Fall vor Gericht Stadelheim: Wärter schmuggelt Handys in Zelle

Skandal in der JVA: Ein Angeklagter (37) schmuggelt verbotene Gegenstände ins Gefängnis. Pro Mobiltelefon kassiert er 350 bis 450 Euro. Foto: az

Skandal in der JVA: Ein Angeklagter (37) schmuggelt verbotene Gegenstände ins Gefängnis. Pro Mobiltelefon kassiert er 350 bis 450 Euro.

 

MÜNCHEN Eigentlich soll ein Gefängnis eine abgeschlossene Welt sein. Für den suspendierten Justizvollzugsbeamten Thomas L. (37) und seine Komplizen war es eher ein Import-Export-Laden. Er führte einen schwunghaften Handel mit Handys, SIM-Karten und Nassrasierern. Laut Anklage soll er auch Fluchtpläne ausgearbeitet und vermutlich Drogen geschmuggelt haben. Seit gestern steht Thomas L. wegen Bestechlichkeit in 17 Fällen und Betrugs vor dem Münchner Landgericht.

„Im Großen und Ganzen stimmen die Vorwürfe“, gesteht der Angeklagte vor der 5. Strafkammer. Allerdings bestreitet er, Fluchthilfe angeboten und Drogen besorgt zu haben. „Das hätte ich sofort abgelehnt, weil man nicht mit einem Schlüssel aus Stadelheim rauskommt. Die vorletzte Tür öffnet ein Kollege über einen Summer. Die erst schließt und dann geht die Ausgangstür auf. Alles videoüberwacht“, so Thomas L.

Er gibt vor Gericht auch zu, dass er einmal eine Aluminiumkugel für einen Häftling in die JVA gebracht habe: „Mir hat man gesagt, da sei Tattootusche drin.“ Was es wirklich war, ist unklar. Sein Motiv: Eine „ausweglose finanzielle Situation“. Die habe dazu geführt, dass er sich bestechen ließ: „Meine Ex hat allein unser Konto geführt, sich um die finanziellen Dinge gekümmert.“ Nach der Trennung 2011 sitzt Thomas L. auf einen Schuldenberg von zirka 75000 Euro.

Drahtzieher in Stadelheim ist der Inhaftierte Mehmet D. gewesen. Er soll gewusst haben, wenn ein Wachmann finanzielle Probleme hat. „Gefangene kriegen alles raus, die haben Ohren wie Elefanten“, sagt der Angeklagte, dessen Lohn bereits gepfändet worden ist: „Ich stand unter Druck, wusste nicht einmal, wie ich ohne Geld von Ingolstadt in die Arbeit nach München komme“. Im März 2011 spricht ihn Mehmet erstmals an, verspricht ihm einen Kredit über 50000 Euro.

Dafür muss Thomas L. an der Tankstelle zwei Klapphandys der Marke Samsung in Empfang nehmen. Ein Gerät ist für Thomas L. zur weiteren Kontaktaufnahme. Drei Wochen später werden Thomas L. in Ingolstadt in der Münchner Straße eine Media-Markt-Tüte mit vier Mobiltelefone der Marke Samsung samt Ladekabel übergeben. Ein paar Tage danach schmuggelt der Angeklagte ein weiteres Handy und die besagte Alukugel in den Knast.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass in der Kugel Drogen gewesen sind. Die Übergabe der Schmuggelware findet immer im Gefängnishof statt. „Ich habe die Handys in einer Tüte an einem Baum im Innenhof gestellt. Jemand hat die Tüte unauffällig abgeholt“, sagt L. Für ein Handy kassieren die Komplizen des Angeklagten in der JVA 350 bis 450 Euro.

„Mich hat man mit dem Kredit immer nur hingehalten. Ich bin so doof gewesen und habe geglaubt, dass ich das Geld bekomme“, so Thomas L., der mit kleinen Beträgen, die dann auf den Kredit angerechnet werden sollten, abgespeist wurde. Insgesamt soll er 2400 Euro erhalten haben. Der große Kredit blieb aus. Dafür pumpt der Angeklagte einen Kollegen an.

Er soll für ihn einen Kredit über 20000 Euro aufnehmen, damit man ihn aus der Schufa-Auskunft streicht und er wieder kreditwürdig ist: „Ich hätte einen Beamtenkredit aufgenommen und meine Schulden ganz abbezahlt. Mit den Gläubigern hatte ich einen Vergleich geführt. Wenn ich 30000 Euro zahle, sind sämtliche Schulden getilgt.“

Kaum hat Thomas L. das Geld vom Kollegen, kauft er sich ein Sofa (2000 Euro), bucht einen Flug nach Dubai (5000) und ordert einen Audi. „Die Lage scheint doch nicht so ausweglos gewesen zu sein“, kommentiert der Vorsitzende Richter Peter Noll. Der Prozess geht heute mit Zeugen weiter.

 

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