Faktencheck Fachkräfteengpass trotz Millionen Arbeitssuchender

Die deutsche Wirtschaft sieht den Fachkräftemangel als eines ihrer größten Probleme. Die Bundesregierung will nun gegensteuern und viel mehr Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten anlocken. Foto: Sven Hoppe/dpa/dpa

Fachkraft gesucht! Freie Stellen sollen auch mit Menschen aus dem Ausland besetzt werden. Doch was ist mit den Arbeitslosen in Deutschland? Könnten sie den Engpässen nicht entgegenwirken?

 

Berlin - Deutschland will die Weichen für die Einwanderung von Fachkräften stellen. Hierzulande sind Hunderttausende ohne Arbeit. Könnten diese denn nicht alle Fachkräfte-Lücken schließen?

BEWERTUNG: Nein. Denn unter anderem passen die Qualifikationen von Arbeitslosen nicht immer zu den Jobanforderungen.

FAKTEN: Im November waren bei der Bundesagentur für Arbeit 2,18 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, etwa 700 000 davon seit mehr als zwölf Monaten. Hinzu kommen weitere potenzielle Arbeitnehmer, die derzeit in Maßnahmen wie Weiterbildungen stecken oder arbeitsunfähig erkrankt sind. Zusammengerechnet liegt die Zahl der sogenannten Unterbeschäftigten bei 3,14 Millionen Menschen.

Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für das dritte Quartal 2019 erhob, gibt es in Deutschland 1,36 Millionen unbesetzte Stellen. Etwa die Hälfte davon sind bei der Arbeitsagentur gemeldet. Theoretisch kommen also auf 100 freie Arbeitsplätze etwa 230 Unterbeschäftigte. Es scheint hierzulande einen Überschuss zu geben.

Aber so leicht ist ein Vergleich natürlich nicht. Die meisten der bei der Arbeitsagentur gemeldeten Stellen richteten sich an Menschen mit Berufsschulabschluss, berechnete Anfang 2019 das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Doch kommt jeder zweite der rund 2,2 Millionen Arbeitslosen für Jobs in Frage, für die keine abgeschlossene Berufsausbildung verlangt wird. Ihnen bleiben freie Fachkräfte-Stellen in der Regel verwehrt. Zudem müssten Arbeitslose auch gewillt sein, in eine Region zu ziehen, in der es einen Mangel an Fachkräften gibt.

Zwar können Menschen qualifiziert werden - etwa vom Altenpflegehelfer, wo es keine Engpässe gibt, zum Engpass-Beruf des Altenpflegers. Das erfordert aus Sicht des IW aber ein hohes Maß an Engagement und Willen von Arbeitssuchenden und Unternehmen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert die Bundesregierung zu mehr Anstrengungen auf, damit über Qualifizierung und Weiterbildung auch hierzulande mehr Fachkräfte gewonnen werden können.

Doch auch der DGB ist zusätzlich für eine Anwerbung aus dem Ausland. So schaut sich die deutsche Wirtschaft etwa bei Handwerk, Bau, Pflege und Gesundheit händeringend nach Fachleuten um - im Inland und auch im Ausland. Da nach Ansicht der Bundesregierung die Zuwanderung aus EU-Staaten tendenziell abnehmen wird, setzt Berlin auch auf das Potenzial an qualifizierten Mitarbeitern aus Nicht-EU-Staaten - zunächst etwa aus Mexiko, Brasilien, Indien und Vietnam.

Von einem "umfassenden Fachkräftemangel" in Deutschland will die Bundesagentur allerdings nicht sprechen. "Vielmehr zeigen sich in einigen Berufen und Regionen spürbare Probleme bei der Besetzung von offenen Stellen", heißt es in ihrer jüngsten Analyse vom Juni 2019. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz sieht allerdings vor, die Zuwanderung nicht mehr auf Engpassberufe zu beschränken.

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