Glückwunsch aus dem Aktenkoffer Die besten SPD-Anekdoten zum 90. von Hans-Jochen Vogel

Großer Festakt um 90. Geburtstag von Alt-OB Hans-Jochen Vogel. Klicken Sie sich durch die Bilder. Foto: dpa

Die Bundes-SPD lässt Hans-Jochen Vogel hochleben – und verbreitet dabei eine Menge Anekdoten über den Alt-OB.

 

Natascha Kohnen und Isabell Zacharias machen vor der Bühne schnell noch ein Selfie. Ein paar Schritte weiter trifft Christian Ude auf Peter Gauweiler. „Junger Mann“, sagt Ude, „lange nicht gesehen.“ Und hinten im Eck posiert ein Trio aus erfolgreicheren SPD-Zeiten für die Kamera: Gerhard Schröder, Gesine Schwan und Renate Schmidt.

Deutschlands komplette Politprominenz ist am Donnerstag im Alten Rathaus zusammengekommen. Nicht nur SPDler waren da, mit Bundestagspräsident Norbert Lammert und Theo Waigel hatte auch die Union eine Abordnung entsandt. Wäre Hans-Jochen Vogel nicht der Ansicht, dass Bescheidenheit auch im Alter eine Tugend ist, er würde vermutlich sagen: Durchaus angemessen für so einen Anlass. Vogel ist diesen Mittwoch 90 Jahre alt geworden. Dafür ließ ihn gestern die Bundespartei ordentlich hochleben.

Auch sein Bruder gab für ihn schon Autogramme

Kurz nach 11 Uhr. Im Festsaal des Alten Rathauses fährt die Musik langsam hoch. Es gongt erst einmal, dann ein zweites Mal. Vogel war sein ganzes Leben lang ein Mann unbedingter Akkuratesse. Er ist vermutlich nie selbstverschuldet auch nur eine einzige Minute zu spät gekommen. Deshalb war die SPD auch sichtlich bemüht, die Organisation möglichst so einzuhalten wie geplant.

Für den Notfall hatte die Bundestagsfraktion sich die Tischglocke aus dem Sitzungssaal des Münchner Stadtrats ausgeliehen. Damit sollte Moderatorin Sandra Maischberger bimmeln, sollte ein Redner allzu sehr über die Stränge schlagen. Gebraucht wurde die Glocke allerdings nicht. Dafür waren die zum Besten gegebenen Anekdoten, auch wenn sie mal sehr lang waren, einfach zu unterhaltsam.

Da war zum Beispiel Bernhard Vogel, der jüngere Bruder des Jubilars. Auch er ein bekannter Politiker, wenn auch für eine andere Partei aktiv, die CDU. Zumindest optisch, erzählte Bernhard Vogel, seien er und Hans-Jochen sich im Alter aber immer ähnlicher geworden. Sogar Autogramme habe er im Namen seines Bruders geben müssen. „Was willst du auch anderes machen, wenn auf einem Autobahn-Rastplatz die ganzen Ausflügler eines SPD-Ortsvereins auf dich zugestürmt kommen“, sagte Vogel. Er habe den Vornamen dann eben immer recht unleserlich geschrieben.

Wolfgang Thierse, der frühere Bundestagspräsident, erinnerte sich an ein Zusammentreffen mit Hans-Jochen Vogel im Jahr 1990. Die Wiedervereinigung stand kurz bevor. Thierse war auf einem Sonderparteitag in Halle gerade zum neuen Parteivorsitzenden der SPD-Ost gewählt worden. Vogel nahm Thierse danach zu Seite, sie gingen in eine Bar.

Dort holte Vogel dann aber nicht etwa ein Glückwunschpräsent aus seinem Aktenkoffer, sondern eine ganze Menge Klarsichtfolien mit Papieren. „Das ist deine Art gewesen, dem neuen Partner Respekt zu zollen“, sagte Thierse an Hans-Jochen Vogel gewandt.

Hätte Vogel in Berlin den Flughafen gebaut, er wäre schon fertig

Es gab noch die ein oder andere weitere Geschichte, die Vogel als unermüdlichen Arbeiter und akribischen Parteistrategen darstellte.

Michael Müller, Berlins amtierender Bürgermeister, etwa sagte, hätte Hans-Jochen Vogel Anfang der 80er in seinem halben Jahr als Berliner Stadtoberhaupt mit dem Bau des neuen Flughafens begonnen, er wäre sicher schon fertig. „Zumindest wüsste Hans-Jochen Vogel besser als die Baufirmen, wo welches Kabel liegt“, so Müller. Und der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer erinnerte an das Postskriptum in jedem Brief, mit dem Vogel seine Korrespondenten daran zu erinnern pflegte, sie mögen im nächsten Schreiben doch bitte nicht wieder die Beantwortung dieser oder jener Frage vergessen.

„Ich bin froh, dass ich nicht der Einzige bin, der dieses P.S. bekommt“, sagte Sigmar Gabriel, der SPD-Parteichef, setzte dann aber zu einer großen Verteidigungsrede an. Ein bisschen unrecht täte man dem Geburtstagskind mit diesen Schilderungen nämlich schon, sagte er. Schließlich sei das Wesen Vogels nicht nur durch absolutes Pflichtbewusstsein geprägt, sondern auch durch eine unbedingte Leidenschaft für Gerechtigkeit.

Der Jubilar selbst konnte sich in all den Geschichten aber durchaus wiederfinden. Sichtlich gerührt ob der vielen Anteilnahme sagte er: „Ich muss wohl einsehen, dass ich so bin.“ Und als hätte es noch eines Beweises bedurft, gerieten Vogel auf der Bühne die Zettel seines Redemanuskripts durcheinander – was den Perfektionisten erkennbar fuchste. Aber Hans-Jochen Vogel wäre nicht Hans-Jochen Vogel, hätte er nicht gleich alles wieder im Griff gehabt. „Ich schiebe das jetzt mal aufs Alter“, sagte Vogel. Klar, mit 90 darf man das.

 

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