Mehr Geld, mehr Events: Diana Iljine über die Zukunft des Münchner Filmfests

Am 28. Juni beginnt das 36. Filmfest München mit einem Mammutprogramm von 185 Filmen aus 43 Ländern. Von der Politik erhält Festivalchefin Diana Iljine Unterstützung für den Ausbau und die Weiterentwicklung des Festivals und kann mit zusätzlich drei Millionen Euro jährlich rechnen.

AZ: Frau Iljine, was bedeutet „geplante Weiterentwicklung des Filmfests München zu einem Medienfestival“ konkret?
DIANA IlJINE: Wir sind schon lange mit unseren Gesellschaftern in einem konstruktiven Dialog. Da geht es um den Ausbau des Filmfestes, um das Sichtbarmachen und die Strahlkraft. Für Ministerpräsident Markus Söder sind Medien Chefsache. Ich denke, deshalb haben wir bei ihm offene Türen eingerannt. Er sieht das Filmfest an der Schwelle zu einem deutlich größeren Event, natürlich auch mit viel Strahlkraft für Bayern. Medienfestival ist sicher ein Arbeitstitel, der aber ein stückweit seine Vision verdeutlichen soll, dass es um etwas Neues geht.

Ist das wirklich neu?
Vieles von dem, was jetzt schon Bestandteil des Filmfestes ist wie Virtual Reality, Branchen-events, Werkstattgespräche, Fachveranstaltungen oder Serien innerhalb des Programms – das soll alles ausgebaut werden. Aber wir werden auch neue Säulen hochziehen, zum Beispiel was den Nachwuchs angeht oder das Thema Bürgerfest. Dafür gibt es dann auch mehr Geld von der Staatsregierung, somit können wir uns noch besser und internationaler abbilden. Aber Film bleibt der Nukleus und unsere absolute Basis.

Der Medienstandort soll gestärkt, die Attraktivität gesteigert werden für den Festivalbesucher. Aber die Zahlen nehmen doch schon jetzt jedes Jahr zu.
Die Attraktivität ist da, aber es gibt Bereiche wie das Marketing, wo wir uns weiter entwickeln und professionalisieren wollen, was im bisherigen Rahmen nicht möglich war. Das Filmfest hatte 30 Jahre lang keine Erhöhung, die Verdoppelung des Etats mit meinem Antritt gilt als meine politisch größte Leistung. Aber wenn wir uns künftig noch besser und internationaler darstellen können, erreichen wir eine größere Strahlkraft, was auch dem Medienstandort nutzt.

Demnach erhalten Serien einen größeren Stellenwert?
Wir waren das erste Festival, das Serien im Kino gezeigt hat. Serien erreichen inzwischen Kinoqualität, nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa. Denken Sie an Tom Tykwer und „Babylon Berlin“. Serien sind nicht nur die Filme, sondern oft der Roman des 21. Jahrhunderts mit epischer Erzählform. Eine künstlerisch wertvolle Entwicklung, die wir stärker abbilden wollen, auch in Kooperation mit dem Seriencamp-Festival.

Das Filmfest begibt sich auf die „Suche nach dem globalen Zeitgeist“ – gibt es den überhaupt?
Wir empfinden viele Aspekte als global – wie den sich stärker ausbreitenden Trend zum Genre-Mix, gerade beim Nachwuchs. Da vermischen sich Horror und Thriller mit normalen Liebesgeschichten. Neben diesem „Zeitgeist“ setzen wir auf Themen. Gerade bei den International Independents findet sich eine Fokussierung auf bestimmte Protagonisten oder Orte, künstlerische Visionen in einer experimentellen Herangehensweise. Ein Beispiel dafür ist „Zama“, der neue Film von Lucrecia Martel, der sich auf eine ganz spezielle Weise mit der Kolonialisierung auseinandersetzt und unter die Haut geht. Auffallend deutlich auch der Blick in die Zukunft wie in Andrew Niccols „Anon“, unserem Abschlussfilm. Es gibt viele Filme über moderne Medien, über unsere Ängste angesichts der digitalen Welt und der Tendenz zum gläsernen Menschen.

Und was sind die neuen Akzente?
Wir bieten mehr Fachveranstaltungen und Werkstattgespräche an, allein in 30 „Filmmakers Live“ kann man über moderne Themen diskutieren. Das fängt an mit Edgar Reitz und einer Konferenz über Virtual Reality, geht über den Komplex „Pro Quote Film“ bis hin zu Gesprächen über Ingmar Bergman oder zu Themen wie Förderung und Finanzierungsmöglichkeiten. Ein Schwerpunkt sind Diskussionen zwischen Fachleuten und Künstlern über die neue Welt und neue Trends. Ganz wichtig: offen und kostenfrei für das Publikum. Und wir werden dieses Jahr erstmals einige der Gespräche und Panels live streamen, so dass auch jene, die es dieses Jahr nicht nach München schaffen oder nicht das ganze Festival da sein können, live dabei sein können.

Die weibliche Komponente darf bei Festivals nicht mehr fehlen. War das ein Grund für die Retrospektive von Lucrecia Martel und den CineMerit Award an Emma Thompson? Wie schlägt sich das Thema im Programm nieder?
Uns war dies immer schon ein Anliegen, wir sind ein durch und durch emanzipiertes Festival. So widmete sich letztes Jahr die Retrospektive der Regisseurin Sofia Coppola, Maren Ades „Toni Erdmann“ war 2016 Eröffnungsfilm. Aber wir können eben nur den Status quo der Industrie abbilden. Wenn wie in den skandinavischen Ländern die Förderung paritätisch wäre, könnten wir auch entsprechend mehr Filme von Frauen präsentieren. Wir achten immer auf tolle Frauen im Programm, aber Genderparität wird erst herrschen, wenn die in der Industrie angekommen ist.

Ein Highlight ist Murnaus Film „Faust – eine deutsche Volkssage“ mit Bernd Schultheisens Musik in der Philharmonie einen Tag vor Beginn des Filmfestes.
Auf diese Kooperation bin ich stolz. Großes Kino mit großer Musik, sozusagen die Einstimmung aufs Festival. Wir wollten unbedingt Teil dieser wunderbaren Aktion FaustFestival sein. Und mit einem kleinen Augenzwinkern kann man auch hier die Verbindung zu unseren Open-Air-Vorstellungen „Faust aufs Auge“ ziehen, Boxfilme ganz entspannt mit einem Bier in der Hand.

Die Fußballweltmeisterschaft droht als Konkurrenz. Frau Iljine, hoffen Sie heimlich, dass Jogis Jungs heute Abend rausfliegen?
Soweit gehe ich nicht. Unsere Erfahrungen mit der Europa- und Weltmeisterschaft zeigen, dass es immer noch genug Menschen gibt, die ein dunkles, kühles Kino vorziehen. Den Jungs von Jogi drücke ich die Daumen, aber mit denen können wir locker konkurrieren.