Gerhard Schröder bei Beckmann Der Alt-Kanzler über Kinder und Vater-Glück

Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD, l) und Fernsehmoderator Reinhold Beckmann posieren vor der Aufzeichnung der Sendung "Beckmann" im Fernsehstudio in Hamburg Foto: dpa

Gerhard Schröder zu Gast bei "Beckmann": Der Alt-Kanzler über späte Vaterfreuden, der CSU und Homosexuelle in Russland.

 

Hamburg - Es knarzt mal wieder: Gerhard Schröder ist wieder auf der Mattscheibe zu sehen - und es wird klar, warum vielleicht nicht der deutschen Politik, aber doch der deutschen TV-Landschaft ein wortgewandter Kanzler gefehlt hat.

Denn der große Unterschied zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder - das wurde gestern Abend bei "Beckmann" deutlich - ist nicht der, dass, wie Schröder meint, er ein Mann und sie eine Frau ist. Nein, es ist der, dass der fast 70-Jährige seine Sätze zu Ende spricht, bei seinen Aussagen die Verben nicht nur die richtigen sind, sondern sie auch noch an der richtigen Stelle sind.

Das alles unterscheidet ihn von seinen beiden Ex-Konkurrenten Angela Merkel und Edmund Stoiber. Zudem noch die Tatsache, dass seine Politik der ruhige Hand nicht darin bestand, die Finger jeweils aneinander gestützt in die Nähe des Schoßes zu legen so wie Erstere.

Dies alles wurde selbst bei so einem Talk-Auftritt wie bei Reinhold Beckmann überdeutlich - obwohl der Moderator fast ein bisschen übervorbereitet erschien und das Gespräch wenig Esprit hatte. Trotzdem - oder gerade deswegen - erfuhr man kalkuliert Privates, über den Ex-Regierungschef, den der "Stern"-Titel von diesem Donnerstag offensichtlich doch mehr getroffen hatte, als er öffentlich zugeben wollte.

Er schmiert das Pausenbrot

Also erzählte er von seinem "großen Glück", dass er als eher alter Mann seine Kinder aufwachsen sehen darf: Seine erste Tochter mit Doris Schröder-Köpf, Viktoria, adoptierte er 2004 aus einem russischen Kinderheim, zwei Jahre später folgte Gregor, ebenfalls aus Russsland, damals ein Jahr alt. "Ich schmier ihnen das Pausenbrot", erzählte der Altkanzler - und er bringt sie zur Schule und holt sie auch von da wieder ab.

Natürlich nur, wenn es die Zeit zulässt - auch da sind die Schröders mittlerweile fast normale Eltern, Denn natürlich müssen sie sich, wenn die Ehefrau sich um ihr Landtagsmandat kümmert und Vater um den Rest von Weltwirtschaftspolitik, auch mal nach Betreuung umschauen.

Die familiäre Bande Richtung Russland und die freundschaftliche zu Vladimir Putin hat Schröder für das Land eingenommen. Aber er findet die Homosexuellen-Gesetzgebung trotzdem falsch und er sieht auch Probleme in der Demokratisierung. er ist sich aber unsicher, ob Deutschland der erhobene Zeigefinger zu beiden Problemen gut steht.

Außerdem lobt Schröder den SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Es habe Zeiten gegeben, in denen „wir kritischer miteinander umgegangen“ sind, aber „er hat in der Zeit nach der Wahl eine wirklich brillante Vorstellung abgeliefert. Denn er hat eine Partei, die nicht unbedingt eine Große Koalition wollte, durch einen sehr klugen Führungsstil dahin bekommen, Ja zu sagen. Er hat wirklich gewonnen, indem er das Risiko der Mitgliederbefragung eingegangen ist.“

Für eine Öffnung zur Linkspartei

Als richtig beurteilt Schröder die Öffnung der SPD für mögliche Bündnissen mit der Linkspartei: „Diese Entscheidung des Parteitages ist klug. Und zwar deswegen, weil sie den Ball ins Lager der Linken spielt. Früher haben wir gesagt, das gehört sich nicht. Jetzt geht es um Inhalte, jetzt muss die Linke sagen, verzichten wir auf Unsinniges wie Auflösung der Nato und was es da alles gibt? Im Grund bahnt sich da an die Europäisierung des deutschen Parteiensystems.“

Die Sozialdemokraten seien manchmal zu kritisch mit der eigenen Politik. „Das Problem der SPD ist, dass man gelegentlich meint, die eigenen Leistungen seien doch nicht so gut gewesen, wie man theoretisch erwartet hat.“

Kritisch sieht er die CSU-Kampagne „Wer betrügt, der fliegt“: „Die Diskussion, die von der CSU geführt wurde, habe ich verstanden als Versuch, mit einer einwanderungskritischen Position die Leute am rechten Rand für sich zu behalten“, sagt Schröder im Gespräch mit Moderator Reinhold Beckmann.

