Faszination Unimog Seit 70 Jahren über Stock und Stein

Der bunte Hund unter den Unimog: Autor Klaus Brieter in einem rosafarbenen Modell 2010 von 1952 aus Schweizer Privatbesitz. Foto: Daimler

Universal-Motor-Gerät - welch sperriger Name für einen automobilen Alleskönner. Zum Glück haben sich seine Väter für den Kurznamen "Unimog" entschieden.

 

Gaggenau - Mit diesem Namen trat der ganz spezielle Mercedes seinen Siegeszug rund um den Globus an. Jetzt ist der Unimog, der zunächst als landwirtschaftliches Arbeitstier und Konkurrent des Traktors entwickelt wurde, 70 Jahre alt geworden. Und er will auch weiterhin vom Ruhestand nichts wissen. Da es über die Zeit zwischen dem Herbst 1946 - als das erste fahrbereite Chassis auf eigenen Rädern stand - und heute viel zu erzählen gibt, ist das Unimog-Museum in Gaggenau der passende Ort, um das Jubiläum zu inszenieren.

Wir dürfen uns selbst hinter das Lenkrad klemmen, um den Fortschritt vom ersten Modell bis zur Moderne zu erfahren. Am ergreifendsten ist die Begegnung mit einem Modell 2010 von 1952, das mit dem Urtyp identisch ist, es gerade mal auf überschaubare 25 PS bringt und nur rund drei Meter in der Länge misst. Auf dem Parcours rund ums Museum im rosafarbenen lackierten Oldtimer einer Besitzerin aus der Schweiz mühen wir uns mit einem choreografisch durchdachten Einstieg, dem knochig zu schaltenden, nicht synchronisierten Getriebe und der zähen Lenkung ab. Aber der Oldie fährt tapfer und lässt sich auch vom schweren Geläuf abseits der Piste nicht beeindrucken.

Unimog: Unerschöpfliche Vielfalt

Deutlich geschmeidiger als der alte Vierzylinder-Diesel geht der Sechszylinder mit 82 PS im olivfarbenen Unimog S mit langem Radstand von 1964 zu Werke - eine Version, die häufig für das Militär gebaut wurde. Aber auch in diesem neueren Modell verlangt der Schalthebel harte Schläge des Fahrers, wenn ein Wechsel der Schaltgasse ansteht. Nahezu luxuriös lässt sich dagegen der deutlich wuchtigere U 1300L von 1975 schalten und fahren, dessen acht Gänge bereits synchronisiert sind. Als Wohltat empfinden wir in dieser Version für das belgische Militär die Servolenkung, mit der die älteren Modellen nicht aufwarten können.

Ein besonderes Schmankerl: die Umrundung des Geländeparcours, der ebenfalls zum Museum gehört. Wir sind im U1100 L von 1979 unterwegs. Im Doppelkabiner geht es meist ohne den zuschaltbaren Allradantrieb über Stock und Stein, extreme Schräglagen schafft der Wagen ohne umzukippen. Dann geht es im moderneren U 4000 (2014) mit 218 PS und EPS-Schaltung weiter. Der jeweils gewünschte Gang wird in diesem Modell über einen kleinen Schalthebel vorgewählt und durch kurzes Kupplungstreten aktiviert. Brav nach Anweisung des Instruktors geht es mit Allradantrieb und Differenzialsperren über einen Hügel mit 100 Prozent Steigung und Gefälle, eine Treppe hinauf und mit wie zum X verschränkten Achsen über einen Hinkelstein. Selbst bei quer gelegten Baumstämmen ist nicht Schluss.

Die Krönung im fahraktiven Teil der Jubiläums-Show ist die Mitfahrt in einem Unimog U400, der als Servicefahrzeug bei der Rallye Paris-Dakar (2006/2007) eingesetzt war. Spannend ist schon die zügige Anfahrt auf dem Schotterweg der Steigung. Dann eine dunkle Ahnung beim knappen Befehl des Fahrers trotz angelegtem Hosenträgergurt: "So, jetzt festhalten". Und schon passiert es: Der Werkstattwagen trotz seiner 6,7 Tonnen Lebendgewicht ab und legt einen achtbaren Luftsprung mit geglückter Landung hin.

"Er ist der John Wayne unter den Nutzfahrzeugen"

Diese Motorsportvariante ist nur ein Fingerzeig auf die unerschöpfliche Vielfalt der Unimog-Welt, mit der man dickleibige Bücher füllen kann. Um nur einige Beispiele zu nennen: In der Landwirtschaft treibt sich das Universal-Motor-Gerät auf nahezu jeder Form des "Ackers" herum, als Feuerwehr und Einsatzfahrzeug im Katastrophenschutz rettet er Leben, als Arbeiter bei den Kommunaldiensten schiebt er den Schnee von der Straße oder mäht den Rasen am Straßenrand. Und als "Aufgleisversion" überrascht er mit seinen guten Reibwerten durch eine kaum vorstellbare Zugkraft - denn seine heruntergefahrenen Eisenräder dienen nur zur Führung in der Schiene, während die griffigen Gummiräder den Antrieb besorgen. Für dieses Kaleidoskop an Möglichkeiten fand der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche im Jahr 2010 die treffenden Worte: "Er ist der John Wayne unter den Nutzfahrzeugen - frei nach dem Motto: Ich brauch' keine Straße, ich brauch' nur einen Auftrag."

Wer die Faszination Unimog statisch und dynamisch selbst erleben will, ohne den Fahrer eines Schneepflugs bestechen zu müssen, dem sei ein Besuch im Unimog Museum in Gaggenau in der Nähe von Karlsruhe empfohlen. Für den Preis, der niedriger ist als der für eine Achterbahnfahrt auf dem Oktoberfest, wird mehr und längere Spannung geboten als in der Achterbahn denkbar ist.

 

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