Film mit Peter Simonischek "Crescendo" ist gut gemeint, aber mitunter eine intellektuelle Beleidigung

Peter Simonischek als Dirigent Eduard Sporck in einer Szene des Films "Crescendo" Foto: Oliver Oppitz/Camino Filmverleih/dpa

Zu wenig Musiker für Dvořák, zu wenig Qualität fürs Kino.

 

Alles an diesem Film ist – leider – völlig erwartbar. Peter Simonischek spielt wieder einmal den gutherzigen Brummbären. Bibiana Beglau gibt die eiskalte Geschäftsfrau mit weltverbesserendem Innenleben, Götz Otto bleibt die ideale Besetzung für einen schlecht gelaunten Security-Mann, dem das Magengeschwür ins Gesicht geschrieben ist, weil jeder seine Warnungen als lästige Spaßbremse ignoriert.

Am Anfang montiert der Regisseur Dror Zahavi sehr virtuos die Geschichte parallel zwischen Tel Aviv und der Westbank hin und her. Ein junger Israeli und eine Palästinenserin üben über alle Grenzen und Checkpoints hinweg herzergreifend das gleiche Stück von Bach. Sie bewerben sich für ein paritätisch besetztes Jugendorchester, das bei einer nahöstlichen Friedenskonferenz in Südtirol aufspielen soll.

Alles sehr berechenbar

Nach dieser Demonstration der grenzüberschreitenden Macht der Musik wärmt der Film wieder einmal die alte Geschichte von Romeo und Julia auf. Nur war William Shakespeare leider nicht an der Produktion beteiligt: Die Dialoge sind hölzern, die Handlung kommt geometrisch gezirkelt daher.

Der vor Arroganz strotzende israelische Geiger tut am Ende den ersten Schritt, die eigentlich grundsympathische palästinenische Konzertmeisterin wirft kurz vor Schluss doch noch einen Stein nach dem Auto eines Juden. Und der deutsche Dirigent arbeitet natürlich nebenbei ein verdrängtes familiäres Nazi-Trauma auf.

Alle Figuren haben irgendeinen Knacks, der perfekt zum Charakterfehler einer anderen Figur passt. Leider ist keinem aufgefallen, dass der offenbar nur aus Gründen der üppigen Filmförderung gewählte Schauplatz Südtirol zum Thema der Befriedung verfeindeter Nationalitäten durchaus einiges hergäbe.

Nichts für Südtirol-Kenner

Dass allerhöchstens 20 Musiker versuchen, die Symphonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“ von Antonín Dvořák aufzuführen, obwohl der Dirigent im Film nach eigenen Worten für höchste künstlerischen Standards steht, gehört bei solchen Filmen offenbar dazu.

Aber warum muss, wenn Frankfurt am Main, der Lang- und Plattkofel sowie die Seiser Alm sich selbst spielen, das Probenlokal unbedingt in Sterzing verortet werden, obwohl die Aufnahmen unverkennbar in einem Schloss im Überetsch gedreht wurden?

Für alle Kenner der Gegend sind die geografischen Schlampereien und Anschlussfehler dieses vor allem gut gemeinten Films nicht nur eine intellektuelle Beleidigung. Sie schaden auch der Glaubhaftigkeit der Darstellung der Verhältnisse in der Westbank und an den Checkpoints, die der Zuschauer womöglich nicht mit eigenen Augen kennt.

„Crescendo“ wäre als politisch engagierter Degeto-Freitagsfilm tolerabel, im Kino hat er nichts verloren.

R: Dror Zahavi (D, 112 Min.) Kinos: Neues Maxim, Theatiner (beide OmU), Arri


 
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