Kritik an CSU und AfD

Zugleich warnt er die Christsozialen vor Rechtspopulismus in der Einwanderungsdebatte: „Letztlich wird dann das Original gewählt, und nicht das Plagiat. Deshalb Vorsicht: Wasser auf die Mühlen der anderen zu leiten, das geht schief.“ Schröder schließt nicht aus, dass es in Deutschland in der Frage der Zuwanderungsbegrenzung ein ähnliches Ergebnis wie zuletzt in der Schweiz geben könnte: „Ich möchte keine Volksabstimmung machen über die Frage der Einwanderung. Ich würde hoffen, dass man zu einer rationalen Bewertung käme, aber ich bin nicht sicher. Weil das, was man am Rand von CSU und AfD sieht, sind Aspekte, die ich erschreckend finde.“

Gerhard Schröder forderte von den Deutschen Mut zu mehr Europa: "Meine Vorstellung ist, dass man im Vorfeld der Europaparlamentswahl dafür sorgt, dass ein Bündnis für Europa zustande kommt. Und zwar nicht nur ein Parteienbündnis. Die Wirtschaft muss sich ebenso wie Medien und die Kultur melden und sagen, was Europa wert ist und wert sein muss. Man kann das nicht nur bei der Politik abladen."

Neues Buch zum 70.

Hintergrund des TV-Auftritts ist, dass Gerhard Schröder am heutigen Freitag - kurz vor seinem 70. Geburtstag - sein neues Buch "Klare Worte" vorstellt.  Darin wirft Schröder Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unter anderem ein miserables Management der Energiewende vor und betont, dass er nicht mit einem Atomausstieg bis zum Jahr 2022 rechnet.

Zudem kritisiert er unter anderem die milliardenschweren Verbesserungen im Rentenbereich, setzt sich mit Europa, Russland und dem Zustand der SPD auseinander. Das Buch ist ein Interview-Band, in dem Schröder die Fragen des Journalisten Georg Meck beantwortet. Präsentiert wird es von Schröder und dem Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz.

Das Werk ist ein typisches Schröder-Epos. Denn für Gerhard Schröder ist Arroganz das falsche Wort. „Überlegenheit trifft es besser. Einfach zu sagen: Ich weiß es besser. So, basta.“ So lautet seine Antwort auf die Frage, wie er als Kanzler reagierte, wenn ihm der Wind ins Gesicht geblasen hat.

Die Kanzlerjahre seien ein Knochenjob gewesen, ständig fremdgesteuert von Terminen. Aber einem ausländischen Staatsgast könne man halt schlecht sagen: „Tut mir leid, ich würde jetzt lieber ein Eis essen“, erzählt der frühere Kanzler (1998 – 2005) in seinem Buch.

Tennis gegen Tony Blair

Manchmal versuchte er es zum Druckabbau mit Tennis. „Auf einem internationalen Gipfel in Kanada habe ich zum Beispiel gegen Tony Blair gespielt. Er reiste mit einer eigenen Trainerin an, hatte aber trotzdem keine Chance.“ Gegen Druck helfe Sport aber letztlich wenig. „Das wichtigste Mittel ist Verdrängung“, erzählt Schröder im Gespräch mit dem Journalisten Georg Meck. Das Buch erscheint im Herder-Verlag.

Es sind 238 lesenswerte Seiten, die von der Politik als Beruf, über Europa und Russland bis zur Energiewende und zu SPD-Chef Sigmar Gabriel reichen.

Es ist seine Sicht, kurz vor seinem 70. Geburtstag am 7. April. Natürlich stellt sich Schröder in ein ihm genehmes Licht – und hadert immer noch mit Teilen der SPD. „Große Teile der SPD fanden die Agenda im Grunde eine Zumutung, die man bestenfalls hinnehmen kann, zu der man sich aber nicht bekennen darf“, sagt Schröder über die Agenda 2010.

