Franken-"Tatort" Fabian Hinrichs: "Populär? Das ist nicht mein Ziel"

Von links: Said Gashi (Yasin El Harrouk) vermittelt Basem Hemidi (Mohammed Issa) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) Arbeit. Foto: R/Rat Pack Filmproduktion GmbH/Bernd Schuller

Fabian Hinrichs ist einer der besten Schauspieler seiner Generation und bewahrt sich dabei seine Eigenständigkeit – am Sonntag ermittelt er zum dritten Mal im Franken-"Tatort". Der 42-jährige Hamburger wurde 2005 durch seine Rolle im Spielfilm "Sophie Scholl – Die letzten Tage" bekannt.

Ein Brandsatz fliegt durch das Dachfenster einer Flüchtlingsunterkunft, schnell steht die halbe Küche in Flammen. Eine junge Frau aus Kamerun stirbt, ein Mann erleidet schwerste Brandverletzungen. Auch der neue "Tatort" beschäftigt sich mit dem Thema Flüchtlinge.

In der dritten Ausgabe des ARD-Kultkrimis aus Franken "Am Ende geht man nackt" gibt es Neonazis und geldgierige Bauunternehmer, die aus dem Elend der Geflüchteten Profit schlagen wollen. Der Film erzählt aber auch von kleinkriminellen Flüchtlingen und von Polizisten, die lieber deutschen Nazis glauben als dem Zuwanderer aus Syrien.

Um herauszufinden, ob es in der Gemeinschaftsunterkunft einen zweiten Täter gab, schleust sich Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) als verdeckter Ermittler ein. Er gibt vor, ein Tschetschene zu sein, und freundet sich mit dem Syrer Basem (Mohamed Issa) an, der nach seinem Bruder sucht. Voss überlegt sogar, den jungen Mann zu adoptieren. Erstmals bekommen die Zuschauer ein wenig mehr Einblick, wie der Kommissar tickt.

AZ: Herr Hinrichs, hat es Sie gewundert, dass ihr Kommissar Felix Voss plötzlich tschetschenische Wurzeln hat?
FABIAN HINRICHS: Ganz so ist es ja nicht. Voss hat eine deutsche Großmutter dort, im 19. und 20. Jahrhundert gab es sanfte Migrationsbewegungen von Deutschen in den Kaukasus, insbesondere Ingenieure und Ölbegeisterte zog es dorthin. Auch die Nationalsozialisten sahen im Öl dort eine entscheidende Ressource. Er besucht also seine deutsche Großmutter – nicht mehr und nicht weniger. Dass Voss in die Flüchtlingsunterkunft eingeschleust wird, stand so im Drehbuch. Aber wir haben uns dann überlegt, wie das einigermaßen glaubwürdig erzählt werden kann.

Immerhin sprechen die Flüchtlinge im Film alle erstaunlich gut Deutsch.
Nennen wir es einfach eine zuschauerfreundliche Entscheidung. Ich kenne mich bei dem Thema Flüchtlinge aus privaten Gründen etwas aus. In so einer Unterkunft ist natürlich die Verkehrssprache nicht unbedingt Deutsch. Aber man hätte dann im Film alles Untertiteln müssen.

Felix Voss selbst ist ja ein Fremdkörper, der nach Franken kommt. Ist das für Sie ein gespieltes Empfinden oder ein reales?
Na ja, man sollte vielleicht zwischen Person und Rolle trennen. Ich persönlich komme aus Hamburg, wohnte Ewigkeiten in Berlin und lebe jetzt mit meiner Familie in Potsdam. Ich habe heute durch Zufall ein Zitat von Oscar Wilde gelesen: "Ausführlich zu schildern, was sich niemals ereignet hat, ist nicht nur die Aufgabe des Geschichtsschreibers, sondern auch das unveräußerliche Recht jedes wirklichen Kulturmenschen." Das betrifft auch die Schauspielerei. Ich kann ja auch Mörder spielen, ohne jemanden umgebracht zu haben. Ich persönlich habe immer gute Erfahrungen mit den Franken gehabt – und das meine ich jetzt nichts als Schleimerei. Die Franken sind freundlich, aber zurückgenommen, man wird nicht gleich so übergriffig umarmt wie im Rheinland. Das gefällt mir gut.

Aber man wird schnell prominent, wenn man "Tatort"-Kommissar ist.
Das hält sich bei mir im Rahmen. Ich habe auch nicht so die Ausstrahlung, dass man mir gleich Spitznamen gibt. Ich habe jedenfalls noch keinerlei Einschränkungen im Privatleben gespürt. Es ist ja auch eine Frage, wie man sich verkauft. Wenn man sich auf jede Homestory einlässt, dann muss man sich nicht wundern, dass das Auswirkungen auf den Alltag hat. Wir sind ja alle Produkte in diesem kapitalistischen Spiel. Ich kann mir einen PR-Agenten organisieren, meinen Marktwert steigern, aber irgendwann bin ich dann immer mehr Produkt und immer weniger Mensch. Ich mag meinen Beruf sehr, aber ich möchte die Aufmerksamkeit für mich nicht künstlich befördern.

