"Fußball-Tsunami" FIFA-Wahl eine Farce

Die Wahl des FIFA-Präsidenten verkommt zur Farce, der Weltverband erlebt den größten Skandal seiner 107-jährigen Geschichte.

 

Berlin - FIFA-Vize Jack Warner kündigte einen schockierenden "Fußball-Tsunami" an, der britische Premierminister David Cameron fordert eine Verschiebung der Wahl - und Amtsinhaber Joseph Blatter und sein Herausforderer Mohamed bin Hammam verschanzen sich. Vor ihrem brisanten Auftritt am Sonntag vor der FIFA-Ethikkommission sagten die beiden Rivalen ihre geplanten Reisen zum Champions League-Finale nach London ab.

Die Welt müsse sich auf pikante Enthüllungen gefasst machen, prophezeite der mit Bestechungsvorwürfen beschuldigte Warner. "In den kommenden zwei Tagen werden sie einen Fußball-Tsunami erleben, der die FIFA und die Welt erfassen wird, und das wird sie schockieren", erklärte der Präsident des Kontinentalverbandes von Nord- und Mittelamerika (CONCACAF) vor seiner Abreise nach Zürich, wo auch er sich vor der Ethikkommission verantworten muss. Die Zeit sei reif, dass "ich aufhören muss, mich tot zu stellen", erklärte Warner, ohne weitere Details zu verraten.

Der Spitzenfunktionär soll bei einem Treffen der Karibischen Fußball-Union (CFU) am 10. und 11. Mai in Trinidad gemeinsam mit bin Hammam versucht haben, zur Erhöhung der Wahlchancen des Katarers Stimmen karibischer Funktionäre für die Wahl am 1. Juni in Zürich zu kaufen. Warner bestritt erneut sämtliche Anschuldigungen und sieht einer drohenden Suspendierung mit Gelassenheit entgegen. "Sie können machen, was sie wollen, es tangiert mich nicht", so der 68-Jährige, "selbst wenn das schlimmste passiert, bin ich immer noch der CONCACAF-Präsident".

Noch nie stand die Ethikkommission in ihrer fünfjährigen Geschichte so im Fokus der Weltöffentlichkeit wie in diesen Tagen. Bin Hammam muss sich wegen des Verdachts der Bestechung verantworten. Seinem Rivalen Blatter wirft er vor, von angeblichen Zahlungen an FIFA-Mitglieder aus der Karibik gewusst, aber nichts dagegen unternommen zu haben. Statt ihres avisierten London-Trips zum Champions League-Gipfel zwischen dem FC Barcelona und Manchester United bereiteten sich beide Protagonisten auf ihre Anhörung vor.

"Niemand hat jemals versucht zu leugnen, dass Herr bin Hammam die Reise- und Unterbringungskosten der Delegierten sowie die Kosten für das Treffen übernommen hat", hieß es auf der Internetseite bin Hammams. Den Vorwurf, damit Stimmen kaufen zu wollen, wies er zurück. "Ich bin froh, dass am 1. Juni die Wahlen stattfinden und die Delegierten der 208 Mitgliedsverbände ihre Entscheidung treffen können", war noch am Samstag in bin Hammams Blog zu lesen. Doch die Forderungen nach einer Verlegung der Abstimmung am kommenden Mittwoch in der Züricher Messehalle werden immer lauter - und prominenter.

Nach Informationen der englischen "The Times" soll sich auch David Cameron für eine Verschiebung ausgesprochen haben. Die Tageszeitung titelte: "Großbritannien fordert FIFA auf, die Wahl zu stoppen." Laut einer nicht genannten "Times"-Quelle soll Cameron "öffentlich und privat klargemacht haben, dass er glaube, die Geschäfte der FIFA seien ziemlich schmuddelig geworden". Sportminister Hugh Robertson sagte, die Wahlen "verkommen zu einer Farce".

Der englische Verband FA hatte bereits angekündigt, weder für den einen noch den anderen Kandidaten stimmen zu wollen. Die Blatter-Abneigung auf der Insel ist mittlerweile bekannt, doch auch bin Hammam traut man hier nicht die erhoffte Erneuerung der FIFA zu. Deren Mitgliedsverbände hatten auf dem Kongress am 7./8. Juni 2006 in München mit 188:6 Stimmen beschlossen, eine unabhängige Ethikkommission in Ergänzung zur Disziplinar- und Berufungskommission als drittes Rechtsorgan zu schaffen. Die FIFA orientierte sich am Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das seit 1999 als Reaktion auf den Skandal von Salt Lake City einer Ethikkommission vertraut.

Das Gremium stand zuletzt mehrfach im Blickpunkt, hat nun aber die bislang schwerste FIFA-Krise zu bewältigen. Im Oktober 2010 wurden zwei Mitglieder der Exekutive wegen Korruptionsvorwürfen suspendiert. Im Dezember sorgte das einzige deutsche Mitglied der Ethikkommission, der ehemalige Bundesgerichtshof-Präsident Günter Hirsch, mit seinem sofortigen Rücktritt für Wirbel.

"Die Ethikkommission muss einen anderen Stellenwert erhalten. Die hat im Moment mit diesen ganzen Vorwürfen mehr zu tun als die Disziplinarkommission. Die großen Diskussionen, die dem Image des Fußballs schaden, beziehen sich auf Vorkommnisse außerhalb des Spielfeldes", hatte Blatter vor kurzem in einem dpa-Interview gesagt. Nun beziehen sich die Diskussionen - wieder einmal - auch auf ihn.

 

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