Auf die Frage, ob die SPD das Brüsten mit den positiven Effekten CDU und CSU überlasse, sagt Schröder: „So ist es, und zu ihren Eigenarten gehört auch, dass sie diesen Fehler nicht einsehen kann.“ 2003 hatte er wegen der hohen Arbeitslosigkeit die Reform auf den Weg gebracht: Der Arbeitsmarkt wurde flexibilisiert, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes gekürzt, die Unterstützung für Langzeitarbeitslose auf das Niveau der Sozialhilfe gesenkt.

Selbstkritik von "Gas-Gerd"

Anders als Altkanzler Helmut Schmidt ist Schröder längst noch nicht der über den Dingen schwebende Staatsmann. Selbstkritisch sieht er heute seinen raschen Wechsel vom Kanzleramt zum deutsch-russischen Pipelineprojekt NordStream, der ihm den Spitznamen „Gas-Gerd“ einbrachte. „Über das Tempo des Wechsels lasse ich mit mir reden. Vielleicht wäre eine gewisse Karenzzeit besser gewesen.“

Kaum etwas hängt Schröder so nach wie seine Charakterisierung des russischen Präsidenten Wladimir Putin als „lupenreinem Demokraten“. „Ich relativiere meine Haltung zu Putin nicht. Und ich nehme ihm ab, dass eine funktionierende Demokratie und ein stabiles Staatswesen seine Ziele sind.“

Es sei ein mühsamer Weg, die Folgen einer jahrzehntelangen totalitären Herrschaft zu überwinden – das Anti-Homosexuellen-Gesetz hält er aber für falsch. Bis hin zur CDU-Kanzlerin Angela Merkel wird in den Reformen von Schröders Agenda 2010 ein Hauptgrund dafür gesehen, dass in Deutschland heute die Arbeitslosenzahl mit 3,14 Millionen vergleichsweise niedrig ist.

„Deutschland ist mächtiger denn je in seiner Nachkriegsgeschichte“, sagt Schröder im Vorwort des Buchs und mahnt die große Koalition von Union und SPD: „Das darf aber nicht dazu führen, dass sich Politik auf das bequeme Verteilen von Wohltaten beschränkt und die unbequemen Entscheidungen auf kommenden Generationen abwälzt.“

Schon vorab war seine Kritik an dem milliardenschweren Rentenpaket publik geworden. In diesem Zusammenhang sieht er das Management der Energiewende als „erbärmlich“ an. Er wettet, dass das letzte deutsche Atomkraftwerk nicht wie geplant Ende 2022 vom Netz gehen kann. „Ich habe immer die Auffassung vertreten, dass die ursprünglichen Zeiträume, für die wir im Jahr 2000 den Atomausstieg verhandelt hatten, also 32 Jahre, sinnvoll sind.“

Frau Merkels "Aktionismus"

Dann habe seine Nachfolgerin zunächst den Ausstieg kassiert, die Laufzeiten verlängert und nach Fukushima eine radikale Volte hingelegt. „Ich habe Frau Merkels Aktionismus nicht verstanden. Warum hatte sie nicht die Größe, nach Fukushima zu sagen: Wir gehen zum unter Rot-Grün ausgehandelten Energiekonsens zurück.“ Kein Konzern hätte klagen können. „Sie haben ja alle unterschrieben.“

Auch wenn er mehrfach mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auftrat und dabei seine berühmte Geste mit den emporgereckten, ineinander verschlungenen Händen machte: Der SPD-Wahlkampf war aus seiner Sicht eine Pleite. „Erfolgreiche Wahlkämpfe sehen anders aus.“ Die SPD habe nie mit einem Umverteilungswahlkampf gewonnen. „Erfolgreich war sie nur mit den Kandidaturen von Willy Brandt, Helmut Schmidt und mir.“

Wenn die SPD wieder erfolgreich sein wolle, müsse sie als Kraft wahrnehmbar werden, „die sich für den Wirtschaftsstandort Deutschland und die Arbeitsplätze, vor allem in der Industrie, einsetzt“. Bundeswirtschaftsminister und SPD-Chef Gabriel traut er da einiges zu. Wie Gabriel die SPD in die große Koalition geführt und was er der Union alles abgetrotzt hat, nötigt ihm Respekt ab. „Das war sein Meisterstück“, adelt Schröder. Ein Lob unter Niedersachsen.

 

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