Gegen Portugal Erlösender EM-Auftakt: "Kopf frei" für Holland

Holland kann kommen! Sofort nach dem befreienden Auftaktsieg gegen Cristiano Ronaldos starke Portugiesen dachten Deutschlands EM-Titelanwärter an das Duell gegen den Erzrivalen.

 

Lwiw - Bundestrainer Joachim Löw hatte beim 1:0-Sieg alles richtig gemacht zum Start in seine Meisterprüfung in Polen und der Ukraine; die Niederlande zu viel falsch. "Für uns ist wichtig, dass wir gegen Holland kein Endspiel haben. Wir haben den Kopf frei. Wir können positiv ins nächste Spiel gehen", skizzierte der hervorragende Manuel Neuer die Stimmung in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der nächtlichen Rückkehr ins EM-Stammquartier in Danzig.

Auch wenn die Brillanz und die Präzision im Offensivspiel gerade bei Özil, Podolski und Müller beim hart errungenen Arbeitssieg gegen Portugal noch fehlten, fühlen sich die Protagonisten vor allem dank einer aufmerksamen Abwehr um den bärenstarken Mats Hummels und dank der Effizienz von Torjäger Mario Gomez in der richtigen Spur. "Punkt eins war die defensive Organisation", betonte Wettkampftrainer Löw und machte damit klar, dass seine Spieler in der Arena von Lwiw das taktische Hauptziel gegen die gefährlichen Portugiesen erfüllten: "Zuletzt waren wir da ja ein bisschen anfälliger", verdeutlichte Löw.

Mit einem Auge hatten der Chefcoach und sein Personal vor dem eigenen Auftakt noch den 0:1-Fehlstart der "Oranjes" gegen Dänemark verfolgt. "Es wäre mir lieber, es wäre noch ein Unentschieden geworden", verriet Löw, der nun an diesem Mittwoch in Charkow wild entschlossene Holländer erwartet. "Die Niederländer stehen jetzt mit dem Rücken zur Wand, sie müssen ein Alles-oder-nichts-Spiel machen." Eine weitere Niederlage würde den hochgelobten WM-Zweiten schon so gut wie aus dem Wettbewerb spülen, bevor er richtig begonnen hat. "Das macht die Partie nochmal ein Stück brisanter", meinte Löw.

Das DFB-Team dagegen entgeht auch dank einer Portion Glück bei zwei Lattentreffern der Portugiesen der ersten K.o.-Situation des Turniers. "Es ist auf jeden Fall noch Luft nach oben da", unterstrich Lukas Podolski, der dem "Club der Hunderter" immer näher rückt. Gegen Deutschlands Lieblingsrivalen Holland kann der Kölner Junge zum 99. Mal das Adler-Trikot überstreifen. "Jeder kennt die deutsche Mannschaft mit dem Spaßfußball nach vorne. Daran werden wir jetzt gemessen", weiß Podolski um den Anspruch. Über 22 Millionen bejubelten in der Heimat vor den Bildschirmen das Gomez-Siegtor (72. Minute), weitere Hunderttausende feierten in Kneipen und Biergärten.

Um ein Haar hätte es dieses Tor gar nicht gegeben. Löw wollte den Bayern-Stürmer schon "zwei Minuten eher" aus dem Spiel holen und Miroslav Klose bringen, der an seinem 34. Geburtstag überraschend auf der Bank schmoren musste. "Ich muss mit dem vierten Schiedsrichter nochmal hart ins Gericht gehen", scherzte Löw: "Er hat so lange gebraucht, das anzuzeigen." So bekam der 26 Jahre alte Gomez nach Flanke von Sami Khedira noch die eine Möglichkeit, die er zu seinem Premieren-Treffer bei einem Turnier nutzte. "Das spricht für seine Qualität: Eine Chance - ein Tor!", lobte Löw den Matchwinner.

Die überraschenden Personalentscheidungen, auf Gomez statt Klose und auf Hummels statt Mertesacker zu setzen, zeigen Löws weiterentwickelte Philosophie. In Zeiten höchster Belastung beim Hochgeschwindigkeits-Fußball setzt der Bundestrainer noch mehr auf hundertprozentige Fitness und aktuelle Form. "Das Risiko war mir ein bisschen zu groß", sagte er zum Verzicht auf Per Mertesacker, der nach seiner Knöcheloperation mehrere Monate ohne echten Wettkampf war. "Mats Hummels kam mit Rückenwind aus der Meisterschaft, mit guten Leistungen und vor allem mit Spielpraxis", betonte Löw.

Der Dortmunder Turnier-Neuling nutzte entschlossen seine Chance vor 32 990 Zuschauern in Lwiw, die klare Mehrzahl davon aus Deutschland. "Gerade Mats hat in wichtigen Situationen den Ball mit dem Kopf geklärt. Er war sehr stabil", hob Neuer hervor, der in der Schlussphase mit zwei Superaktionen den Auftakt-Erfolg sicherte. Hummels genoss innerlich die neue Wertschätzung nach einer langen Zeit des Fremdelns in der Nationalmannschaft, verwies öffentlich auf den Anteil seiner Nebenleute: "Defensiv ist es immer ein Verdienst der ganzen Mannschaft."

Auch von Jérome Boateng. Der Nachtschwärmer hielt im bislang schwersten Länderspiel seiner Karriere dem Druck stand. "Überwiegend hat er Cristiano Ronaldo gut im Griff gehabt", bestätigte Löw dem Münchner eine "sehr gute" Leistung. Der 23-Jährige hat damit die "Bringschuld" eingelöst, die ihm nach einem unprofessionellen Tête-à-tête mit einem Nacktmodel von Löw auferlegt worden war. "Alle waren sehr präsent in den Zweikämpfen, sehr aufmerksam. Keine Bälle sind in den Rücken gespielt worden", lobte der DFB-Chefcoach seine Abwehr-Abteilung. Löw hat seine EM-Viererkette auf Anhieb gefunden.

Nun muss noch die Offensive zum höchsten Niveau zurückfinden - zuletzt bestaunt und bejubelt beim 3:0 gegen Holland im November 2011. "Bei denen wird das ja wohl noch eine Rolle spielen", sagte Podolski genüsslich: "Wir werden uns die Bilder nochmal anschauen."

 

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