Eine fabelhafte Ausstellung der Galerie Thomas zeigt die große Bedeutung der Musik in Leben und Werk des Malers Paul Klee.

Die Noten lagen auf der Staffelei. Und die Geige hatte den Vorteil, dass man sie problemlos ins Atelier und wieder mit nach Hause nehmen konnte. Seit Kindertagen gehörte sie einfach dazu. Und wenn man die frühen Briefe und Tagebucheintragungen liest, wird klar, wie ungemein schwer Paul Klee die Entscheidung zwischen Musik und Malerei gefallen ist.

Der Künstler hat sich bekanntlich der Bildnerei zugewandt, die über 10.000 Werke, die er bei seinem Tod 1940 hinterließ, sprechen eine überdeutliche Sprache. Allerdings ist man heute noch verblüfft, wie feinsinnig, auch virtuos und zwischendurch amüsant Klee die für ihn so elementar wichtige Musik in seine Arbeiten eingeschleust hat. In fabelhaft konzentrierter Form zeigt das jetzt eine Ausstellung der Galerie Thomas.

Vis-à-vis der Pinakothek der Moderne bildet diese außergewöhnliche Präsentation aus privaten und Museumsleihgaben – kaufen kann man tatsächlich nichts – den Auftakt zu den "Klee-Festspielen" der Staatsgemäldesammlungen und des kooperierenden Franz Marc Museums: In der Pinakothek der Moderne ist ab Ende der Woche Klees Ausloten der Grenzen des Rationalen vor allem in der Bauhaus-Zeit Thema, in Kochel geht es um die Landschaften.

Rund 40 Werke von Paul Klee in der Galerie Thomas

Bei Thomas sind nun an die 40 Arbeiten zusammengefasst, die Klees Interesse an Musik und Theater in Motiven und Titeln greifbar machen. Das reicht vom "Esel" (1925) aus Shakespeares "Sommernachtstraum" über eine Reihe herrlich anarchischer Handpuppen, die Klee für seinen Sohn Felix gefertigt hat, bis zum "Trompeten Tanz" (1931) und dem späten "Alten Geiger" (1939), dessen Kopf direkt in den Violinkorpus übergeht. Inniger kann man die Verbundenheit mit einem Streichinstrument nicht aufs Papier bringen.

Und typisch: Im Mittelpunkt dieser klingenden Runde steht eine Primadonna. "Die Sängerin L. als Fiordiligi" (1923) zählt zu den Klees, in die man sich augenblicklich verguckt. So ging es jedenfalls auch dem Galeristen Raimund Thomas, der irgendwann nicht mehr umhin kam, seiner erste Dame diesen glänzenden Auftritt zu verschaffen. Kuratiert übrigens von Christine Hopfengart, der langjährigen Konservatorin am Berner Zentrum Paul Klee.

Für den Sohn eines Schweizer Musiklehrers gab es nach Bach nur noch einen Höhepunkt: Mozart. Sei es in der Kammermusik, die er selbst leidenschaftlich gerne und regelmäßig spielte, sei es bei seinen unendlichen Opernbesuchen. Und bei Fiordiligi, die in "Cosí fan tutte" neben ihrer Schwester Dorabella perfide auf die Probe gestellt wird, fängt Klee den letzten kläglichen Versuch ein, mit dem Aufsetzen eines Uniform-Zweispitzes dem Verlobten nahe und damit doch noch treu zu sein.

Welche Sopranistin L. gemeint ist, darüber scheiden sich selbst in der Familie des Künstlers die Geister. Egal, die sich im zarten Rhythmus kräuselnden Locken, die Ornamentierung des Gesichts und überhaupt des gesamten Körpers vermitteln einen ganz eigenen augenzwinkernden Swing. Und wer Klees Passion im Hinterkopf hat, sieht sowieso bald nur mehr Noten und F-Löcher, Violin- oder Bassschlüssel und immer wieder Voluten, die an die Schnecke einer Geige erinnern.

Das gute Stück lag ja oft genug in Reichweite. Und wenn Pinsel und Stift – die trugen die Namen von Opernfiguren wie etwa Rigoletto – einmal Pause hatten, versenkte sich Klee tief in eine Bach-Partita oder ähnlich Anspruchsvolles. Genauso gab es abends fast immer Hausmusik, entweder mit Ehefrau Lily ("Wir spielen Bach, dass es nur so kracht"), einer ausgebildeten Pianistin, die die Familie lange mit Klavierunterricht über Wasser halten musste, oder im Kreise von Bekannten.

Das Niveau war beträchtlich, auch wenn sich Klee "nicht virtuos veranlagt" sah, aber einem Freund dennoch gestand, "meine Geliebte war und ist die Musik, die übelriechende Pinselgöttin umarme ich bloß, weil sie meine Frau ist". Und weil sie ihn zum freien, schaffenden Künstler werden ließ, möchte man hinzusetzen.

Im Konzert hörte Klee hin und wieder die Musik der Avantgarde, nolens volens auch Kompositionen von Arnold Schönberg, doch er konnte damit nicht wirklich etwas anfangen. Für den Erneuerer der Malerei lag die große Zeit der Musik weit in der Vergangenheit.


"Paul Klee. Musik und Theater in Leben und Werk", bis 12. Mai, Galerie Thomas, Türkenstr. 16, Mo – Fr: 9 – 18, Sa: 10 bis 18, während der Klee-Schau auch sonntags von 11 – 17 Uhr (Katalog: Wienand Verlag, 38 Euro). Informationen/ Begleitprogramm: www.galerie-thomas.de