Gärtnerplatztheater Interview mit Karl Alfred Schreiner zum "Nussknacker"

Der "Nussknacker" im Gärtnerplatztheater. Foto: Marie-Laure Briane

Karl Alfred Schreiner über den "Nussknacker" im Staatstheater am Gärtnerplatz

 

Von Gärtnerplatz-Intendant Josef E. Köpplinger als neuer Tanzchef an die Isar gebracht, starteten Schreiner und sein 20-köpfiges Ensemble seinerzeit in den sanierungsbedingten Ensuite-Betrieb mit Tschaikowskys „Dornröschen“. Eine bekannte Story, die er gut in moderne Bewegungsformen gießen und der er neue Akzente abgewinnen konnte. Perfekt für den ersten Kontakt zum Publikum. Erleichtert stellt der gebürtige Salzburger nun fest: „Natürlich ist es – logistisch-praktisch gesehen – viel besser, wo wir wieder im eigenen Haus arbeiten“.

 

AZ: Herr Schreiner, Ihre originelle „Dornröschen“-Bearbeitung von 2012 war farbenfroh und hatte einen frechen Drive. Lag es da auf der Hand, zum Ballett-Einstand im frisch renovierten Haus Tschaikowskys „Nussknacker“ zu wählen?

Karl Alfred Schreiner: Es gibt ein paar Ballette, bei denen man als Choreograf einfach Lust hat, sie anders zu machen. Von Tschaikowskys großen Tanzwerken liebe ich besonders die beiden von Ihnen genannten, weil sie sich an Märchenstoffe anlehnen.

Den „Nussknacker“ für unsere frühere Ersatzpielstätte, die Reithalle, zu kreieren, wäre aufgrund des Bühnenbildes schwierig gewesen. Und nun endlich zurück am Gärtnerplatz wollte ich die Saison mit einem bekannten Abendfüller eröffnen.

 

Auch bei Tschaikowsky kam „Nussknacker“ nach „Dornröschen“. Grundlage sollte ursprünglich E. T. A. Hoffmanns fantastische Erzählung „Der Nussknacker und der Mäusekönig“ von 1816 sein. Stattdessen floss die stark abgeschwächte französische Übersetzung von Alexandre Dumas père in die Arbeit ein. Wie düster geht es Ihrer Version zu?

Tschaikowsky hatte den Ruf, ein „ewiges Kind“ zu sein, interessierte sich für Spielzeug und Feenwelten. Mich hat die tolle Musik fasziniert, mit ihren eingängigen Walzern und Melodien. Natürlich kann man die Geschichte heutzutage auch im Gulag spielen lassen. Ich persönlich habe aber großen Respekt vor dem Werk. Und wir sind auch nicht der Ort und das Haus, wo man Stücke präsentiert, um sie komplett von Innen nach Außen zu stülpen. Besonders im Hinblick auf die Jüngeren, die noch nie einen „Nussknacker“ gesehen haben, möchte ich die Grundgeschichte beibehalten. Nichtsdestoweniger habe ich das Anliegen, meine eigene Version zu erzählen.

 

Worum geht es dann bei Ihnen?

Ich möchte eine Geschichte erzählen, die sich von Anfang bis Ende durchzieht. Deshalb gibt es bei mir zwei wichtige handelnde Personen: zum einen den Patenonkel Droßelmeier, der in meiner Version ein sehr lebensfroher, positiver, liebender Mensch ist. Für ihn steht der Blumenwalzer. Der Gegenpart ist aus enttäuschter Jungendliebe die Mutter. Ihre Person zeichnet Strenge aus. Sie will ihre Tochter Klara unbedingt davor behüten, sich in einen jungen Mann zu verlieben und ein gebrochenes Herz zu bekommen. Im ersten Teil werden die Figuren wie in einer klassischen Version vorgestellt, der Zuschauer begegnet ihnen aber auch nach der Pause wieder. Diesmal allerdings aus Klaras Perspektive. Das ist der Clou, mit dem wir die Brücke über beide Akte schlagen. Bei mir betritt Klara in ihrem Traum die harmonische Welt von Fritz und seinem Vater Droßelmeier, Klaras Patenonkel. Und wie kann es anders laufen, als dass sich Fritz, Droßelmeiers Sohn, in Klara verliebt! Störfaktor sind nicht die Ratten, sondern Klaras eigene Mutter.

 

Problemfigur ist also nicht der Mäusekönig, sondern die Mutter? Ja, denn sie hat ein Problem mit dem Älterwerden. Sie steht in Konkurrenz zu ihrer Tochter. Die Mutter steht für Herzenskälte, das Geometrische – was wir auch szenisch umsetzen –, also die eiskalte Welt der Schneekönigin. Zu Beginn des Schneeflockenwalzers, dem Moment, wo Klara und der Prinz bzw. Fritz versuchen zusammenzukommen, tritt sie auf und friert mit einer Handbewegung die ganze Welt ein. Bei „Nussknacker“ arbeiten sie erstmals mit Kiril Stankov zusammen, der die musikalische Leitung und damit sein erstes Ballettdirigat überhaupt übernehmen wird. Livemusik zu Ballett-Produktionen ist mir wirklich ein großes Anliegen. Wir haben uns sofort gut verstanden und eine gemeinsame Sprache gefunden, was Inhalte, Tempi und Phrasierungen angeht. Kiril kam dann zu sehr vielen Proben und hatte sofort auch eine persönliche Leidenschaft für die Mitentwicklung des Stücks.

23. (Premiere), 25., 26.11., 3., 9., 23., 25.12. im Staatstheater am Gärtnerplatz, Karten unter 2185 1960

Die AZ-App für Android und iOS

Android-App jetzt herunterladen iOS-App jetzt herunterladen!

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null