Fotograf im AZ-Interview Peter Litvai: "Ich bin ein wirklich erbärmlicher Schauspieler"

Lächeln? Geht doch! Der doch sehr fröhliche Pessimist Peter Litvai mit AZ-Volontärin Carmen Merckenschlager. Foto: Vinçon

Im AZ-Interview geht es nun etwas melancholisch zu. Ein Gespräch mit dem Landshuter Fotograf Peter Litvai über Theater, Tratsch und Tatendrang.

Landshut - Die AZ traf Peter Litvai noch früh im Jahr. Obwohl es draußen eisig ist, kommt er mit dem Fahrrad. Handschuhe trägt er, Mütze aber nicht. Die Begrüßung ist herzlich und er verliert kein Wort über das Wetter oder die stechende Kälte. Es scheint Wichtigeres zu geben. Wie lange wir Zeit haben, will ich wissen. Halbe Stunde bis Stunde, danach geht’s direkt zum nächsten Termin. Eins ist klar, Peter Litvai ist auf Achse, und zwar ständig. Da gibt es das Theater, bei dem er angestellt ist. Er betreibt zusammen mit seiner Frau eine Galerie und arbeitet als selbstständiger Fotograf.

AZ: Herr Litvai, Sie kommen ursprünglich aus Budapest, sind aber schon einige Zeit in Landshut. Wie lange genau?
PETER LITVAI: Puh, das ist wirklich schon eine Weile her. 1985 bin ich mit meiner Frau nach Landshut gekommen. Am 16. März werden es 33 Jahre, das ist ja sogar eine Schnapszahl, vielleicht sollten wir das feiern.

Und warum gerade nach Landshut?
Wir hatten hier Freunde, die ein Jahr vor uns nach Landshut gekommen sind. Für ein paar Wochen konnten wir bei ihnen unterkommen, bis etwas Eigenes gefunden war. Wir fanden sehr schnell ein kleines Häuschen in der Inneren Münchner Straße, welches mittlerweile abgerissen wurde. Von da an haben wir einfach mal losgelegt.

In 33 Jahren hat sich in Landshut sicher einiges verändert. Wie nehmen Sie das wahr?
Vor 33 Jahren war zum Beispiel Eishockey noch ganz groß. So kam ich damals zur Fotografie in Landshut. Ich schoss Fotos von den Spielen, so lernte ich Leute kennen und knüpfte Kontakte.

Mittlerweile sind Sie aber auch selbstständig tätig, oder?
Nach 17 Jahren in einer Firma machte ich mich selbstständig. Etwas später habe ich auch schon als freier Mitarbeiter im Theater angefangen.

Wie kamen Sie ans Theater?
Das ist eine ganz lustige Geschichte. Ich habe selber ein wenig Theater gespielt, obwohl ich ein erbärmlicher Schauspieler bin. Das war bei den Achdorfer Laienspielen. Aber für mich war das wie eine Art Therapie. Wegen meines Akzents fühlte ich mich immer etwas unwohl vor anderen Leuten zu sprechen. Anfangs war es eine riesige Überwindung. Vier Jahre spielte ich dort, dann wurde die Zeit zu knapp.

So kam also der Kontakt zustande, aber wie wurden Sie Theaterfotograf?
Ich bewarb mich damals als Statist und fotografierte nebenbei für die Programmhefte. Nach einiger Zeit wurde mir dann die Stelle des Theaterfotografen angeboten – ein Traumjob.

Außerdem haben Sie noch eine Galerie?
2009 eröffneten meine Frau und ich die Galerie, eher aus einem Zufall heraus. Wir suchten nach Räumen für ein Atelier. In der Dallmer Passage sind wir fündig geworden, aber der Raum war auch perfekt geeignet für eine Galerie. Da ergriffen wir die Gelegenheit beim Schopf.

