Gewerkschaft schlägt Alarm Gewalt gegen Retter: Wenn Helfer zu Opfern werden

Eine Szene, wie sie eigentlich niemals vorkommen dürfte: Männer behindern nach einem tödlichen Unfall gewaltsam die Arbeit der Rettungskräfte. Foto: dpa

Gewalt gegen Feuerwehrleute wird immer mehr zum Problem – die Gewerkschaft fordert härtere Strafen.

 

München - Wenn Siegfried Maier, Vorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft Bayern, das Problem verdeutlichen will, holt er eine Liste hervor. Darauf, fein säuberlich aufgelistet und nach Datum und Ort sortiert, Attacken, mit denen Feuerwehrleute und andere Helfer im vergangenen Jahr im Einsatz konfrontiert wurden.

"3. November: Autofahrer attackiert Retter bei Kinderreanimation" taucht auf der Liste genauso auf wie "27. Juli: Mit Gullydeckel Scheiben an Notarzteinsatzfahrzeug eingeschlagen" und "1. Januar: Feuerwehrmänner auf Weg zum Einsatz zusammengeschlagen". Die Liste ist erschreckend und dabei ist sie nur ein Auszug. Alle Fälle des vergangenen Jahres hätten wohl kaum auf eine einfache Din-A4-Seite gepasst.

Die Gewalt nimmt zu, davon sind die Helfer überzeugt

Denn: Gewalt gegen Rettungskräfte nimmt stetig zu. Zwar mangelt es an offiziellen Zahlen (siehe Interview). Bei der Gewerkschaft ist man sich aber sicher, dass die Einsatzkräfte immer öfter – und immer rabiater – angegangen werden. Sigfried Maier kann von Faustschlägen berichten, vom absichtlichen Anfahren mit dem Auto und auch Angriffe mit Raketen, wie sie nach der Silvesternacht für Schlagzeilen sorgten, sind für ihn nichts Neues.

Für den Gewerkschaftschef ist dieser Anstieg völlig inakzeptabel: "Unsere Einsatzkräfte kommen, wenn Menschen Hilfe brauchen, Gewalt darf da auf gar keinen Fall sein", so Maier – insbesondere nicht, da viele der Helfer Ehrenamtler seien.
Verstehen, wie es zu solchen Taten komme, können weder der Gewerkschaftschef noch die allermeisten Rettungskräfte: "Ich erlebe oft, dass Einsatzkräfte nach solchen Vorfällen an der Menschheit zweifeln", so Maier. Um dem Problem zu begegnen, hat sich die Gewerkschaft deshalb zwei Strategien überlegt: Zum einen möchte man die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren. Den Anfang macht ein Kampagnenfilm. In "Respekt? Ja, bitte!" sprechen Einsatzkräfte über ihre Erfahrungen mit Gewalt. Der Film soll zum Nachdenken über die Menschen in der Uniform anregen. Laufen wird er in den kommenden vier Wochen in allen Kinos der Kinopolis-Gruppe (unter anderem Mathäser) im Vorprogramm.

Zum anderen wendet sich die Gewerkschaft an die Politik. Denn eigentlich gibt es genügend Gesetze zum Schutz der Helfer – erst im Mai 2017 wurden diese in Teilen noch einmal verschärft – durchgesetzt werden sie aber laut Meinung der Gewerkschaft nicht oft genug. "Staatsanwaltschaften lassen immer wieder Anklagen fallen, für die Betroffenen ist das wie ein zweiter Schlag ins Gesicht", so Maier.

Retter kämpfen mit psychischen Problemen

Welche psychischen Folgen ein Angriff auf die Helfer haben kann, weiß Andreas Müller-Cyran. Der Diakon und Rettungsassistent ist stellvertretender Vorsitzender der "Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen" und hat oft mit Rettern zu tun, die Beschimpfungen und Gewalt erlebt haben. "Einsatzkräfte sind durch ihre Tätigkeit ohnehin schon im hohen Maß psychisch belastet", erklärt er. "Doch viele ziehen Kraft aus der Wertschätzung der Bevölkerung. Fällt das als Ressource weg, ist das für sie oft tragisch."

Zudem sei durch andere erlebte Gewalt das Einschneidenste, was einem Menschen passieren könne. Deshalb litten verprügelte und bedrohte Rettungskräfte oft noch lange an sogenannten Traumafolgestörungen.

Für Müller-Cyran besonders schlimm: In ihrer eigenen Ausbildung werden die Rettungskräfte stets zu Gewaltlosigkeit angehalten. "In Deutschland wird Wert darauf gelegt, dass das Gewaltmonopol ausschließlich bei der Polizei liegt", so Müller-Cyran, "umso tragischer ist es, wenn Helfer zu Opfern werden."

Aus all diesen Gründen möchte sich die Gewerkschaft nun also verstärkt gegen die Gewalt stellen und sich mit Opfern solidarisch zeigen. So lange, bis aus Maiers langer Liste wieder Einzelfälle werden. Denn eines dürfen Schläger und Pöbler für Maier auf keinen Fall erreichen: "Respektlosigkeiten dürfen nicht dazu führen, dass sich immer weniger Helfer für diese wichtige Tätigkeiten zur Verfügung stellen."

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