Giovanni Trapattoni WM-Qualifikation: Iren sind menschlich

Ein Mann der großen Gesten: Irlands Nationaltrainer Giovanni Trapattoni. Sein Team ist am Freitag in der WM-Qualifikation Gegner Deutschlands. Foto: dpa

Bei der EM gewann das Team von der Insel mit seinen sangesfreudigen Fans die Herzen, Coach Trapattoni wurde verehrt. Doch der Maestro ist schwer in die Kritik geraten: „Seine Zeit läuft ab.“

 

Natürlich kennt Giovanni Trapattoni den Text mittlerweile. Sein Englisch mag zwar nicht wesentlich besser sein als sein Deutsch, doch Trap wusste schon immer, was sich gehört als Italiener im Ausland. Und mit den „Fields of Athenry“, jenem Lied über die schwere Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert, kann Trapattoni, seit 2008 schon Nationaltrainer auf der grünen Insel, viel anfangen. Es ist ein Lied über Stolz, Wehmut, Sehnsucht und Heimat. Begriffe, die Trap gefallen und mit denen er selbst gerne spielt. Die stolzen katholischen Iren und der ultrakatholische Opus-Dei-Anhänger Trapattoni, der stets eine Flasche geweihtes Wasser dabei hat, das passte.

Trapattoni und die irischen Fans waren es, die Irland zur sympathischsten und menschlichsten Nation bei der abgelaufenen EM in Polen und der Ukraine gemacht haben. Minutenlang sangen die irischen Fans beim 0:4 gegen Spanien ab der 87. Minute bis weit nach Schlusspfiff die „Fields of Athenry“, ARD-Kommentator Tom Bartels war so ergriffen, dass er minutenlang schwieg. Als Irland ein paar Tage später gegen Italien spielte, klatschten die irischen Fans beim Abspielen der italienischen Hymne – was nicht nur Trapattoni rührte. Die Uefa vergab der Green Army, den Fans der Nationalmannschaft, einen Sonderpreis. Irland schied zwar als schlechtestes Team der EM in der Vorrunde aus, die Fans waren aber die besten von allen. Und ihr Trainer ohnehin der sympathischste Übungsleiter des polnischen und ukrainischen Sommers.

Die EM ist Geschichte. Und mittlerweile scheint auch das Verhältnis zwischen Trapattoni, dem sie in Irland nach der EM-Qualifikation schon zum Heiligen machen wollten, und den Iren etwas abgekühlt zu sein. „Er war mal Italiener, nun ist er Ire“, sangen die Fans noch im Juni in Danzig, nun fordern vor allem Ex-Nationalspieler und verschiedene Experten auf der Insel unverhohlen sportliche Erfolge ein vom früheren Kult-Trainer des FC Bayern. „Wir sollten uns nicht gegenseitig verarschen, die Anhänger wollen ihr Team gewinnen sehen“, kritisierte Irlands früherer Kapitän Roy Keane erst jüngst.

Die Vorwürfe gegen Trap sind dabei im wesentlichen die gleichen wie immer. Denn Trapattoni, dieser mittlerweile 73 Jahre alte letzte wirkliche Gentleman des Weltfußballs, mag zwar immer für ein Bonmot zu haben sein – was beim FC Bayern noch „ich habe fertig“ war, hieß in Irland „the cat is in the sack“ – doch sein Fußball ist aus der Zeit gefallen. „Es reicht nicht mehr, wie Muhammad Ali damals gegen George Foreman passiv zu sein und am Ende auf einen glücklichen Treffer zu hoffen“, monierte der frühere Nationalspieler Paul McGrath nach dem mühevollen 1:0 gegen Kasachstan zu Beginn der WM-Qualifikation.

TV-Experte Richard Sadlier, auch er früher Nationalspieler, forderte den Verband FAI noch am selben Abend live im Fernsehsender RTE auf, sich zu überlegen, was es kosten würde, Trapattoni zu entlassen. Er sei vom Gläubigen zum Skeptiker geworden, meinte unter der Woche auch Sadliers Kollege Eamon Dunphy: „Die Kampfmoral ist schlecht, Trapattonis Zeit läuft ab." Zumal auch die Spieler nicht mehr uneingeschränkt hinter Trapattoni zu stehen scheinen. Einige verbaten sich gar vor dem Deutschland-Spiel eine Nominierung. Viel hänge vom Deutschland-Spiel ab, heißt es in Irland. Aber dass man dieses gewinnen wird, davon kann auch ein unerschütterlicher Optimist wie Trapattoni nicht so recht glauben.

 

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