FC Bayern gegen Moskau Kuranyi: Bayern drohen Stau, Minusgrade, Zweitliga-Stadion

Ein Moskau-Experte, weil er selbst bei Dynamo in der Russischen Hauptstadt spielt: Kevin Kuranyi. Foto: Sampics/AK

Vor dem Duell des FC Bayern bei ZSKA Moskau erklärt Russland-Insider Kevin Kuranyi, was den Meister erwartet. Er warnt Pep, verrät, woher er Götze kennt – und macht sich Hoffnungen auf die Nationalelf.

 

AZ: Herr Kurányi, was erwartet Bayern am Mittwoch bei ZSKA Moskau?

KEVIN KURÁNYI: Das 3:0 aus dem Hinspiel ist kein Gradmesser, damals hatte ZSKA eine schlechte Phase. Die Abwehr ist gut, dazu haben sie vorne zwei schnelle Afrikaner, Musa und Doumbia, perfekt fürs Konterspiel. ZSKA kann Bayern gefährlich werden!

Haben Sie Kontakt zu den Bayern-Spielern?

Ja, zu Rafinha, Neuer, Götze. Wir schreiben uns oft. Kürzlich war ich in München zur Behandlung, da habe ich meine alten Kumpels getroffen.

Götze?

Lustige Geschichte: Den habe ich einen Tag vor seinem Geburtstag im Urlaub kennengelernt, er hat dort mit ein paar Dortmundern gefeiert.

Haben Sie sich mitgefreut am Samstag?

Ja, sehr! Von allen ausgepfiffen zu werden und trotzdem dieses Tor zu schießen, war etwas Besonderes für Mario. Der Junge ist wahnsinnig gut und hat eine große Zukunft.

Und am Mittwoch gibt's die Stadtführung durch Moskau.

(lacht) Die fällt leider aus, die Bayern müssen sich ja aufs Spiel vorbereiten. Sie lernen höchstens selber eine große Attraktion kennen: den Mega-Stau.

Stau?

Mannschaftshotel und Stadion sind vielleicht 20 Kilometer entfernt. Trotzdem kann es sein, dass sie dafür eineinhalb Stunden brauchen werden.

Warum?

Es gibt keine Regeln. Hier fahren einfach alle kreuz und quer. Wenn drei Spuren aufgemalt sind, fahren trotzdem vier, fünf Autos nebeneinander. Echt irre.

Lesen Sie hier: Was für Bayern schon alles schief ging in Moskau.

Pep Guardiola fürchtet an Moskau vor allem eins: die klirrende Kälte.

Einmal hatten wir schon minus 25, gespielt habe ich mal bei minus 17 Grad.

Bayern spielt in Ihrem Stadion, im Vorort Chimki.

Das Stadion, das eigentlich ein Zweitliga-Stadion ist, teilen sich zurzeit Dynamo, ZSKA und Spartak, weil die großen Arenen in Moskau alle für die WM 2018 renoviert oder neu gebaut werden. Ich hoffe, dass der Rasen okay ist. Der hat viel leiden müssen zuletzt. Aber so es ist Russland.

Geht's dort rauer zu?

Auf jeden Fall. Die Liga ist hart, körperbetont. Das war eine große Umstellung für mich.

Teilen Sie auch aus?

Wer bekommt, muss auch austeilen! Man muss sich wehren, nur so wird man akzeptiert.

Dafür ist das Verletzungsrisiko höher.

Schon. Ich war vier Monate an den Adduktoren verletzt. Jetzt ist es für mich wie ein Neustart in die Saison. Ich will mit Dynamo ins internationale Geschäft.

Wenn man hierzulande was über Russland hört, ist es oft dubios – wie die Geschichte von Anschi Machatschkala: letztes Jahr Dritter, jetzt Letzter ohne Sieg. Wie kommt's?

Da hat jemand sehr viel Geld investiert und dann den Hahn zudrehen müssen – aus welchen Gründen auch immer. Anschi musste viele Spieler verkaufen. Aber das Projekt ist nicht zu Ende, nur der Kurs wurde geändert. Es wäre toll, wenn Anschi jetzt auf dem neuen Weg Erfolg hätte, trotz des Abgangs vieler Spieler.

Ihr Verein hat sich beim Ausverkauf auch bedient.

Ja, im Dreierpack. Und dann kam nochmal ein Dreierpack. (lacht). Gott sei Dank sind sie jetzt bei uns!

Fühlen Sie sich eigentlich wohl in Russland?

Ich bin ein einfacher Typ, ein internationaler Typ, könnte man sagen. Ich passe mich schnell an, egal wo ich bin. Mittlerweile verstehe ich auch ziemlich viel Russisch, nur mit dem Sprechen tue ich mir schwer.

In der deutschen Öffentlichkeit spielen Sie so aber gar keine Rolle mehr.

Ganz so ist es nicht. Ich muss hier schließlich im Wochenrhythmus Interviews für deutsche Medien geben. Aber klar ist: Der russische Fußball wird im Westen leider noch nicht so beachtet.

Streben Sie eine Rückkehr in die Bundesliga an?

Ich fühle mich hier wohl, habe noch einen Vertrag bis 2015 und gehe davon aus, dass ich den erfülle. Aber im Fußball weiß man nie: Vielleicht ändert der Verein seine Ausrichtung, hat andere Gedanken? Ich weiß nur eins: Nach meiner Karriere werden meine Frau, meine Kinder und ich in Stuttgart wohnen, in der Nähe unserer Familien.

Haben Sie noch Kontakt zu Jogi Löw?

Nein, schon lange nicht mehr.

Offiziell zurückgetreten aus der Nationalelf sind Sie nie.

Wieso sollte ich? Dafür bin ich viel zu jung! (lacht) Mal sehen, was die nächsten Jahre passiert.

Was sagen Sie zur Diskussion um Stefan Kießling?

Normalerweise müsste er mit seinen Leistungen bei der WM dabei sein, er hätte es verdient. Aber ich bin hier weit weg, kann das nicht richtig beurteilen.

Im Sommer WM in Ihrem Geburtsland Brasilien. Kommt bei Ihnen Wehmut auf?

Ach, nein. Ich freue mich, dass viele meiner Freunde dabei sein werden. Wenn ich Zeit habe, fliege ich selbst hin. Als Fan, um sie anzufeuern.

Lesen Sie hier: Was Hoeneß und Rummenigge vom Bayern-Maulwurf halten.

 

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