Flüchtlinge lernen bei Siemens Praktisch integriert

Siemens bietet Praktika für Geflüchtete – zum Beispiel für Filmon Debru (l.) und Samson Olowu. Foto: Linda Jessen/az

Seit über zwei Jahren bietet Siemens auch Praktika für Geflüchtete an. Der Konzern arbeitet dafür mit der Agentur für Arbeit zusammen und berichtet von einem erfolgreichen Programm.

Neuperlach - Samson Olowu ist bereits der neunte Geflüchtete, der als Praktikant heuer bei Siemens in München tätig war, das Jahresziel ist für zehn angesetzt. Der Konzern hat 2014 in Erlangen angefangen, sich aktiv auch für qualifizierte Geflüchtete einzusetzen.

Neben etwa einer Million Euro Spendengeldern (und einer weiteren Million über Dritte akquirierte) und Förderklassen hat der Konzern auch zusätzliche Stellen für Praktika geschaffen, die zwei Monate dauern und speziell Geflüchteten während des oft langwierigen Asylverfahrens angeboten werden.

Deutschlandweit 100 Stellen

Angefangen hat Siemens mit zehn Stellen, für 2016 sollen es deutschlandweit 100 sein. Über Nachwuchsprobleme muss sich Siemens im Gegensatz zu vielen Handwerksunternehmen zwar keine Sorgen machen. Doch auch hier erhofft man sich, von dem Projekt zu profitieren, beispielsweise indem die Verantwortungskultur und das Engagement der Mitarbeiter gefördert werden.

Jörg Pohl koordiniert die Praktikanten, die Siemens beschäftigt und zeigt sich von den noch neuen Erfahrungen mit den Geflüchteten sehr positiv beeindruckt: „Wir bekommen durchgehend positives Feedback auch in der internen Kommunikation und den Facebook-Gruppen der Firma habe ich noch nie einen negativen Kommentar gelesen oder gehört. Viele Mitarbeiter bewerben sich bei uns als Buddy“, berichtet er. Ein Buddy wird jedem Praktikanten an die Seite gestellt, als Vertrauensperson.

Wenn Praktika besonders gut laufen, können sich die Geflüchteten, wie alle anderen auf einen regulären Ausbildungsplatz bewerben – entweder bei Siemens selbst oder bei einem Partnerunternehmen. Freilich gebe es auch schwierige Punkte, räumt Pressesprecher Bernhard Lott ein. In erster Linie ist das die Sprachbarriere. Zwar sind weltweit agierende Konzerne wie Siemens inzwischen ohnehin sehr international. Konferenzen werden teilweise auf Englisch gehalten, weil Führungskräfte oder ganze Abteilungen hauptsächlich Englisch sprechen.

Sprachbarriere muss überwunden werden

Dennoch sei der Erwerb der Sprache nicht zuletzt für das soziale Leben in Deutschland unumgänglich. Mit der Sprachbarriere hat auch die Agentur für Arbeit zu kämpfen. In der Zweigstelle in München wurde die Betreuung der vielen neuen Kunden aus Syrien, Afghanistan, Nigeria und anderen Herkunftsländern vor etwa sieben Monaten ausgegliedert. Die Geflüchteten werden nun gesondert betreut und vermittelt.

In der Zusammenarbeit mit Siemens funktioniert das oft auch so, dass das Unternehmen zunächst den Bewerber kennenlernt und eruiert wird, welche Qualifikationen er mitbringt. Dann wird gemeinsam eine geeignete Praktikumsstelle besprochen. Ob man diese Methode nicht auch bei den „normalen“ Bewerbern anwenden will? Das bleibe abzuwarten. „Was genau wir als Konzern lernen können, müssen wir erst sehen. Dazu muss das Projekt noch länger laufen, dann kann man sich auch so etwas überlegen“, fasst Pohl zusammen.

