Film-Biennale Nach der großen Stille

Der ehemalige Häftling Joe (Nicolas Cage, re.) kümmert sich um Gary (Tye Sheridan). Foto: Koch Media

Auf dem Filmfestival in Venedig gelingt Nicolas Cage ein Comeback. Der deutsche Beitrag „Die Frau des Polizisten” zeigt häusliche Gewalt

 

Die arme Marilyn. Regisseur Paul Schrader hat die Absage seiner Skandal-Katze, Lindsay Lohan, mit deren Sensibilität begründet. Die sei eben wie bei der Monroe. Der wahre Grund: Lohan hatte keine Lust, sich weiter von der Presse zerreißen zu lassen, schließlich spielt sie in „The Canyons” einen Pornostar mit einem echten Pornostar an ihrer Seite, James Deen, der allerdings gekommen ist – an den Lido.

Am Morgen aber hatte sich noch ein anderer aufgerappelt: Nicolas Cage, der mit dem Wettbewerbsfilm „Joe” endlich sein Flop-Trash-Image abschütteln will und zeigt, dass er Charakter auch als Darsteller hat: Cage übernimmt im Film Verantwortung für einen 15-Jährigen, nachdem dessen asozialer Alkoholikervater immer brutaler wird.
Der US-Beitrag von David Gordon Green wurde anständig beklatscht, weil man ihm die völlige Verwahrlosung der US-Gesellschaft zwischen Alkohol, Waffen und wirtschaftlichem Absturz fühlbar abnimmt, aber letztlich ist „Joe” gut gemacht konventionell.

Das krasse Gegenstück war dazu der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag. Philip Gröning hatte den Lido 2005 mit „Die große Stille”, seinen dokumentarischen Drei-Stunden-Exerzitien über ein Schweigekloster, begeistert. Jetzt hat er wieder drei Stunden lang große Strenge walten lassen. Das ging anfangs schief, weil man in einem Saal mit über tausend Zuschauern keine große Stille herstellen kann, die dieser konzentriert ruhige Film braucht.

Lange waren viele irritiert, dass „Die Frau des Polizisten” in 60 Kapitel unterteilt ist und deshalb unheimlich langsam voranzuschreiten scheint. Der Film zeigt irritierend nah eine Kleinfamilie in der Provinz, die hier – in einem Spielfilm – so intensiv beobachtet wird, wie vormals die Mönche. Doch dann geschieht nach einer Stunde wieder das Gröning-Wunder. Das Publikum hatte sich wie hypnotisiert auf seine Genauigkeit eingelassen und man wartete auf den Knall, da es um häusliche Gewalt gehen sollte.

Doch lange sieht man nichts, nur Hämatome werden auf der Frauenhaut sichtbar, fällt ihre Magersucht auf, dann sieht man auch Schläge, sieht, wie er selbst an seinen Ausbrüchen verzweifelt, sie sich verzweifelt an ihn klammert, den sie liebt, obwohl er sie schlägt – und dazwischen die fünfjährige Tochter, die beide lieben, und die kindlich naiv und doch angstvoll versucht, die Liebe ihrer Eltern zu sich als Sicherheit zu retten.

Das ist intensiv, unglaublich genau und intim gezeigt und doch: Am Ende herrschte Bestürzung, aber auch Ratlosigkeit. Denn Gröning betrieb keine psychologische Ursachenforschung. So hatte dieses besondere, intensive Filmexperiment dann doch ein unbefriedigendes Ende.

Jetzt wartet man auf Judi Dench in „Philomena”, und James Franco bringt am Wochenende – als Regisseur – jungen Hollywood-Glanz an den Lido.

 

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