FC Bayern Der neue Stani - einer wie Magath

Der Trainer des FC ST. Pauli: Holger Stanislawski. Foto: dpa

Holger Stanislawski, Trainer des Kiez-Klubs St. Pauli, gilt als Kumpeltyp. Nun beweist er, dass er auch anders kann.

 

HAMBURG Der letzte Widerstand bricht in aller Regel nach zwei Minuten. Dann wechselt auch der Gesprächspartner, der sich vorgenommen hatte, beim „Sie“ zu bleiben in den Waldi-Duz-Modus. Vorgestellt hat sich Holger Stanislawski eh mit den Worten: „Ich bin der Stani“. „Holger“, sagt er dann, nenne ihn nur seine Frau, wenn er etwas Wichtiges vergessen habe.

Wenn es so etwas wie einen Kumpel-Typ in der Bundesliga gibt, ist es dieser Mann mit schütterem Haar. Einst Verteidiger-Raubein mit eingebauter Blutgrätsche, jetzt Cheftrainer beim Aufsteiger und samstäglichen Bayern-Gegner FC St. Pauli. Mit Jeans und Totenkopf-Kapuzenpulli wird der gelernte Masseur in der Allianz-Arena an der Seite des geschniegelten Louis van Gaal in etwa so wirken wie der Sozialarbeiter vom Hasenbergl neben dem DAX-Vorstand.

Wer Stanislawski nicht gut kennt, kann dessen lässige Art leicht mit einem laissez-faire-Führungsstil verwechseln. Was ein ziemlicher Irrtum sein kann, wie jetzt Gerald Asamoah erfuhr. Sehr überrascht registrierte der Stürmer, zu Saisonbeginn aus Schalke gekommen, die Wandlung seines Trainers vom Kumpel zum Diktator. „Der Stani kann ja so hart wie Magath sein“, staunte er.

Nach sechs sieglosen Spielen in Folge bellte Stanislawski in der vorvergangenen Woche nur noch die Kommandos über den Platz; keine Spur mehr von persönlicher Ansprache. Im Training wurde geschuftet. Ob nachmittags abermals trainiert wurde, entschied Stanislawski erst am Mittag. „Keiner konnte den Tag verplanen“, so Asamoah.

Nicht nur die sportlich eher bescheidenen Auftritte hatten die harte Stani-Welle ausgelöst. Noch mehr hatte sich der Trainer über Undiszipliniertheiten geärgert. „Wir sind ein Verein, in dem es menschlich zugeht, aber irgendwann ist auch bei uns ein Punkt erreicht, wo man mal reagieren muss“, erklärt Sportchef Helmut Schulte. Mit Verteidiger Carlos Zambrano und den Offensivkräften Deniz Naki und Charles Takyi fanden sich drei Akteure auf der Tribüne wieder. Das Signal wirkte – beim 1:0 gegen Lautern gelang endlich wieder ein Sieg.

Die Verantwortlichen des Kiezklubs schweigen zwar nach wie vor beharrlich, was passiert ist. Inzwischen sickerte jedoch durch, dass Naki zum wiederholten Mal zu spät zum Training gekommen war. Zambrano und Takyi wiederum sollen bis zum frühen Morgen gefeiert haben – und das ausgerechnet auf der Amüsiermeile Reeperbahn. Was in Hamburg für einen Profi in etwa eine so gute Idee ist, wie in München eine durchtanzte Nacht in der Promi-Disco P1.

Zumindest Takyi, einer der Helden des Aufstiegs, hätte es besser wissen müssen. Schon vergangene Saison hatte Stanislawski gezeigt, wie schnell er den Schalter umlegen kann. Als er in der Rückrunde nach drei Pleiten in Serie den Aufstieg in Gefahr sah, befahl er mitten im Winter die Rückkehr aus dem komfortablen Millerntor-Stadion mit Rasenheizung ins marode Trainingszentrum in Hamburgs Norden. Stanislawski setzt diese Reizpunkte sehr gezielt. In der Branche gilt er schon jetzt als einer der Besten – DFB-Sportdirektor Matthias Sammer nennt ihn einen „Glücksfall für den deutschen Fußball“.

Akribisch bereitet Stanislawski jede Trainingseinheit vor, beschäftigt sich intensiv mit modernster Leistungsdiagnostik. Ausgerechnet der einst so eisenharte Abwehrspieler hat dem Klub ein ansehnliches Offensivspiel gelehrt.

Seine Methoden sind ungewöhnlich. Der Verlierer des Sprintparcours etwa muss zur Gaudi der Kollegen ein rosa Leibchen tragen. Und in der Allianz Arena? „Mit Helm und offenem Visier werde man kämpfen“, verspricht Stanislawski – und hofft, dass wieder eine Sensation gelingt, wie am 6. Februar 2002, als sein Klub am Millerntor die großen Bayern 2:1 bezwang. Massenhaft verkaufte der Verein damals T-Shirts mit dem Aufdruck „Weltpokalsiegerbesieger“. Stanislawski zählte auf dem Rasen zu den Stars. Erzählen mag er davon seinen Spielern nicht: „Die alten Geschichten nerven meine Jungs. Davon kriegen sie eher schlechte Laune.“

Paul Willke

 

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