IT-ENTWICKLUNG

Von Siemens übernommen

Gleich ist Mittagspause, im Innenhof laufen die Siemens-Mitarbeiter am Standort am Otto-Hahn-Ring schon wie die Ameisen in Richtung Kantine. Filmon Debru steht noch im Büro mit den Kollegen beinander und ratscht ein bisschen. Was dieses „Pokémon Go“ ist, darüber schütteln alle die Köpfe und lachen.

Seit sechs Monaten ist der 31-Jährige aus Eritrea im Team. „In Eritrea habe ich studiert, aber man bekommt kein Praktikum – das heißt, dass man das Land verlassen möchte“, erzählt er.

Debru hat eine schlimme Reise hinter sich

Debru hat eine bewegte Vergangenheit, wurde auf der Flucht gekidnappt und hat schlimme Misshandlungen erlebt. Über Israel kam er nach Europa, in Deutschland wurde er wegen seiner Verletzungen operiert – und konnte dank des Einsatzes seiner Gastfamilie, bei der er auch jetzt noch lebt, bleiben. Sein Praktikum beim Weltkonzern Siemens sollte ursprünglich zwei Monate dauern. „Es hat so perfekt gepasst, also haben wir es verlängert“, erzählt sein Vorgesetzter Florian Schelle.

Da war schon klar, dass Debru sich für einen Ausbildungsplatz als IT-Entwickler bei Siemens bewerben wollte. Mit der Praktikumsverlängerung war noch etwas mehr Zeit, auch um Deutsch zu lernen. Inzwischen spricht er sehr gut und flüssig, nicht zuletzt durch die Kommunikation mit den Kollegen.

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Wenn nach zwei Monaten Schluss gewesen wäre, hätte es dem ganzen Team schon sehr leidgetan. „Am Anfang habe ich verschiedene Stationen besucht, aber dann war ich an einem Projekt für ein Software-Add-On beteiligt, und da bin ich jetzt noch dabei“, erzählt er.

Die Bewerbung um den Ausbildungsplatz hat geklappt, Filmon Debru bleibt seinen Kollegen also erhalten. Und danach haben vielleicht auch alle dieses „Pokémon Go“ verstanden.

Filmon Debru arbeitet als Software-Entwickler derzeit an einem Add-On für SAP. Foto: Linda Jessen

FINANZ-CONTROLLING

Und jetzt zur Ausbildung

Wenn man Arbeit hat, dann ist alles gut. Es ist so toll hier, ich bin glücklich“, sagt Samson Olowu strahlend. Sicher, einiges ist anders hier in Deutschland, aber jetzt sei sein Leben rundum gut.

Olowu stammt aus Nigeria, wo die Boko Haram wütet und die Bevölkerung quält. So richtig mag Olowu nicht davon erzählen. „Ich habe meine Eltern verloren wegen dem Terror, meine erste Frau ist auch tot“, berichtet er. Samson Olowu kam über Italien und die Niederlande nach Deutschland, spricht fließend Italienisch und Englisch, das mit dem Deutsch wird gerade noch.

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In Nigeria hat er bereits fünf Jahre als Buchhalter und Wirtschaftsprüfer für verschiedene Firmen gearbeitet, er hat also Erfahrung. Doch das Praktikum bei dem Riesen Siemens war noch mal eine andere Hausnummer. „Ich habe hier so viel gelernt, es gibt so viel Neues“, erzählt er und kann seine Begeisterung darüber kaum zurückhalten.

Auch er hat sich für einen Ausbildungsplatz beworben, weil es in der Abteilung derzeit einige Umstrukturierungen gibt, muss er aber noch bis Herbst auf eine Antwort warten. Bis dahin hat Samson Olowu aber gut zu tun – mit seiner neuen Frau hat er seit neun Monaten einen kleinen Sohn.

Samson Olowu aus Nigeria ist Buchhalter und will ins Finanz-Controlling. Foto: Linda Jessen

 

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