Gäubodenvolksfest Es steht in Straubing: Das erste Bierzelt ohne Plastik

Volles Zelt beim Reisinger beim Dirndl-Weltrekordversuch im Jahr 2014. Foto: Ulli Scharrer

Ein Festwirt aus Straubing verbannt heuer Plastiktüten, Strohhalme und unnötige Verpackungen vom Gäubodenvolksfest. Wie gut das in der Praxis klappt.

Straubing - Die Welt kann man nicht ändern, aber vielleicht ein Zeichen setzen." Genau das will Festwirt Hubert Reisinger in Sachen Plastik schaffen. Zusammen mit seinem Sohn Thomas und dessen Frau Ramona führt er eines der größten Bierzelte (über 5.000 Sitzplätze) auf dem Gäubodenvolksfest in Straubing. Das findet traditionell im August statt und lockt jedes Jahr weit über eine Million Besucher an.

Für Innovationen ist sein Grafenwirt-Zelt bekannt, auch die AZ hat schon darüber berichtet: Etwa gab es 2016 den Stammtisch für Gwamperte, für heuer hat Reisinger erstmals Goaßmaßen angekündigt.

Gäubodenvolksfest 2018: Bierzelt ohne Plastik

Aber das ist nicht alles für 2018: Jetzt greift die Familie mit Leidenschaft die Umstellung zum (fast) kompletten Plastikausstieg an und hat auch ihre Lieferanten - "keiner ist weiter weg als 35 Kilometer" - mit ins plastikfreie Boot geholt. Unter dem Dreiklang "Regionalität, Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit" will sich das Festzelt Reisinger in Zukunft präsentieren - und hofft dabei auf Nachahmer. Reisinger ist kein Festzelt bekannt, das diesen Umweltgedanken schon so stark umsetzt.

Plastiktüten, zum Beispiel um sein Hendl, Kiachl oder seinen gekauften Maßkrug mit nach Hause zu nehmen, wird es in diesem Jahr nicht mehr geben. 10.000 bis 15.000 Tüten wird man erfahrungsgemäß diese Volksfestsaison wieder brauchen. Dafür setzt man bei Reisingers auf wiederverwertbare Papiertüten, die, wenn nicht mehr gebraucht, im Altpapier recycelt werden können. Nur die direkte Hendl-Verpackung wird noch eine Wärmebeschichtung besitzen.

Trinkhalme für Kinder sind ab sofort im Reisinger-Festzelt aus Papier und farbig in Weißblau gehalten. Rund 60.000 Stück aus Plastik habe man 2017 benötigt und keine Bedienung im Stress oder nach Feierabend kann diesen Plastikmüll trennen, "die wandern überall in jedem Zelt in den Restmüll".

Auch beim Kaffeetrinken sollen die Gäste keinen Müll produzieren. Daher gibt es Koffein nur im Porzellanbecher und nicht in der To-Go-Variante. Das sind die nach außen sichtbaren Zeichen für ein plastikfreies Zelt.

Keine Plastikboxen mehr: Ab jetzt wird in Holzkisten geliefert

Aber nicht nur auf den Bier-, sondern auch auf den Küchentischen soll sich vieles ändern. Strikte Regionalität, die auch umweltbewusst angeliefert wird, ist in der Festzeltküche gefragt. Der Obst- und Salatlieferant verzichtet zum Beispiel auf Plastikboxen. In Pfand-Holzkisten soll ab sofort geliefert werden. Nur in der Kühlung werden die nicht zu finden sein. Hohe Hygienestandards müssen auch beim umweltfreundlichen Festzelt eingehalten werden.

Gurken oder Paprika in der Folie? Nix da! Lieferanten vor Ort sollen frisch vom Feld liefern, und gewaschen wird in der Küche. "Meinen Salatbauern rufe ich um 23 Uhr noch an und kann sagen, was ich brauche, der schneidet um 6 Uhr frisch fünfhundert Meter weiter von mir vom Feld den Salat und liefert. Frischer und mit kürzeren Wegen geht es nicht", erklärt der Senior-Chef.

Die Gäste sollen die Umstellung finanziell nicht merken

Fleisch kommt auch aus der Region, frisch geschlachtet. Vakuumverpackte und gefrorene Ware aus Holland oder "sonst wo her", komme einen sicher günstiger, erklärt Reisinger. Aber warum etwas herfahren lassen, "wenn wir in Niederbayern eine Spitzen-Qualität haben", die es auch wert ist. Alle Lieferanten werden auf einer eigens gezeichneten Karte im Zelt genannt und stehen mit ihrem Namen für ihre Qualität ein, so Hubert Reisinger. Alle Umstellungen sollen "den Gast keinen Cent mehr kosten", erklärt Reisinger weiter. (Die Maß Bier kostet in Straubing heuer übrigens zwischen 9, 40 und 9,45 Euro).

Natürlich kostet die Umstellung die Familie etwas. Plastiktüten sind günstiger als Papiertüten, und Plastikstrohhalme bekomme man vom Lieferanten gern in Kleinlastermengen, wenn man fragt. Aber die Mehrkosten für Papiertüten und Papiertrinkhalme seien es einfach wert und natürlich habe man mit dem Logo auf den eigenen Papiertüten auch Werbung, so Reisinger.

"Wir sind selbst in jeder freien Minute draußen in der Natur, zum Beispiel beim Fischen", erklärt Thomas Reisinger die Motivation hinter der Umstellung. Da ärgert man sich, wenn Müll die Umwelt verschmutzt. Vater Hubert weitet das aus: "Kein Pinguin soll nur von Plastiktüte zu Plastiktüte hüpfen müssen."

Bierzelt-Gaudi, aber wo möglich ohne Plastik (v.l.): Hubert, Ramona und Thomas Reisinger.Bierzelt-Gaudi, aber wo möglich ohne Plastik (v.l.): Hubert, Ramona und Thomas Reisinger. Foto: Ulli Scharrer

Besonders gut findet Hubert Reisinger auch die neuen Namensanstecker für seine Bedienungen, die seine Schwiegertochter organisiert hat. Bisher sind die aus Plastik jedes Jahr wieder entsorgt worden. Die hundert Stück sind zwar nur ein Sackerl voll, resümiert Reisinger, "aber auch dieser Plastikmüll muss nicht sein".

Außerdem seien die hölzernen Anstecker schöner und sicher als Erinnerungsstück für die Bedienung ein nettes Präsent. Und: Wenn sie nächstes Jahr wieder im Grafenwirt-Zelt bedienen, können sie wiederverwendet werden.

Nachahmer für ein plastikfreies Festzelt sind ausdrücklich erwünscht, betont Reisinger, nicht nur am Gäubodenvolksfest. Die Straubinger Zelte seien schon immer Vorreiter gewesen, erklärt er. Sei es beim Porzellangeschirr oder anderen Ausstattungsdetails.

Das dürfe jetzt gern wieder passieren, vielleicht setzt man dann doch nicht nur ein Zeichen, sondern verändert die Welt. Ein bisserl zumindest.

 

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