Fußballfrauen: WM-Flop nicht verdaut Musikantenstadl statt Sommermädls

Das erste EM-Qualifikationsspiel der deutschen Fußballfrauen findet am Samstag in Augsburg weitgehen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Bislang sind nur 5500 Karten verkauft.

 

AUGSBURG Es hat ein bisschen gedauert, bis der Weltverband Fifa seine Lehren aus der Frauen-WM 2011 gezogen hat. Just an dem Tag, an dem die deutsche Frauen-Nationalmannschaft in einem Augsburger Stadthotel für das erste EM-Qualifikationsspiel am Samstag gegen die Schweiz (15.45 Uhr) zusammentraf, ist der Abschlussreport veröffentlicht worden. Damit hat es Bundestrainerin Silvia Neid schwarz auf weiß, woran es dem verfrüht gescheiterten WM-Gastgeber fehlte. „Herausragende individuelle Qualitäten reichen nicht mehr aus, um weiter nach vorne zu kommen", heißt es in der technisch-taktischen Analyse der Studiengruppe.


Zudem hat die ehemalige US-Trainerin April Heinrichs in dem 165-Seiten-Pamphlet ein Statement verfasst, das eine Ohrfeige für die deutsche Welttrainerin darstellt: „Im Zuge der stetig zunehmenden Leistungsdichte sind es immer häufiger die taktischen Entscheidungen der Trainerinnen und Trainer, die über Sieg und Niederlage entscheiden."


Neid sagt: „Ich habe mich am ersten Abend mit der Mannschaft zusammengesetzt und noch mal über alles gesprochen." Gleichwohl räumte die 47-Jährige ein: „Die WM kann man nicht abhaken, das ist nicht möglich. Es würde aber guttun, wenn wir gegen die Schweiz ein gutes Spiel machen." Öffentliche Erkenntnisse der 47-Jährigen betreffen zuvorderst persönliche Befindlichkeiten: „Mich kann so schnell nichts mehr schocken. Ich weiß jetzt: Der Sieger ist der King, der Verlierer ist die Bratwurst.“
Die EM-Qualifikation, in der neben der Schweiz noch Rumänien, Kasachstan, Spanien und die Türkei als Gegner warten, ist der ideale Rahmen, um mit Pflichtsiegen wieder Selbstvertrauen zu sammeln. Und vielleicht ist der seit der WM arg angespannt wirkenden Silvia Neid gar nicht einmal unrecht, dass der nach den Rücktritten von Birgit Prinz, Kerstin Garefrekes, Ariane Hingst und Ursula Holl und durch die Verletzungen von Kim Kulig und Celia Okoyino da Mbabi erschwerte Neuaufbau weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.


Nur 5500 Tickets sind in Augsburg erst verkauft, die Partie wird zwar live in der ARD ausgestrahlt, läuft aber parallel zur Männer-Bundesliga - entsprechend niedrig dürfte die Quote ausfallen.
Beim DFB wird das sehr bedauert, doch der europäische Dachverband Uefa legt die Spieltermine fest, die Fernsehanstalt die Anstoßzeit. Die Chance, den WM-Boom auszunutzen, ist damit vertan. „Das gefällt uns nicht", klagt Nationalmannschafts-Managerin Doris Fitschen, „statt Frauenfußball gibt es jetzt Musikantenstadl." Am Samstagabend in der ARD.


Immerhin findet am 26. Oktober noch ein Freundschaftsspiel gegen den WM-Dritten Schweden am Millerntorstadion in Hamburg statt, das Heimspiel gegen Kasachstan in der EM-Qualifikation am 19. November wurde in die Kurstadt Wiesbaden vergeben. Auch ein Indiz, dass sich der Frauenfußball wieder in seine Nische verzieht, die er vor dem aufgemotzten Großereignis besetzte.


Neue Kapitänin für Birgit Prinz, mit der Silvia Neid in diesem Monat die überfällige Aussprache suchen und einen offiziellen Abschied besprechen will, wird Nadine Angerer. Die 32-jährige Torfrau gibt sich bezüglich ihrer neuen Aufgabe pragmatisch: „Ich will mögliche Brandherde schon im Vorfeld verhindern und auch mal auf den Tisch hauen." Neben einem kreativen Offensivspiel gilt eine durchsetzungsstarke Führungsspielerin intern nämlich als größtes Manko des amateurhaft aufgearbeiteten WM-Sommers.

 

0 Kommentare