Gebrüder Pichler bei der Biathlon-WM Der Russe und der Ruhpoldinger

Michael Greis (l) in Ruhpolding. Foto: dpa

Wolfgang und Claus Pichler wurden – nicht zuletzt durch den Vater – vom Biathlon geprägt. Doch der Trainer und der Bürgermeister haben sich im Laufe der Jahre auseinander gelebt.

RUHPOLDING Während der eine staatstragend von Fairness, Begeisterung und Sportsgeist spricht, um dann völkerverbindend ins weite Zuschauerrund zu winken, grummelt der andere eine derart heftige Medienschelte ins Mikro, dass die Gute-Laune-Stimmung zum Auftakt der Biathlon-WM erstmal im Eimer ist. Die Rede ist von Claus und Wolfgang Pichler: dem Diplomaten und dem Querkopf.
Biathlon in Ruhpolding ist ohne den Namen Pichler undenkbar. Nicht wegen Claus (51), dem Bürgermeister, oder Wolfgang (56), dem Trainer des russischen Teams.

Vater Hans war der Visionär, der die Idee zu Stadion und Strecke hatte, die den kleinen Ort im Chiemgau zum großen Namen im Biathlon werden ließ. Während ihr Cousin Walter Pichler, Bronzegewinner bei bei Olympia 1984, als Trainer des britischen Teams selten in der Zeitung steht, sind die anderen Pichlers ständig in den Schlagzeilen. Uber Wolfgang Pichler werden Titelgeschichten in Kyrillisch geschrieben. Vor WM-Beginn schimpfte er: „Die russischen Medien sind unrealistisch und hart. Ich glaube, dass Leute bezahlt werden, um uns schlecht zu machen. Es passt vielen nicht, dass ein ausländischer Trainer gekommen ist. Deshalb wird dauernd schlecht über uns geschrieben.”


So ist er, der Wolfgang Pichler: direkt, unverstellt, immer auf die Zwölf. Gerne auch in Bavarian English: „Im Prinzip it looks good", diktierte er Journalisten mal in den Block. Auch immer wieder schön: „My grandmother always said, I'm built near the water."


Ganz anders Bruder Claus. Wenn der Bürgermeister der 6000-Seelen-Gemeinde bei der Eröffnungsfeier auf englisch die internationalen Gäste begrüßt, gibt es im Gegensatz zu manch anderen Offiziellen nichts zu meckern an der Aussprache: Claus Pichler war 15 Jahre Englisch-Lehrer am Annette-Kolb-Gymnasium in Traunstein und schon bei den Weltmeisterschaften 1979, '85 und '96 Übersetzer bei Pressekonferenzen. Vor vier Jahren profitierte der SPD-Mann davon, dass viele im Ort seinem CSU-Vorgänger Andreas Hallweger bei der Bürgermeisterwahl einen Denkzettel verpassen wollten.

Dass Ruhpolding erneut die WM ausrichtet, ist noch ein Verdienst des Vorgängers. Pichler gibt einen heimatverbundenen Ortsvorsteher, ist Vorstand vom Trachtenverein und Pfarrgemeinderat. Für Bruder Wolfgang eine Horrorvorstellung: Als Politiker würde er grandios scheitern, so seine Selbsterkenntnis. Die Welt des jüngeren Bruders ist im fremd; er hat zwar eine Wohnung in Ruhpolding, lebt aber seit Jahren aus dem Koffer – und immer auf der Gegenspur.


Nach der Wende stand er dem Ost-Biathleten Jens Steinigen bei, als dieser die Doping-Praktiken in der DDR publik machte. Später arbeitete er als Coach in Schweden, als Magdalena Forsberg sechs Mal den Gesamtweltcup gewann. 2007 erzählte er, wie der Münchner Sportarzt Erich Spannbauer in den 80ern West-Sportler dopte. Zwei Jahre später bei der WM in Südkorea soll ein russischer Funktionär gegen ihn handgreiflich geworden sein. Auch von Morddrohungen war die Rede, weil er die Russen wegen ihrer Dopingfälle kritisiert hatte. So war die Überraschung komplett, als er im Herbst seinen Wechsel nach Russland bekannt gab: „So viel Geld wie ich verdient jetzt keiner im Biathlon", meinte Pichler.


In Hinblick auf Sotchi 2014 hat sich der Verband die Dienste eines Doping-Bekämpfers gesichert. Pichler sagt: "Ich schicke ein sauberes, dopingfreies Team an den Start, das kann ich garantieren. Für meine Athletinnen lege ich die Hand ins Feuer."


Und für den Bruder? Mit der Bruderliebe zwischen Bürgermeister und Trainer ist es nicht weit her. Zusammen sieht man die beiden in Ruhpolding selten.

 

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