Friedrich Ani über FC Bayern "Katsches Tor - mein Gottesbeweis!"

Friedrich Ani bei der Taufe seines neuen Romans „Süden“ vor zehn Tagen in der Aurora Bar. Foto: Gregor Feindt

Hier erzählt der „schüchterne Fan”, warum er aus Wut über Klinsmann Mitglied im Verein wurde – und Hoeneß bewundert

 

AZ: Herr Ani, wir sitzen hier in Obergiesing. Wie lebt es sich als Bayern-Fan mitten im Löwenrevier? Fällt man da unangenehm auf?

FRIEDRICH ANI: Die Gefahr besteht. Die Tegernseer Landstraße laufe ich nicht im Bayern-Shirt entlang, das wäre mir innerlich zu aufwändig, mich aus allen möglichen Stüberln beschimpfen zu lassen. Man muss die Fähigkeit entwickeln, sich zu tarnen - wie bestimmte Tiere. Zu den Spielen ziehe ich mein Trikot an, meinen Schal. Die meisten Sechzger sehen Rot generell als unangenehme Farbe an, ich verstehe nicht, warum. Um das gleich loszuwerden: Ich fänd's aber super, wenn die Löwen wieder in der Bundesliga wären.

Ist Giesing zu 100 Prozent blau?

Die Identifizierung mit 1860 ist da, aber in vielen Stüberln hängen beide Wimpel. Da wird man nicht komplett ausgegrenzt. Ich wohne ja seit 28 Jahren hier und habe noch nie daran gedacht, meine Gesinnung zu ändern. Ich bin übrigens nicht alleine.

Als Bayern-Fan in Obergiesing?

Ja, einen kenne ich noch, von dem weiß ich's.

Aber der möchte hier sicherlich nicht öffentlich genannt werden.

Nein, das geht leider nicht.

Gab es immer nur den FC Bayern für Sie?

In meiner Jugend hatte ich mal eine heimliche Liebe zu Schalke, vielleicht wegen Stan Libuda. Komisch. Das hat sich lange gehalten, so im Hintergrund.

Durch wen kam die Fan-Prägung für den FC Bayern: Durch die Familie? Durch Freunde?

Durch mich! Ich habe selber Fußball gespielt in Kochel. Sogar recht brauchbar, ich war ganz gut.

Sie waren Torwart.

Ich bin Einzelgänger. Klar, da wirst du Torwart. Bayern war immer meine Mannschaft, das hat sich ganz natürlich ergeben. Ich erinnere mich an das Finale im Europapokal 1974 in Brüssel gegen Atletico Madrid mit dem Ausgleich kurz vor Schluss zum 1:1 durch Katsche Schwarzenbeck. Das Tor war mein einziger Gottesbeweis damals. Ich dachte: Es gibt ihn doch!

Waren es einzelne Figuren oder die ganze Mannschaft, die Sie begeistert haben?

Beides. Diese Typen! Beckenbauer, Maier, Müller. Auch Schwarzenbeck. Bulle Roth. Schräge Typen. Seltsame Gestalten, die man nicht auf dem Fußballplatz vermutet. Eine Mannschaft, die nie aufgegeben hat, die schwierige Spiele noch gewonnen hat. Das hat mir imponiert. Ich dachte: Irgendwie hat diese Einstellung etwas mit mir zu tun.

Sie waren ein Teenager. Ihre schönste Zeit als Fan?

Die 70er Jahre, das war eine einzige Hochzeit. Gott sei Dank hatten wir bald einen Fernseher – das war triumphal. Später habe ich einige Zeit den Fußball und die Bayern nur noch nebenbei betrachtet. Erst mit Anfang 40 hat sich das wieder verschärft, in den letzten Jahren sogar extrem, das hat dann sogar zur späten Mitgliedschaft geführt. Das hätte ich mir nie vorstellen können: ich – Mitglied in einem Verein?

Bestimmt doch nur, um besser an Karten zu kommen.

Nein, ich habe keine Dauerkarte. Ich bin Bayern-Mitglied aus Überzeugung. Es ist ein Bekenntnis und hat mich Überwindung gekostet, weil ich nicht der Vereinstyp bin.

Ist es nicht ungewöhnlich, so spät noch solch eine Fanleidenschaft zu entwickeln?

Doch, mir kommt das auch komisch vor. Aber das kam vor allem durch diesen Klinsmann, da habe ich mich dermaßen aufgeregt. Was da passiert ist, fand ich unerhört. Da hätten sie auch gleich Markus Lanz verpflichten können. Ich war völlig überrascht von mir selbst, habe den Verein beschimpft. Dadurch habe ich begriffen, wie nahe ich dem Verein stehe. Im Nachhinein war es natürlich auch reinigend.

Warum also sind Sie Mitglied geworden?

