Fünf Geheimnisse aus Hengasch Warum ist "Mord mit Aussicht" so beliebt?

Kommissarin Sophie Haas (Caroline Peters, l.) und Dorfpolizist Dietmar Schäffer (Bjarne Mädel) in Aktion Foto: ARD/Michael Böhme

Die Zahlen sprechen für sich: 7,22 Millionen Zuschauer verfolgten allein die letzte Folge der ARD-Krimireihe "Mord mit Aussicht" - Tendenz steigend. Doch was macht diese Serie so reizvoll? Eine Spurensuche.

 

Köln - Hengasch ist der Arsch der Welt. Deshalb heißt er auch so. Hängender Arsch? Ein verschlafenes Eifeldorf, das es gar nicht gibt. Wer möchte schon in so einem Ort wohnen? Und doch ist Hengasch Woche für Woche für Millionen von Fernsehzuschauern der Nabel der Welt. Denn Hengasch ist derzeit der witzigste Tatort, Schauplatz für "Mord mit Aussicht", der Deutschen liebste Krimiserie.

Heute Abend (20.15 Uhr, ARD) ist es wieder so weit: "Sankt Kennedy" heißt die neue Episode. Es geht, natürlich, wieder um Mord. Beim St. Martinsumzug wird der Pferdeführer erschossen. Oberkommissarin Sophie Haas und ihr tollpatschiges Team ermitteln. Schauen wieder über sieben Millionen zu?

Bereits zwei Mal hat "Mord mit Aussicht" die magische Sieben-Millionen-Hürde genommen. Anfang September waren es 7,02 Millionen Zuschauer, am vergangenen Dienstag sahen sogar 7,22 Millionen die Episode "Lovehotel Traube", das entspricht einem grandiosen Marktanteil von 22,7 Prozent, bei dem der Anteil der jüngeren Zuschauer (14- bis 49-Jährige) mit 13,1 Prozent mehr als das Doppelte über dem ARD-Schnitt lag.

Warum sind alle so verrückt nach "Mord mit Aussicht", ein Format, das es sogar wagt, in der Kategorie Krimi statt der erwarteten Spannung ein gehobenes Bauerntheater mit reichlich Nonsens zu servieren? Was macht diese Serie so reizvoll?

Gute Grundidee

Die Drehbuchautorin Marie Reiners, die in Köln und in der Eifel lebt, hat die Serie nach teilweise autobiografischen Motiven erfunden. Im Mittelpunkt steht die deutsche Provinz mit ihren kleinen nervigen Alltagsreibereien, die sich schon mal - wie aus Versehen - zu einem Kapitalverbrechen ausweiten, was alle köstlich amüsiert, nach dem Motto: Wo Blut fließt, wachsen auch Witze. Dieses Dickicht aus schrulliger Provinzbräsigkeit und bedenkenlosem Irrsinn kommt uns irgendwie sehr bekannt vor: Ein bisschen Hengasch ist überall.

Originelle Geschichten

Mal treibt eine Juwelendiebin ihr Unwesen, mal ein idiotischer Bombenleger. Mal züchtet ein Landwirt statt Mais tonnenweise Haschischstauden, mal wird ein Baby entführt. Meist fließt ein bisschen Blut, oft so lieb und idyllisch, dass man dem Mörder unterstellen möchte, alles sei nur aus Versehen passiert. Nicht das abgrundtief Böse treibt da sein Unwesen, sondern die menschliche Unzulänglichkeit, die im dösigen Hengasch mit einer unwiderstehlichen Schlichtheit einhergeht und jeder der bekümmerten Miene des wunderbar dämlichen Dorfpolizisten Dietmar Schäffer beipflichtet, in dessen Gesicht die einzige Frage steht: Musste das jetzt sein?

Witzige Charaktere

Hengasch ist Dietmar Schäffers Welt. Er und seine pausbäckige Kollegin Bärbel Schmied kennen alle, jeden Bauern, jeden Misthaufen, jede Kuh. Und alle kennen und mögen Didi und Bärbel, die ihren Aufgaben als Ordnungshüter und Verbrechensbekämpfer mit aufreizender Einfalt, nachbarschaftlicher Langmut und "unerträglich-sturer Gemächlichkeit" ("taz") nachkommen.

