Gärtnerplatz im Prinzregententheater "Viktoria und ihr Husar" in der Inszenierung von Josef E. Köpplinger

Susanne Seimel (O Lia San) und das Ensemble. Foto: Christian Pogo Zach

Der Gärtnerplatz zeigt Paul Abrahams Operette „Viktoria und ihr Husar“, inszeniert von Josef E. Köpplinger, im Prinzregententheater

 

Kranke, müde, geschundene Menschen vegetieren in grauer Kleidung vor sich hin. Durch die eingeschlagenen Fenster wehen die Schneeflocken, die Kälte im Prinzregententheater ist fast zu spüren. Von sadistischen Aufsehern werden die Gefangenen bedroht. Einen von ihnen, der sich seinen Stolz noch nicht hat nehmen lassen, den ungarischen Rittmeister, zwingt der Lagerleiter, seine Geschichte zu erzählen (Bühne: Karl Fehringer/Judith Leikauf, Kostüme: Alfred Mayerhofer).

Das ist ja überhaupt nicht lustig! Aber Paul Abrahams „Viktoria und ihr Husar“ zählt doch zur „leichten Kunst“? Zum Glück hat Josef E. Köpplinger, der Intendant des derzeit noch auswärtig spielenden Gärtnerplatztheaters, diese historisch späte, schon etwas überreife Operette nicht eins zu eins nachinszeniert, so, als ob der Komponist in der Emigration nicht in die Heilanstalt eingewiesen werden musste und der Librettist Fritz Löhner-Beda nicht in Auschwitz ermordet worden wäre.

Das tragische Schicksal ihrer Schöpfer hält in dieser hervorragenden Inszenierung vielmehr Eingang in die Rahmenhandlung: Der Husar Koltay, tenoral strahlend verkörpert durch Daniel Prohaska, bringt mit seiner tragischen Erzählung Farbe in den Häftlingsalltag und verdient sich so bei seinem Peiniger (schön zynisch: Gunther Gillian) die Freilassung. Diese freilich ist alles andere als ein glückliches Ende, schließlich bleiben die anderen Häftlinge zurück; und noch an den unwirklichsten Fantasieorten, etwa dem Japan zur Kirschblüte, stürzen die Kriegsversehrten über ihre Krücken, während die Schauspieler ausgelassen tanzen (Choreographie: Karl Alfred Schreiner).

Die zweite Ebene gerät nie in den Hintergrund, sie ist in jeder Sekunde sorgfältig ausinszeniert, so, wie das Leid in einem Lager ja auch nicht verschwindet, während man dort eine Operette aufführt. Das lässt die Hemmungslosigkeit der lustigen Gesellschaft zumindest doppelbödig erscheinen, mitunter auch obszön. Denn auch wenn die Kalauer angestaubt wirken: Die Regie deckt unaufdringlich, doch präzise die aufsässigen Momente des Stückes auf. Die Frauen sind selbstverständlich emanzipiert, Susanne Seimel als O Lia San zieht schon nach der Hochzeitsnacht einen halben Harem hinter sich her, Katja Reichert als Riquette hält ihren Janczy, den sie erst einmal ausgiebig baden muss, mit Handtuch und Bürste auf Trab – grandios, was für ein ansteckendes Spiel der quirlige Josef Ellers in dieser Szene veranstaltet.

Christoph Filler als Graf Ferry mimt den Gutmütigen, Erwin Windegger den edlen Amerikaner, und Alexandra Reinprecht als Gräfin Viktoria singt diese Rolle so verschwenderisch und spielt sie so ernsthaft, dass ihr Schwanken zwischen zwei Männern mehr ist als bloßer Operettenstoff.

Die Mama aus Yokohama zündet auch heute noch

Am Pult des Gärtnerplatz-Orchesters spreizt Michael Brandstätter die Kluft weit auf zwischen den seriösen Nummern wie dem langsamen Walzer „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“, in welchem eine ungeahnte Tiefe aufbricht, und den seinerzeit modernen Schlagern wie „Meine Mama war aus Yokohama“, die auch heute noch fabelhaft zünden; Da hat die Musik keine kittende Funktion mehr, sie kann nur noch die Unvereinbarkeit von grausamer Kriegsrealität und dem Ausbruch in den Kitsch selbst ausdrücken. Eine sehenswerte Produktion.

Wieder am 18., 19., 21., 22., 24. und 25. Juni, Karten unter Telefon 21 85 19 60

 

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