War es einfach, hier eine Galerie zu starten?
Uns gibt es seit ungefähr acht Jahren und erst jetzt würde ich sagen, dass wir breite Akzeptanz als Galerie erfahren. Freunde und Insider waren schon immer bei uns, aber mittlerweile kommen auch Leute, die wir noch nie gesehen haben. Es hat also eine ganze Weile gedauert, bis sich das herumgesprochen hat. Umso mehr freuen wir uns jetzt über den Zulauf und dass wir den Menschen hier etwas bieten können.

Hätte es Ihrer Meinung nach in anderen Städten ähnlich lange gedauert?
Ich denke, das wäre überall das Gleiche. Vor allem, was meine freiberufliche Tätigkeit betrifft. In einer kleineren Stadt kennt jeder jeden. Jeder hat schon seinen Fotografen. Da neu anzufangen ist immer schwierig, aber man kann durch Qualität und Zuverlässigkeit punkten. Irgendein kluger Mensch hat mal gesagt: Qualität kommt von Können mal Wollen. Viele Leute, die in die Selbstständigkeit eintreten, können und wollen zwar, machen aber den Fehler, dass sie denken, es geht sofort los.

Inwiefern?
Einige glauben, man kann sofort großes Geld verdienen und kaufen sich gleich einen Porsche oder so. Nach einem Jahr sehen sie dann, dass das Geld noch nicht mal für die Leasinggebühr für das Auto reicht. Wir haben diese harte Zeit überstanden. Einen Porsche habe ich aber nicht.

Ist das denn Ihr Ziel?
Nein, überhaupt nicht. Eine gewisse Bodenständigkeit und Integrität sind mir wichtig. Man wird nicht besser, nur weil man ein tolles Auto fährt. Ein Werbefotograf hat mal gesagt, man muss sich nur einen Porsche kaufen und damit bei den Kunden vorfahren. Der Auftrag kommt dann von allein, weil das Auto Erfolg vermittelt. Das mag zwar schon so sein, ist aber nicht mein Stil. Ich fahre viel lieber einen Mini. Da bekomme ich gerade so meine Ausrüstung rein. So viel ist das wegen meiner Auftragsstruktur aber auch nicht, und ich arbeite alleine.

Sie haben also keine Angestellten?
Ich bin da eher Einzelkämpfer. Ich stehe für das ein, was ich erschaffe und wenn ich mal was falsch gemacht habe, weiß ich, woran es lag. Ich muss keine Fehler von anderen ausbügeln, sondern weiß wer da was verbockt hat, nämlich ich. Mit meinen Auftraggebern pflege ich einen direkten und persönlichen Kontakt und sie kennen meine Arbeitsweise und Handschrift. Alleine zu arbeiten ist eine Herausforderung, die ich brauche.

Wenn wir noch einmal auf Landshut zurückkommen. Hat sich in über 30 Jahren für Sie eigentlich etwas gravierend verändert?
Wahrscheinlich habe ich mich am meisten verändert. Ich bin hoffentlich etwas vorangekommen. Was sich aber in Landshut deutlich verändert hat, ist das kulturelle Angebot. Leute fingen irgendwann an, sich darüber zu beklagen, in Landshut sei immer so viel los. Man müsse sich immer entscheiden, was man abends machen möchte. Landshut hat da schon ein gewisses Großstadtniveau erreicht. Es gibt jedes Wochenende mehrere Möglichkeiten, um etwas zu unternehmen, und das freut mich sehr.

Wenn Sie sagen, es ist so viel los, wo gehen Sie selber hin?
Ich gehe selten aus, weil ich wenig Zeit habe.

