FC Bayern Wie einst Toni Schumacher: Kung-Fu-Wiese

Tim Wiese flog nach seinem Kung-Fu-Tritt gegen Thomas Müller vom Platz. Foto: dapd

BREMEN - Ein Foul wie einst jenes von Toni Schumacher an Patrick Battiston: Bremens frustrierter Keeper tritt beim 1:3 Bayerns Müller gnadenlos um und sieht Rot. Nachträgliche Strafen muss er bei Werder jedoch nicht fürchten.

 

Patrick Battiston hatte es richtig erwischt – damals. Er war kurze Zeit bewusstlos, erlitt eine Gehirnerschütterung, Wirbelverletzungen und verlor zwei Zähne. Insofern hat Thomas Müller am Samstag einen Glückstag erwischt, er blieb unverletzt.

Der Franzose Battiston war im WM-Halbfinale 1982 von Sevilla gegen eine Wand namens Toni Schumacher geprallt. Der deutsche Torhüter hatte ihn beim Herauslaufen rücksichtslos über den Haufen gesprungen. Es ist die Mutter aller Torwart-Fouls.

Tim Wiese hat viel gelernt von Toni Schumacher, der hatte ihn einst bei Regionallist Fortuna Köln entdeckt und von den Amateuren zu den Profis geholt. Unerschrocken, ja – das ist das eine. Eine positive Eigenschaft eines Torhüters. Doch man kann es auch übertreiben. 3:1 führte Bayern, als Müller auf dem Weg zum 4:1 in der Schlussphase war. Wiese stürmte aus seinem Revier Richtung Müller und machte einen Ausfallschritt als müsse er mit seinem Körper und ohne Waffen im Dschungelcamp ein wildes Tier erlegen. Es kam zum Frontalzusammenstoß, Müller schrie eher vor Schreck auf denn vor Schmerzen. Wenigstens erkannte der Täter, was er verbrochen hatte und begab sich, die Rote Karte von Schiedsrichter Kinhöfer nur im Augenwinkel wahrnehmend, direkt vom Platz. Ob er sich den schwarzen Gürtel verdienen wollte? Nun hat Kung-Fu-Wiese den schwarzen Peter. Ihm droht eine mehrwöchige Sperre, er wird Bremen im Abstiegskampf fehlen. Seine Rechtfertigung war recht dünn: „Machen wir vorher den Fehlpass nicht, wäre es gar nicht zu der Situation gekommen. Ich musste rauskommen, wollte den Ball weghauen. Aber leider war Müller schneller am Ball.“ Von den Bayern gab es übrigens kein böses Wort – auch weil sich Müller nicht verletzt hatte.

Von seinen Vorgesetzten wurde Wiese dagegen mit Samthandschuhen angefasst: „Das war natürlich eine Frustreaktion von Tim, die eigentlich nicht passieren darf“, sagte Sportdirektor Klaus Allofs, „aber nach so einem Spiel muss man in gewisser Weise auch Verständnis dafür haben. Zum Glück haben wir in Sebastian Mielitz einen Torwart, der schon seine Bundesligatauglichkeit bewiesen hat. Deshalb mache ich mir da wenig Sorgen.“

Mehr um die Mannschaft, den Verein. Mit dem 1:3 gegen Bayern kassierte Werder im 20. Spiel die zehnte Pleite und steht nun so schlecht in der Tabelle wie seit 1980 nicht mehr in der Tabelle – damals folgte der Abstieg. Die Nibelungentreue zu Trainer Thomas Schaaf (Allofs: „Die Mannschaft folgt dem Trainer, das Verhältnis ist absolut intakt“) könnte Werder derart blockieren, dass es ihnen tatsächlich ergeht wie vor einem Jahr Hertha BSC. Man glaubt so lange nicht daran, dass es einen erwischt – bis es so weit ist.

Um Frust abzubauen, griffen Spieler und Verantwortliche den Schiedsrichter vehement an, vor allem, weil er aus ihrer Sicht ein Handspiel von Luiz Gustavo nicht als Elfmeter gepfiffen hatte. „Wir sind heute eindeutig benachteiligt worden. Ich denke, er war heute ein bisschen für die Bayern. Der Schiri war für mich grottenhaft. Da fällt man vom Glauben ab“, beurteilte Torsten Frings diese Szene. „Wenn wir mit dem Elfer 2:1 in Führung gehen, läuft das Spiel ganz anders und Tim Wiese wäre nicht vom Platz geflogen.“ Auch eine Logik.

Für Wiese dürfte die derbe Aktion – nicht seine erste: einst hatte er den heutigen Bayern-Profi Ivica Olic im Duell mit dem HSV übermotiviert und rücksichtslos attackiert – Folgen haben. In der Hierarchie der Nationaltürhüter dürfte er hinter Manuel Neuer und René Adler noch deutlicher abrutschen.

Dass er die Tradition eines Toni Schumacher oder Oliver Kahn in Sachen Aggressivität aufleben lässt, gefällt wohl nur seinem Entdecker. Der hatte in einem AZ-Interview über Wiese vor der WM 2010 gesagt: „Klar hat er was von mir. Er ist eher extrovertiert, sagt seine Meinung gerade heraus. Er ist genauso kompromisslos; er lässt sich die Kugel lieber an den Kopf schießen, als ein Tor zu kassieren. Er ist ein sehr guter Torwart mit einer guten Einstellung. Ich mag den.“

ps

 

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