AZ-Kritik So ist "King Arthur" von Henry Purcell in der Reithalle

Henry Purcells "King Arthur" in der Reithalle. Foto: Marie-Laure Briane

Lauter schöne junge Menschen: Torsten Fischers Inszenierung von Purcells „King Arthur“ in der Reithalle.

 

Bei dieser Produktion ist es fast ein Glücksfall, dass sie im Ausweichquartier der Reithalle stattfindet, weil das Gärtnerplatztheater noch wegen Generalsanierung geschlossen ist. Schwer vorstellbar, wie ein solches direkt anspringendes Theaterspiel in einem konventionelleren Raum in dieser Reinheit möglich wäre. Zu bedauern ist einzig und allein, dass das fabelhafte Gärtnerplatzorchester und sein Dirigent Marco Comin nicht zu sehen und nur über Lautsprecher zu hören sind.

Überwältigende Effekte durch Choreographien

Die Bühne selbst ist eine riesige schiefe Ebene, die zum Publikum hin abfällt. Und anders als in anderen Inszenierungen wird die Schräge hier auch als solche genutzt, wenn die „eisübergossenen Lande“ des dritten Aktes, in der Frost-Szene, so simuliert werden, dass alle Mitwirkenden aus schwarzen Müllsäcken ganze Lawinen von weißen Plastikkugeln hinabstürzen lassen (Bühnen- und Kostümbild: Herbert Schäfer/Vasilis Triantafillopoulos). Nicht nur ist der durch ein Bällebad hergestellte Schneehaufen optisch sehr reizvoll, die Aktion setzt vor allem ansteckende kollektive Energien frei und produziert noch dazu einen Heidenlärm, der mit der Musik kontrastiert. Szenenapplaus.

Zusammen mit dem Choreographen Karl Alfred Schreiner setzt Regisseur Torsten Fischer jedoch nicht nur mit dem Requisitenmaterial Glanzpunkte, sondern gewinnt schier überwältigende Effekte aus der Arbeit mit den Körpern der Sänger, Choristen und Tänzer des Gärtnerplatztheaters.

In der Schlachtszene des ersten Aktes formieren sich die Massen, zombieartig knurrend, in einer geradezu bedrohlichen Choreographie. Höchst angespannte Leiber ziehen da zuckend und mit wilden Grimassen in die Schlacht und entladen sich im Kriegsgebrüll. Mit geräuschvoll zerrissenen Pappkartonagen gerät das Schäferfest zunächst genauso martialisch. Erst allmählich finden Jungen und Mädchen und Jungen und Jungen zusammen und feiern nach der Barbarei der Körper zarte erotische Feste.

Die unmittelbare Nähe der Darsteller zum Auditorium erweist sich auch im vierten Akt als unschätzbar, wenn alle Mitwirkenden, ob männlich oder weiblich, in glitzernden Abendroben am Bühnenrand entlang flanieren und das Publikum mit verführerischen Blicken direkt anspielen. In dieser Revue kann man keinen Unterschied zwischen den Tänzern und den Sängern ausmachen. All diese schönen jungen Menschen!

Exzellente Darsteller

Drei phantastische junge Schauspieler sind es, welche in diesem Zwitter von Theaterstück und Oper das gesprochene Wort vertreten: Simon Zigah gibt der Rolle des König Arthur bewusst spürbare Unsicherheiten und eine Verzweiflung mit, die sich auch durch aufgesetzt gute Laune nicht überspielen lässt. Markus Gertken ist ein Oswald, dessen leise, doch gestochen deutlich artikulierte Dialogsätze jene Kälte erzeugen, die dem Bällebad fehlt. Selbst inmitten des gesamten Ensembles gelingt es der fabelhaften Judith Rosmair als Emmeline zuverlässig, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und das nur durch die leisen, nachdenklichen Verse, die sie mit ihrer zärtlichen Mädchenstimme spricht.

Die Sänger, die stets mehrere Rollen übernehmen – Camille Schnoor, Sophie Mitterhuber, Leela Subramaniam, Frances Lucey, Ann-Katrin Naidu, Maximilian Mayer, Juan Carlos Falcón, Christoph Seidl sowie Tobias Greenhalgh als Merlin – übertreffen sich gegenseitig in ihrer darstellerischen Frische und ihren aus freier Brust ertönenden jungen Stimmen. Eigentlich müsste über jeden Einzelnen eine eigene Hymne geschrieben werden.

Das Orchester als verbindendes Element

In diesem spannungsvollen wie harmonischen Zusammenspiel von Schauspielern, Sängern und Tänzern wirkt das Gärtnerplatzorchester nicht nur als eine starke Kraft, sondern, mehr noch, als alles verbindendes Element. Marco Comin hält sich nicht mit historisierenden Mätzchen auf, sondern schafft orchestrale Substanz mit bläsersolistischen Köstlichkeiten als stabiles Rückgrat für dieses hinreißende Theaterspiel. Diese genuine Theaterhaftigkeit der Musik wirkt mithin viel authentischer als der bloße Einsatz von kurzatmiger Rhetorik.

Eine wunderbare Aufführung! Eine Warnung sei aber noch ausgesprochen: Versuchen Sie bitte nicht, einen der weißen Schneebälle mitzunehmen. Ein scharfsichtiger Aufpasser wird Sie daran hindern.

Weitere Vorstellungen am 10., 11., 13., 14., 16. und 18. 12. in der Reithalle, Heßstraße 132. www.gaertnerplatztheater.de

 

1 Kommentar