Gärtnerplatztheater Die "Dreigroschenoper" im Circus Krone

Das Ensemble der "Dreigroschenoper" im Circus Krone Foto: Christian Zach

Das Gärtnerplatztheater spielt die "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill konzertant im Circus Krone

 

Richard Wagner graute es am Ende seines Lebens vor dem „Kostüm- und Schminkewesen“. Jeder Opernliebhaber teilt in dunklen Stunden diese Skepsis. Denn es gibt Stücke, die auf der Bühne regelmäßig enttäuschen, weil sie im imaginären Kopftheater viel besser funktionieren.

Eines dieser Stücke ist die „Dreigroschenoper“. Das Gärtnerplatztheater bändigt die wohlfeile Sozialkritik dieses Gassenhauers im Circus Krone durch eine konzertante Nicht-Inszenierung. Weniger ist hier mehr. Die Beleuchtung unterstreicht sparsam die Stimmung, die Darsteller sitzen und stehen vor dem Orchester. Von diesem Minimalismus profitieren Bertolt Brecht und Kurt Weill gleichermaßen. Und der Ort sorgt ganz zwanglos für den unverzichtbaren Charme von Jahrmarkt und Halbwelt.

Die von der zynischen Wirklichkeit längst überholte Sozialkritik entfällt: Das ganze Theater ersetzen karge, ausreichende Zwischentexte. Brecht wird reduziert auf sein Stärkstes: den rotzigen Sarkasmus seiner Lyrik in den Songs.

Die von Schauspielhäusern regelmäßig unter Wert bearbeitete Musik kommt im Cirkus Krone endlich zu ihrem Recht: Man hört sie vollständig, mit den Chören, der voll ausgespielten Opernparodie und den Originalfarben der raffinierten Orchesterbesetzung, in der Banjo und Schlagzeug den ohnehin rauen Bläserklang weiter nachtrocknen. So wird das Stück wirklich auf den Punkt gebracht. Und die Verstärkung ist so dezent, dass man sie gar nicht bemerkt.

Die Musik kommt zu ihrem Recht

Mehr als einer Nummer tut es gut, wenn sie von ausgebildeten Sängern interpretiert werden: Mit der Kantilene am Anfang des Zuhälterballade hat ein Schauspieler seine Schwierigkeiten. Maximilian Mayer als Macheath nicht. Es hat zwar schon charismatischere Darsteller dieses Gentleman-Gauners gegeben, aber sein „Gerettet“ im Finale hat dafür parodistischen Tenorglanz. Und mit dem dem schnellen Parlando der Kerkerarie kommt ein Sänger auch viel besser zurecht.

Polly spielt den Macheath an die Wand. Nadine Zeintl ist rotzig und vulgär, zugleich zerbrechlich, was der Figur einen ganz eigenen, widersprüchlichen Reiz verleiht. Dass sie das „Hoppla!“ beim Köpfen im Song von der Seeräuber-Jenny beinahe in ein wienerischen „Hoppala“ verwandelt, hat einen ganz eigenen Charme.

Die starken Gegnerinnen machen Zeintls Polly nur noch stärker. Dagmar Hellberg singt die „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ wunderbar ordinär. Anna-Katharina Tonauer spielt als Lucy die Parodie ihrer in Sprechtheater-Aufführungen meist unterschlagenen Arie voll aus - das kann nur eine Künstlerin mit Opernstimme.

Für die Episodenrolle der Spelunken-Jenny wird Brigitte Hobmeier aufgeboten: Sie zeigt Bein wie Marlene Dietrich, singt das Duett mit Macheath wunderbar melancholisch-geheimnisvoll umflort und spricht einen Großteil der verbindenden Texte. Eine Luxusbesetzung. Aber ein Luxus, der sich lohnt.

Allen Darstellern gelingen individuelle Porträts, niemand versucht, die das rollende R aus den historischen Aufnahmen nachzumachen. Der immer etwas unterschätzte, vielseitige Dirigent Andreas Kowalewitz leitet das exzellent spielende Orchester des Gärtnerplatztheaters umsichtig. Ein paar Wackler konnten die Stimmung nicht verderben.

Konzertante Aufführungen schieben todkranke Opern normalerweise im Rollstuhl an die frische Luft. Hier führt die Kur zur Heilung: Es ist eine Rettung ins Kulinarische. Die „Dreigroschenoper“ findet zu sich: Weniger Brecht, dafür Weill total.

Noch einmal am 11. Oktober um 19.30 Uhr im Circus Krone

 

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