Fröhling: "Kein Männerfußball" 1860 und der Abstieg: Abbild der Vergangenheit

Das Spiel der Löwen um Krisztián Simon (li.) und Korbinian Vollmann beim 0:2 in Braunschweig war ein sportlicher Offenbarungseid. Foto: dpa

Nach dem blamablen Auftritt der Löwen beim 0:2 in Braunschweig findet Trainer Torsten Fröhling extrem klare Worte. 1860 kämpft gegen den Abstieg – auch wegen der jahrelangen Versäumnisse im Verein.

 

München - Vor dem Löwenstüberl hatte sich am Sonntagvormittag eine Geburtstagsgesellschaft eingefunden. Mit launigem Akkordeonspieler. Man hätte fast glauben können, die Sechzger hätten was zu feiern. Doch nach dem 0:2 des TSV bei Eintracht Braunschweig ist die Laune an der Grünwalder Straße endgültig am Tiefpunkt angekommen.

Zwei Blitztore in der 5. und 47. Minute hatten am Samstag leblos auftretende Löwen schachmatt gesetzt. Tiefschlaf statt Abstiegskampf. Hilflos, mutlos, ideenlos statt laufen, kratzen, beißen. Trainer Torsten Fröhling war auch am Tag danach völlig bedient: „Einen schlechten Tag kann jeder mal haben. Aber was gestern war, davon war ich sehr enttäuscht. Die erste Halbzeit war für mich kein Männerfußball.“

Hoppla! Fehlen den Löwen etwa in der entscheidenden Phase der Saison die vielzitierten Eier? „Dass wir immer wieder so früh Gegentore bekommen, ist eine Katastrophe. Das hat die Jungs gelähmt“, erklärte Fröhling weiter, fügte dann fast entschuldigend an: „Das ist insofern verständlich, als wir eine junge Mannschaft sind.“

Immer wieder die Jugend. Schon Markus von Ahlen hatte Niederlagen wie in Nürnberg mit der Unerfahrenheit der Mannschaft erklärt. Holt die Verjüngungskur des Sommers die Löwen jetzt also ein?

Gegen Braunschweig lag der Altersdurchschnitt der Startelf bei 23,9 Jahren. Als Marius Wolf nach der Pause für Daniel Adlung kam, sogar nur noch bei 23,2. Erfahrung sieht anders aus. Zweitliga-Erfahrung sieht anders aus. Abstiegskampf-Erfahrung sieht anders aus. Erweist sich die Kaderplanung jetzt also als Bumerang? Kapitän Christopher Schindler ließ nach dem Spiel tief blicken. „Es wird von den jungen Spielern erwartet, den Verein zu retten“, klagte er und nahm die älteren Spieler in die Pflicht. „Die Spieler mit Zweitliga-Erfahrung stehen jetzt in der Verantwortung und müssen ein Gerüst bilden, in dem die jungen Spieler funktionieren können.“

Gegen die Eintracht standen aber gerade diese neben sich. Adlung (27), völlig außer Form, wurde zur Pause ausgewechselt. Kai Bülow (28) patzte wie schon gegen Aue vor dem 0:1. Dominik Stahl (26) soll das Mittelfeld zusammenhalten, ist nach seiner Verletzung noch nicht fit. Kapitän Schindler ist selbst erst 24 Jahre alt, soll trotzdem schon voran gehen. Fröhling weiß um das Problem. „Wir sind eine junge Mannschaft, in der es keine Ronaldos oder Messis gibt, die das im Alleingang lösen“, erklärte er unmittelbar nach dem Spiel.

Fragt sich, ob am Ende nicht Sportchef Gerhard Poschner schuld ist. Der hatte gerade erst im AZ-Interview erklärt, warum er im Winter keine Zweitliga-erfahrenen Spieler geholt hat. „Wir mussten abwägen, welche Spieler verfügbar waren.“

Das Fazit: Die Spieler aus der 2. Liga, die dem TSV weitergeholfen hätten, hätte der Klub für viel Geld – das 1860 nicht hat – aus den Verträgen kaufen müssen. Und Spieler aus der Bundesliga? Ein Insider aus der Berater-Szene zur AZ: „Warum sollte sich ein halbwegs guter Spieler aus der Bundesliga einen Klub wie 1860 antun?“

Die brutale Realität lautet: Den Verein holen die Sünden der Vergangenheit ein. Elf Jahre 2. Liga, gepaart mit Skandalen, Peinlichkeiten, Unprofessionalität, überzogenen Erwartungen und der seit Jahren andauernde Zwist zwischen Vereinsoberen und Investor Hasan Ismaik – all das hat die Marke 1860 schwer beschädigt.

Der Schlamassel der Löwen liegt also nicht nur im Misserfolg dieser Saison. Die heutigen Spieler beim TSV – ob jung oder alt – müssen ausbaden, was zig Präsidenten, Sportdirektoren, Trainer und Spieler vor ihnen seit dem Abstieg 2004 verbockt haben. Das 0:2 der Löwen in Braunschweig war nichts anderes als ein Abbild jahrelanger Misswirtschaft. Die entscheidende Frage lautet: Schafft der TSV 1860 in den verbliebenen sechs Spielen doch noch die Wende? Oder war die Pleite am Samstag der Anfang vom Ende? Die Aussichten jedenfalls sind düster. Drittklassig düster.

 

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