Wegen Uli Hoeneß. Nein: Für Uli Hoeneß. Ich bewundere diesen Mann, er verkörpert für mich diesen Verein. Einfach überragend, was er geleistet hat. In dieser Welt der Flüsterer und Feiglinge, die alles heimlich hintenrum machen, und mit diesen ganzen angepassten Buben, die heutzutage Fußball spielen, ist dieser Mann ein Segen. Dass es da einen gibt, der seine Meinung sagt, dazu steht und auch die ganze Wucht aushält, wenn etwas zurückkommt.

Muss man sich als Autor, als Künstler im Bekannten- und Freundeskreis rechtfertigen, dass man Bayern-Mitglied ist?

Wieso? Ich verstehe die Frage nicht. Ist der FC Bayern eine verbotene Organisation??

Nein, aber manche sagen, es gebe coolere, hippere Vereine. Freiburg, St. Pauli zum Beispiel ist für einen Künstler doch bestimmt angesagter.

Dann bin ich eben nicht hip oder cool oder angesagt. Natürlich kommt mal ein Spruch, das gehört dazu. Wenn das Gespräch draufkommt, gerade in einer anderen Stadt, ist man oft der Depp. Dann heißt es: Boah, wie kannst du nur! Aber in Krisensituationen, wenn es dem Verein schlecht geht, dann erkennt man plötzlich: Aha, ich liebe ja diesen Verein.

Welcher Figur im Verein würden Sie gerne mal etwas direkt ins Gesicht sagen?

Oliver Kahn würde ich gerne Fragen stellen, um zu wissen, wie er das wurde, was er war. Ich mag Leute, die sich total reinhängen und besser werden, als sie vielleicht sind. Durch Ehrgeiz und Besessenheit. Diese Persönlichkeit, die die anderen mitgezogen hat. Er war eine Figur, da hat es gebrannt auf dem Platz, da sprühten die Funken. Und Uli Hoeneß würde ich gerne über die alten Zeiten ausfragen, auch Rummenigge.

Zahlreiche Bayern-Fans haben Manuel Neuer, den ehemaligen Schalker, nach seiner Verpflichtung verdammt und beleidigt. Manche tun es immer noch.

Das fand und finde ich ungeheuerlich, unflätig. Der Verein hat die Entscheidungsfreiheit, verpflichtet einen neuen, jungen, großartigen Spieler- und die führen sich auf, als hätten sie da was mitzureden. Aber das haben sie nicht. Irgendwann werden sie es schon kapieren. Neuer ist ein wahrer Könner und ich hab verstanden, dass Uli Hoeneß ausgeflippt ist.

Sie sind ja wirklich total bekennender Hoeneß-Fan. Dass Präsident und der ganze FC Bayern eher CSU-nah ist, stört sie nicht?

Mir doch egal. Wir sind hier in Bayern, da gibt es halt die CSU, da bin ich ganz entspannt.

Anders gefragt: Hat der Verein auch eine Botschaft, außerhalb des Fußballs? Und gefällt sie Ihnen?

Ja. Hoeneß vermittelt dieses familiäre Image in die Welt. Er äußert sich auch zu politischen Dingen, und auch wenn man da nicht immer seiner Meinung sein muss, verdient das Respekt. Und erst recht, wie er sich engagiert für die Dominik-Brunner-Stiftung oder anderen Vereinen hilft, wenn es denen schlecht geht. Das finde ich beeindruckend. Und überhaupt, dass die alten Meister wie Beckenbauer, Rummenigge, Hoeneß weiter in meinem Verein tätig sind und ihn immer noch verkörpern.

Wie schauen Sie eigentlich Fußball?

Am liebsten allein. Oder mit meiner Freundin. Jedenfalls im kleinen Kreis. Ich bin kein Public-Viewing-Typ. Ich trage Trikot und Schal, gehe aber auch im Stadion nicht in die Kurve, da hab ich Klaustrophobie. Ich bin beim Fußball am liebsten für mich. Gleichwohl bin ich absoluter Fan. Aber eher: ein schüchterner Fan.

Beeinflussen große Siege oder schlimme Niederlagen eigentlich Ihre Arbeit als Autor?

Nach einer schlimmen Niederlage ist mein Frust relativ schnell weg, da kommt auch am Morgen danach nichts mehr nach, höchstens ein bisschen Resthass. Aber der verfliegt auch. Nach einem tollen Sieg schweifen die Gedanken freilich länger ab.

Trotzdem schweifen Ihre Kommissare nie ab zum Fußball. Der spielt in Ihren Büchern keinerlei Rolle.

Stimmt. Das hab ich bisher vermieden. Hat sich nicht ergeben.

Tabor Süden ist kein Fußball-Fan?

Ich glaub nicht, na. Der Süden interessiert sich nicht für Fußball. Überhaupt nicht. Komischerweise trenne ich das. Noch. Ich glaub, ich mach das erst, wenn ich in einer Szene nicht weiterkomme. Wenn mir nichts mehr einfällt.
 

 

1 Kommentar