FC Bayern - Juventus Turin Mazzola: "Schweinsteiger ein wahrer Kommandant"

Sandro Mazzola im Innterview über Schwächen des FC Bayern, die Juve in Turin ausnützen könnte und welche Bayern-Spieler ihn besonders beeindrucken.

 

TURIN – Sein Duell mit Franz Beckenbauer im Jahrhundertspiel bei der WM 1970 in Mexiko ist ein Stück Fußball-Geschichte. Der Name Sandro Mazzolas wird immer mit der „Schlacht“ im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt verbunden sein, mit der besten Verlängerung, die es je gegeben hat, und dem 4:3 der Squadra Azzurra gegen Deutschland.

Der gebürtige Turiner, mit Inter Mailand 1964/65 Europapokal- und Weltpokalsieger, sowie Teilnehmer an drei WM-Endrunden, beobachtet jetzt als Kommentator der RAI ausländische Fußballspiele.

Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt er Juventus Turin bei seiner Vorbereitung auf das Viertelfinal-Heimspiel der Champions League gegen Bayern München am Mittwoch. Mazzola zählt zu den besten Kennern der Bundesliga in Italien.

Das SID-Interview mit Sandro Mazzola im Wortlaut:

SID: 'Herr Mazzola, hat Juventus nach der 0:2-Niederlage bei Bayern München noch Chancen auf die Qualifikation für das Halbfinale der Champions League?"

Sandro Mazzola (italienischer Ex-Nationalspieler): „Ehrlich gesagt, es wird hart, doch die Aufholjagd ist nicht unmöglich. Alles hängt von den ersten 20 Minuten Spielzeit ab. Wenn Juventus den Bayern das Spiel aufzwingen kann, dann ist das Weiterkommen nicht ausgeschlossen. Juve muss aber ein besonders aggressives Spiel bestreiten.“

SID: 'Sehen Sie bei FC Bayern Schwächen, die Juve in Turin ausnutzen könnte?"

Mazzola: „Der FC Bayern beeindruckt mit seinem Niveau, er hat exzellente Mittelfeldspieler und außerordentliche Stürmer. Müller und Ribery sind ein fantastisches Duo, doch die Abwehr ist nicht auf dem selben Niveau. Bayern setzt oft auf ein stark offensives Spiel, um die Probleme in der Abwehr zu übertünchen.“

SID: 'Welche Bayern-Spieler sind Ihrer Ansicht nach eine Erfolgsgarantie?"

Mazzola: „Sicherlich Bastian Schweinsteiger, der ein wahrer Kommandant ist. Er kann eine ganze Mannschaft mitreißen, er hat physische Kraft, Technik, er ist rundum ein kompletter Spieler. Ich bewundere auch das Talent Lahms und Müllers.“

SID: 'Franz Beckenbauer hat mit seiner Behauptung, Juves Torhüter-Ikone Gianluigi Buffon habe in München wie ein 'Rentner' gespielt für viel Aufregung in Italien gesorgt. Was sagen Sie dazu?"

Mazzola: „Ich kenne Beckenbauer seit Jahren, wir treffen uns gelegentlich, und ich schätze ihn als Menschen und als Trainer sehr. Er ist eine wunderbare Person. Ich glaube, seine Aussagen zu Buffon sollten humorvoll sein. Es ist unbestritten, dass Buffon in München Fehler gemacht hat. Buffon ist ein großartiger Torwart, aber auch Meister können gelegentlich Fehler begehen.“

SID: 'Juve ist zwar in der Serie A das absolute Spitzenteam, dasselbe kann man aber nicht auf internationaler Ebene behaupten. Sind Sie mit dieser These einverstanden?"

Mazzola: „Ja, Juve ist in der italienischen Meisterschaft stark, um sich in Europa zu profilieren, fehlt es der Mannschaft an einem außerordentlichen Talent, das mit Fantasie und Unberechenbarkeit das Ergebnis des Spiels ändern könnte. Juve hat gute Spieler, nicht aber absolute Talente wie Ribery und Müller.“

SID: 'Wie hat sich der deutsche Fußball in den letzten Jahren geändert?"

Mazzola: „Das Spiel ist fantasievoller und innovativer geworden, was sich positiv mit der physischen Kraft der deutschen Spieler verbindet. Dazu haben meiner Ansicht nach auch die Spieler mit ausländischen Wurzeln beigetragen. Bis vor einigen Jahren verfolgte ich fast nie die Spiele der Bundesliga, jetzt immer. Ich finde, dass der deutsche Fußball sehr interessant geworden ist.“

SID: 'Welche Stärken hat Juventus Ihrer Ansicht nach?"

Mazzola: „Die Mannschaft hat ein gutes athletisches und taktisches Niveau. Zwar hat Juve nicht so starke Stürmer wie Bayern, doch die Mannschaft ist sehr kompakt, außerdem kann sie mit einem absoluten Ausnahmespieler wie Pirlo rechnen. Der AC Mailand hatte Pirlo 2011 an Juventus verkauft und dabei gedacht, er sei am Ende seiner Karriere angelangt. Andrea hat aber bewiesen, dass er immer noch zu den Größten im internationalen Fußball zählt.“

SID: 'Juve-Trainer Antonio Conte hat die Mannschaft Anfang der vergangenen Saison übernommen und segelt jetzt in Richtung des zweiten Meisterschaftstitels in Serie. Was ist sein Geheimnis?"

Mazzola: „Er hat die Spieler zuerst psychologisch motiviert und überzeugt, dass sie stark sind, und sie dann technisch gut ausgebildet. Er hat auf tiefgreifende Erneuerung gesetzt. Außerdem kann er auf sehr starke Abwehrspieler wie Giorgio Chiellini zurückgreifen.“

SID: 'Juventus ist als einzige italienische Mannschaft noch in der Champions League vertreten. Ist das nicht eine enttäuschende Bilanz für den italienischen Fußball?"

Mazzola: „Unsere Klubs müssen in junge italienische Spieler investieren. Die jungen Italiener müssen wieder Fußball spielen und nicht nur als Athleten aufgebaut werden. Heute trainieren die Fußballer hart, wissen aber nicht mehr, was Kreativität und Fantasie ist. Kein Wunder, dass in Italien immer mehr junge Spieler aus Drittwelt-Ländern eingesetzt werden, in denen man noch auf der Straße Fußball spielt. 54 Prozent der Fußballer, die in Italiens Serie A spielen, sind Ausländer“.

SID: 'Hat sich mit der Wirtschaftskrise in Italien nicht einiges geändert? Kommen jetzt nicht verstärkt junge Italiener zum Zug?

Mazzola: "Leider nein, die Krise hat in dieser Hinsicht keine Neuigkeiten gebracht'.

 

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