Das ist aber schade. Aber wenn Sie Zeit hätten, wo würden Sie gerne hingehen?
Meine Frau und ich versuchen natürlich, gemeinsam am kulturellen Leben teilzunehmen. Unsere Divise ist da so: Warum sollen andere zu uns kommen, wenn wir nicht zu ihnen gehen? Ich halte es für wichtig, dass sich das Kulturleben trifft. Es wäre auch furchtbar schade, wenn man lange Zeit etwas erarbeitet und dann kommt keiner, um es zu würdigen. Auch wenn man nicht alles gut findet oder nicht alles gefällt, sollte man auf jeden Fall die Arbeit eines Künstlers würdigen. Außerdem kann man sich keine Meinung bilden, über Dinge, die man nicht selbst gesehen hat. Leider wird in der Stadt auch viel geredet. Da kommt nicht immer nur Gutes dabei raus.

Wie genau meinen Sie das?
Da wird gerne mal etwas getratscht und die Menschen hören auf, sich selbst ein Bild zu machen. Das ist sehr schade.

Wie gehen Sie mit so etwas um?
Man darf nie Aufhören, an sich zu arbeiten. Wenn etwas nicht richtig läuft, muss man die Gründe zu Anfang bei sich suchen. Erst wenn ich zu 100 Prozent ausschließen kann, dass ich nichts falsch gemacht habe, kann ich anfangen, bei anderen zu suchen. Eben nicht nach dem Motto: Ich bin der Gute und die anderen sind schlecht, sondern andersherum. Wenn dann etwas falsch läuft und ich weiß, es liegt nicht an mir, muss man eben miteinander reden. Das wiederum geht aber nur mich und den anderen etwas an. Ich würde niemals etwas an Dritte weitergeben. Geschwätz ist einfach nicht konstruktiv.

Das war jetzt alles ziemlich kritisch. Wollen Sie mir nicht noch was Schönes über Landshut erzählen?
Grundsätzlich sind alle Städte interessant. Überall kann man Schönes finden, etwas aufregendes entdecken. Wie die Altstadt von Landshut. So offen und weit, einzigartig. Man sitzt da, wie auf einem Präsentierteller. Komischerweise sind viele Landshuter nicht so offen wie ihre Fußgängerzone.

Aber gefallen tut es Ihnen hier schon?
Ja sehr. Auch, dass die Neustadt wieder so schön gepflastert wurde, finde ich toll. Nur schade, dass es dort immer noch Parkplätze gibt und das nicht auch so eine Café- und Flaniermeile ist. Aber architektonisch finde ich Landshut super. Obwohl es traurig ist, dass in der Innenstadt viele Altbauten nicht gerettet worden sind. Diese Pseudofassaden machen zwar das Stadtbild homogener, aber es ist eben nur Fassade. Obwohl in dieser Richtung auch viele Bemühungen stattfinden. Ich bin in Kontakt mit Architekten und fotografiere alte Häuser, weil ich es für wichtig halte, da einiges zu dokumentieren. Die Stadt hat uns aufgenommen, ich kann mit dieser Tätigkeit vielleicht etwas zurückgeben.

Herr Litvai, verraten Sie mir an dieser Stelle noch Ihren Lieblingsort in Landshut?
Das ist der Innenhof bei unserer Galerie. Wir haben dort zwei Italiener und ein Steakhaus. Wenn in lauen Sommernächten alles bestuhlt ist, die Leute draußen sitzen und der Brunnen plätschert, bekommt man das Gefühl von Urlaub. Menschen unterhalten sich laut, man fühlt sich wie in Italien. Ein weiterer toller Ort ist der Martinsturm. Den habe ich zwei- bis dreimal bestiegen und war immer begeistert. Ich finde es so wahnsinnig beeindruckend, mit welchen einfachen Mitteln ein solches Bauwerk errichtet wurde.

Herr Litvai, Sie müssen schon wieder weiter zum nächsten Termin. Wollen Sie noch etwas loswerden?
Ohne Ernsthaftigkeit kann man nicht durchs Leben gehen, aber ohne Mut und gute Laune geht es auch nicht. Ich bin vielleicht etwas pessimistisch, eher aber melancholisch, wie meine Fotografien. Aber mir ist auch klar, ohne Optimismus ist alles auch nix und man muss sich einfach auch freuen können.

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