Was bedeutet das für Sie bei der Rollenauswahl?
Ich hatte beispielsweise auch ein Angebot für die Fortsetzung einer sehr populären Komödie. Die konnten gar nicht akzeptieren, dass ich da nicht mitmachen wollte. Die haben gesagt: Das schauen doch Millionen! Das ist reizvoll, aber nicht unbedingt mein Antrieb. Ich studiere Geschichte und Philosophie, ich bin jetzt auch wieder fest eingeschrieben und will das ernsthaft betreiben. Außerdem bin ich Vater, mache meine Theaterarbeit, schreibe hin und wieder unter starken Schmerzen auch ’mal ein Stück. Und ich versuche, an guten Filmen mitzuarbeiten, wobei natürlich zu bestimmen wäre, was einen gelungenen Film ausmacht.

Das klingt nicht so, als würden Sie wie Ihre Münchner Kollegen ein "Tatort"-Dauerbrenner werden.
Also die Münchner finde ich ganz toll. Ich habe 2012 einen Assistenten der beiden gespielt, bei dem mein Charakter Gisbert ermordet wurde. Die Arbeit mit Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec war eine wunderbare Erfahrung, weil die einerseits schon so lang dabei sind, aber dabei weder zynisch noch künstlerisch nachlässig geworden sind. Sie sind angenehme Typen, und setzen sich leidenschaftlich mit Verve und Feuer für ihre Arbeit ein.

Ihr Rollentod und das riesige Echo darauf waren dann ja auch der Grund, dass Sie zwei Jahre später Kommissar in Franken wurden. Aber Sie geben hier nicht den Gisbert...
Eine identische Figur kam ja nicht in Frage. Wir wollten den Charakter zurücknehmen und langsam entwickeln. Jetzt in Folge drei wird es schon ein bisschen persönlicher – und das gefällt mir auch.

Felix Voss ist Idealist. Macht es mehr Spaß, das Gute zu verkörpern?
Nein, ich habe ja oft schon sehr ambivalente Charaktere gespielt. Aber es macht keinen Spaß, Schweine zu spielen. Oftmals sind böse Rollen reine Funktionsträger, dramaturgische Gäule. Und wer will sich schon wochenlang am Set mit sowas befassen? Zerrissene Figuren, Figuren, die zweifeln, die an den Umständen leiden: Das finde ich interessant. Und gegen einen gewissen frühaufklärerischen Idealismus habe ich nichts einzuwenden.

"Ich könnte ihn adoptieren", sagt Voss über einen Flüchtlingsjungen, der ihm ans Herz gewachsen ist. Klingt das nicht ein wenig übertrieben?
Ich hatte zunächst einen ähnlichen Einwand. Aber es wurde zu Recht argumentiert, dass Voss das ja aus einer Art Hilflosigkeit heraus sagt. Der Adoptionsgedanke ist nicht das Ergebnis einer längeren Überlegung eines reifen Mannes, der alle Argumente abgewogen hat. Es ist ein irrationaler Gedanke aus einer Schocksituation heraus. In diesem Kontext finde ich den Satz vertretbar. Wie ist das für Sie als Schauspieler, wenn man nur ein Mal pro Jahr in diese Kommissar-Rolle schlüpft: Jedes Mal ein Neuanfang? Mir selber würde es auch gefallen, wenn wir zwei Franken-"Tatorte" pro Jahr drehen würden. Aber das ist nicht meine Entscheidung. Und es gibt auch Vorteile: Ich habe Familie und will nicht so viel arbeiten, ich fände das unverantwortlich. Wenn ich also nur einen "Tatort" im Jahr mache, bleibt noch Platz für zwei andere Filme. So habe ich eine größere Vielfalt.

Schauen Sie den "Tatort" mit Ihrer Familie an?
Ich schaue meine Filme immer nur an, wenn ich muss.

Das sagen viele Schauspieler, es klingt aber seltsam.
Ich finde das schon verständlich. Ich habe kein neurotisches Verhältnis mehr dazu, mich auf der Leinwand oder im Fernsehen sehen zu müssen. Das hatte ich mal. Aber man weiß ja, wie man sich beim Drehen gefühlt hat, dann ist der fertige Film aber ganz anders montiert, es bleibt eine Fremdheitserfahrung. Man ist kurz in seinem Selbstbild irritiert, seiner Identität beraubt. Also: Ich muss meine eigenen Filme nicht anschauen. Und am Sonntag entscheidet das meine Frau. Die Kinder sind ohnehin zu klein, die schauen noch kein Fernsehen.

Aber Sie interessiert doch sicherlich, wie die anderen "Tatort"-Kommissare so ermitteln, seit Sie selber es tun?
Ich schaue nicht mehr "Tatort" als früher, aber wenn, dann bewusster. Nur vergleichen möchte ich nicht. Denn aus der Populärpsychologie wissen wir: Vergleichen macht unglücklich. Ich möchte mir andererseits auch einen wohlwollenden Blick bewahren und nicht diesen Kritikerblick aufsetzen. Als Journalist kann man ja pro Tag fünf Menschen umbringen und danach einen Kaffee trinken. Dafür ist auch das Gehalt begrenzt. Das ist aber jetzt nicht von mir, das hat Thomas Bernhard geschrieben.

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