Gärtnerplatztheater Thomas Morse über seine Oper "Frau Schindler"

Ein Leben in Gefahr: Katerina Hebelková (Emilie Schindler) verhandelt mit einem deutschen Soldaten. Foto: Christian POGO Zach

Am Donnerstag wird die Oper „Frau Schindler“ vom Gärtnerplatz in der Reithalle uraufgeführt

Der deutsche Industrielle Oskar Schindler rettete im Zweiten Weltkrieg rund 1300 Juden durch die Beschäftigung in seinen Rüstungsbetrieben. 1993 erzählte der Film „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg diese Geschichte. Der Beitrag seiner Ehefrau Emilie blieb lange unbeachtet. In „Frau Schindler“ wird sie zur Opernfigur. Text und Musik stammen von Thomas Morse, die Uraufführung findet am Donnerstag in der Reithalle statt.

AZ: Mr. Morse, was macht Emilie Schindler zu einer Opernfigur?
THOMAS MORSE: Hinter jedem großen Mann steht eine starke Frau. Emilie Schindler hat die Fäden im Hintergrund gezogen und während Oskars Reisen nach Berlin die Fabrik geleitet. Sie hat die SS dazu angehalten, die Gewalt auf ein Minimum zu begrenzen. Die Geschichte seiner Frau verdient es, erzählt zu werden. Nach Spielbergs Meisterwerk kann ich keinen zweiten Film über Schindler drehen. Und bei einer Oper ist es von Vorteil, wenn das Publikum die Geschichte in Umrissen kennt.

Was hat Frau Schindler nach dem Krieg gemacht?
Sie lebte ohne Anerkennung und ohne Mittel in Argentinien. Ich habe die Oper nicht mit dem Ziel geschrieben, eine Geschichtsstunde über den Holocaust zu erteilen. Das Stück erzählt schlicht von zwei Menschen, die nicht viel anders waren, als wir selbst es heute sind.

Waren Sie an den Originalschauplätzen?
Ja. Ich habe Fotos von der Ruine der Schindler-Fabrik im tschechischen Brünnlitz gemacht. Der Bühnenbildner Kevin Knight war von den Fabrikfenstern angetan. Er hat sie als transparente Barrieren gegen die Freiheit übernommen – eine sehr passende Metapher, wie ich finde.

Droht nicht Kitschgefahr, wenn vom Holocaust bedrohte Menschen singen?
Ich fand das auch schwierig. Meine Lösung: In der Oper tritt ein Kantor auf. Er gehörte zu den „Schindlerjuden“. Seine Gebete finden in der Fabrik statt. Sie geben den Opfern eine Stimme – in Anklängen an hebräische Melodien.

Wie muss man sich Ihre Musik vorstellen?
Ich schätze Komponisten wie György Ligeti, Krzysztof Penderecki oder Henryk Gorecki. Aber „Frau Schindler“ ist keine Avantgarde. Die Musik klingt neoromantisch. Sie unterstützt die Geschichte auf die ehrenhaftest möglich Weise. Und sie ist leicht zu hören.

Filmmusik klingt oft opernhaft. Ist es für Sie als Filmkomponist nur ein kleiner Schritt zur Oper?
Ja und nein. Ich habe viele Stunden mit Autoren, Regisseuren und Produzenten verbracht. Aber bei einer Filmmusik sind die Gesten der Schauspieler bereits gemacht und die Geschichte erzählt. Niemand ändert wegen der Musik noch etwas.

Und wie ist es bei einer Oper?
Genau umgekehrt. Ich komponiere die Aktion der singenden Darsteller, wie ich sie vor mir sehe und lege in der Musik den Grad der Gefühle fest.

Welche klassische Oper mögen Sie am liebsten?
Eigentlich alle. Aber Puccinis „Madame Butterfly“ vielleicht etwas mehr – wegen der weiblichen Hauptfigur, der schönen Musik und der gut erzählten Geschichte.

Haben Sie beim Komponieren an die Reithalle gedacht? Oder doch ans Gärtnerplatztheater, dessen Eröffnung sich verzögert hat?
Eine heikle Frage. Ich habe mich sehr mit dem Theater beschäftigt und entschieden, viele Dialoge unbegleitet und ohne orchestrale Umhüllung singen zu lassen. Aber ich bin auch mit der Reithalle glücklich. Das Orchester sitzt hinter den Darstellern. Dadurch entsteht eine Intimität, die ich nicht erwartet habe. Und die diskrete Verstärkung macht vieles klarer.

Haben Sie die Oper selbst instrumentiert? Viele Filmkomponisten lassen das von Profis erledigen.
Davon halte ich gar nichts. Ich habe als Komponist mit einem Solostück für Flöte begonnen und mich dann durch alle anderen Instrumente des Orchesters vorgearbeitet, weil ich lernen wollte, wie sie natürlich klingen. Instrumentierung und Komposition gehören untrennbar zusammen.

Haben Sie bei den Proben viel von München gesehen?
Ich habe ein Zimmer ganz in der Nähe des Gärtnerplatzes, nahe dem Viktualienmarkt. Den finde ich wunderbar. Überhaupt: München ist das deutsche Los Angeles.

Premiere am Donnerstag, 9. März, 19.30 Uhr in der Reithalle, Heßstraße 132. Weitere Vorstellungen bis 19. März. Infos unter Telefon 21 85 19 60

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