Ihre Chefin ist die ehrgeizige Kriminaloberkommissarin Sophie Haas, die aus Köln nach Hengasch versetzt wurde und nun vor Langeweile beinahe umkommt. Bei jedem Mord blüht sie lustvoll auf. Dann leuchtet pure Boshaftigkeit in ihren Augen ("Wir brauchen Straßensperren, Hundestaffeln, Killerdrohnen") und ihr Verehrer, der Tierarzt Dr. Kauth, der sie unbedingt heiraten möchte, hat mal wieder ratlos das Nachsehen.

Dann wäre da noch "Muschi", das blonde, vliesköpfige Trumm von Ehefrau, die ihrem "Bär" Schäffer dicke Wurststullen mit auf die Wache gibt, sich um das einzige Polizeiauto sorgt und beim abendlichen TV-Film über das Leben der Eichhörnchen ihren mampfenden Gatten fragt: "Die (Chefin Sophie Haas) raucht doch nicht in unserem Wagen?" Er knabbert wie ein Eichhörnchen an seinen Salzstangen: "Nö, das würde sie nie tun!"

Wunderbare Schauspieler

Caroline Peters (43) ist Bühnendarstellerin am Wiener Burgtheater und ist in "Mord mit Aussicht" eine wundervolle Oberkommissarin Sophie Haas. Ihr Mienenspiel präsentiert genau diese Mischung von Entschlossenheit, Widerwillen und boshafter Scheinheiligkeit, die einen ausgemachten Großstadtmenschen in der tiefsten Provinz schubweise überkommt. Meike Droste (34) gibt die herrlich naive Landgendarmin Bärbel Schmied, die zu ihrer Chefin aufschaut und Stück für Stück deren vermeintliche Raffinesse abkupfert. Und Petra Kleinert (47) spielt überzeugend die resolute Matrone und Polizistengattin "Muschi" Heike Schäffer.

Die wahren Highlights setzt jedoch Bjarne Mädel (46) als beschränkter Dorfpolizist Dietmar Schäffer, mit Topfschnittfrisur und echter Wampe, eine brillante Figur von zeitlupenhafter Komik. Leider will er mit dem Ende der dritten Staffel aussteigen, weil ihm die stetig verkürzte Drehzeit nicht passt.

Produzent Peter Güde führt den Erfolg der Serie auch auf seine Darsteller zurück: "Bei 'Mord mit Aussicht' kommen viele Einfälle von den Schauspielern selbst, und dadurch entsteht tatsächlich am Set noch viel Zusätzliches zur Buchvorlage."

Bilder aus der Provinz

Hügel, Felder, Kirchtürme, Hauser mit Schieferdächern, keine Ampel, keine Zebrastreifen - das Leben im schrulligen Eifelkaff kommt einem trotz großer und kleiner Verbrechen verlockend wie eine Erinnerung an bessere Tage vor. Gedreht wurde zum Teil in der Eifelgemeinde Kallmuth sowie in Korschenbroisch in der Nähe von Köln. Die Heimatbilder garnieren die Handlung perfekt, und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" überschlägt sich vor Lob: "Lokalkolorit, schillernde Figurenkonstellationen und großartiger Slapstick machen ,Mord mit Aussicht' zu einer der besten deutschen Serien. Etwas Vergleichbares haben weder HBO noch die BBC zu bieten, und ,Stromberg' ist dagegen grobmaschig."

Dagegen nörgelte der Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" Anfang September 2014: "Inzwischen ist es aus mit dem Spaß. Niemand will in ,Mord mit Aussicht' mehr ernst genommen werden. Alles wirkt, als gehe es nur noch um den nächsten Gag, nicht mehr um das Große und Ganze. Was als Sittenporträt ländlicher Bürgerlichkeit startete und seine Würze bekam durch die aus der Großstadt hereinschneiende Kommissarin, ist verkommen zum Komödienstadl, der nur noch die schnelle Herstellung des größtmöglichen Klamauks zum Ziel hat."

Wie dem auch sei: Derzeit laufen noch die Dreharbeiten zum 90-Minüter "Mord mit Aussicht - der Film", der im Frühjahr 2015 in der ARD ausgestrahlt werden soll. Alle sind sie dabei: Sophie, Bärbel, Muschi und natürlich auch Didi, der Bär. Mann, Mann, Mann!

 

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