Annika Stello (31) sitzt gerade an ihrer Doktorarbeit. Ihr Thema: der Schwarzmeerraum im 15. Jahrhundert. 530 Titel umfasst ihre Literaturliste inzwischen. Wie genau nimmt sie selbst es mit den Quellenangaben? „Ich gebe alles so exakt wie möglich an.” Freilich könne es mal passieren, dass eine falsche oder gar keine Seitenzahl in der Fußnote stehe. „Aber man muss schon darauf hinweisen, wenn etwas nicht auf seinem Mist gewachsen ist.”

 
In Guttenbergs Arbeit finden sich dagegen ganze Passagen aus fremden Texten – ohne Kennzeichnung. Er bestreitet zwar, „bewusst getäuscht” zu haben. Aber für die Wissenschaftlerin Stello ist ganz klar: „Bei dem Umfang kann das Ganze kein Versehen mehr sein.” Besonders bedenklich findet sie, dass der Verteidigungsminister selbst bei seinen Bewertungen – also dem Kern einer Doktorarbeit – abgekupfert hat. „Das ist unaufrichtig. Wer nichts Eigenes zu sagen hat, sollte auch nicht promovieren.”

Christine (26) hat Jura studiert – wie Guttenberg. Das erste Staatsexamen hat sie schon hinter sich. Jura sei Konkurrenzkampf, erklärt Christine, da wolle jeder der Beste sein. „Die meisten lassen Quellen weg, weil sie klüger klingen wollen, als sie selbst formulieren könnten.”


Trotzdem versteht sie nicht, was den Vorerst-nicht-mehr-Doktor Guttenberg geritten hat. Eins zu eins abschreiben, sei „einfach dämlich”. Bei einem Mann, der klug genug für eine 475-Seiten-Abhandlung sei, findet Christine es sogar „unverschämt”. Die ganze Affäre wirft nach ihrer Ansicht ein schlechtes Licht auf das wissenschaftliche Arbeiten im Allgemeinen.


Dabei müssten Studenten ihre Werke mittlerweile auf Datenträgern abgeben, um den Professoren die Suche nach Plagiaten zu erleichtern. Die 26-Jährige hat übrigens selbst in Bayreuth studiert – dort, wo jetzt geprüft wird, ob die Dissertation des CSU-Politikers als ein solches zu bewerten ist.


Carl Hoffmann (21) und Jan Thomsen (22), Studenten der technologieorientierten BWL, sind fast ein bisserl enttäuscht. Es ist noch nicht lange her, da hatten sie Gutti bei einer Podiumsdiskussion in der Technischen Universität (TU) gesehen. Mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sprach er über Karriere. In diesen Tagen hätten der Zeitungs-Mann und der Minister gewiss noch ein anderes Thema zu besprechen: Schließlich deckt sich der Anfang von Guttenbergs Arbeit fast wortwörtlich mit einem Text aus der FAZ.


„Ich habe ihn als Idealisten eingeschätzt”, erzählt Carl von seinem Eindruck nach dem Auftritt in der TU. Locker, eloquent, sympathisch sei er rübergekommen. Und jetzt das. Carl will nicht glauben, dass der beliebte Politiker mit System abgekupfert hat. „Ich schätze ihn so ein, dass er eher schlampig gearbeitet und nicht, dass er absichtlich geschummelt hat.” Eine Meinung, mit der er an diesem Tag in der Cafeteria der Staatsbibliothek recht einsam dasteht.


Auch sein Kommilitone Jan widerspricht: „Ich glaube, dass er das sehr wohl bewusst gemacht hat.” Als die beiden erfahren, dass Guttenberg seinen Titel nun erst einmal ruhen lässt, wirken sie für einen Moment fast ein wenig betroffen. Sein Fazit hatte Carl schon vor der Neuigkeit gesprochen: „Guttenberg ist stark heroisiert worden. Den Heldenstatus hat er verloren.”
Die BWL-Studentin Maria hat in den vergangenen Tagen viel mit Kommilitonen über den Minister gesprochen. „Viele haben die Vermutung, dass er Leute bezahlt hat, damit sie ihm die Arbeit schreiben”, erzählt sie. Sie ist sicher, dass es ihm bei dem Doktortitel nur ums Ansehen ging. „Wenn Doktor davorsteht, hat das, was man sagt, in der breiten Masse mehr Akzeptanz.” Eigentlich findet Maria den Minister als Typen nicht schlecht. „Aber er hat bei mir Symphatiepunkte verloren.”

 

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