Experten sind sich einig Die Zukunft von Antibiotika: "Weniger ist mehr"

Viele greifen bei Krankheiten gleich zu Antiobiotika - aber oft ist das gar nicht nötig Foto: fizkes/shutterstock.com

Die weltweite Zunahme von Antibiotika-Resistenzen gehört laut WHO zu den größten Gefahren für die menschliche Gesundheit. Denn Antibiotika werden zu häufig und oft unbegründet angewendet. Experten sprechen sich für einen bewussten Umgang mit dem Medikament aus.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat keine Zweifel: Die weltweite Zunahme beim Auftreten von Antibiotika-Resistenzen gehört zu den größten Gefahren für die menschliche Gesundheit. Das hat dramatische Konsequenzen für die Behandlung von Infektionskrankheiten. Häufigste Ursache für die Abnahme ihrer Wirksamkeit: Antibiotika werden zu häufig und oft unbegründet angewendet.

Eine echte Herausforderung auch für Medikamenten-Hersteller, wie Tanja Dormels, Geschäftsführerin der 1 A Pharma GmbH in Oberhaching bei München, erklärt. "Für den richtigen Umgang mit Antibiotika ist es wichtig, ein wirklich umfassendes Fachwissen zu haben. Leider gibt es da oft noch große Lücken, die wir dringend schließen müssen. Was viele Patienten zum Beispiel nicht wissen: So wirksam Antibiotika gegen Bakterien sind, gegen Krankheiten, die durch Viren ausgelöst werden wie etwa eine Grippe, sind sie völlig wirkungslos. Eine weitere große Herausforderung ist die zunehmende Resistenz von Bakterien gegen die gängigen Antibiotika. Diesem Trend muss dringend entgegengewirkt werden."

Experten einig: Oft sind Antibiotika überflüssig

Professor Jochen Gensichen vom Universitäts-Klinikum Jena pflichtet Dormels bei: "Tatsächlich denken sehr viele Menschen, dass bei Infekten sofort ein Antibiotikum genommen werden muss, selbst bei einem ganz gewöhnlichen Schnupfen. Das stimmt zwar überhaupt nicht, trotzdem erwarten die Patienten, dass der Arzt ihnen bei einem Infekt ein Antibiotikum verschreibt, weil dieser Link noch in ihrem Kopf fest verankert ist. Hausärzte müssen also nicht nur erkennen, wenn keine Antibiotika-Therapie erforderlich ist, sie müssen dies dem Patienten dann auch überzeugend vermitteln."

Fühlen sich denn die Patienten heute sicher im richtigen Umgang mit Antibiotika? Laut Dormels "leider nein. Vielen Menschen fehlt das grundsätzliche Wissen über die Resistenzentwicklung von Bakterien. Laut einer repräsentativen Umfrage in Deutschland meinten 58 Prozent der Befragten, dass ihr eigenes Verhalten im Umgang mit Antibiotika keinen Einfluss auf die Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen hat. Das stimmt natürlich nicht. Denn wenn die Medikamente nicht genau so eingenommen werden, wie der Arzt sie verordnet hat, fördert das die Bildung von resistenten Bakterien. Ebenso wenn Antibiotika-Reste in der Mülltonne oder über die Toilette entsorgt und nicht an den Sammelstellen oder in der Apotheke abgegeben werden."


Tanja Dormels, Geschäftsführerin der 1 A Pharma GmbH plädiert für wenige rund gezielten Einsatz von Antibiotika
Foto:1 A Pharma

Um das dazu ändern, hält Dormels "einen verantwortungsvollen und vorausschauenden Umgang mit Antibiotika für sehr wichtig". Gerade zur Vorbeugung der Resistenzbildung sei es oberstes Gebot, Antibiotika nur anzuwenden, wenn auch tatsächlich eine bakterielle Infektion vorliegt. Die richtige Anwendung des Medikaments ist laut Dormels der nächste wichtige Schritt. Dabei liege die Verantwortung auf mehreren Schultern - beim Arzt, bei den Apotheken, beim Patienten und nicht zuletzt auch bei den Pharmafirmen.

So unterstützt 1 A Pharma beispielsweise mit namhaften Partnern eine Smartphone-App, die in Kürze von Apothekern beworben und Patienten kostenlos zur Verfügung gestellt werden wird. Sie soll ihnen auf einfache Weise interaktiv helfen, die verschriebenen Antibiotika korrekt einzunehmen. "Getreu dem Motto: Richtig ist wichtig", so Dormels.

Nur gezielter Antibiotika-Einsatz sichert die Wirksamkeit

Ähnlich argumentiert auch Prof. Dr. Petra Gastmeier von der Charité in Berlin: "Neue Antibiotika-Klassen auf den Markt zu bringen, wird bestimmt noch zehn Jahre dauern. Deshalb ist es enorm wichtig, bis dahin die Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, so gut wie möglich zu nutzen. Das bedeutet, dass wir die vorhandenen Antibiotika vernünftiger einsetzen müssen - und das in allen Bereichen."

Marco Alves von Ärzte ohne Grenzen e.V. zeichnet ein noch düstereres Bild: "Gerade der Anstieg von Antibiotika-Resistenzen ist derzeit sowohl in armen als auch in reichen Ländern ein prominentes Thema und stellt gleichzeitig eine große globale Herausforderung dar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor den Folgen eines Post-Antibiotika-Zeitalters, in dem die bestehenden Antibiotika nicht mehr wirken und bestimmte Krankheiten unbehandelbar sind. Seit 1987 wurde bspw. keine neue Wirkstoffklasse entwickelt und die Entwicklungspipeline ist quasi trocken."

Und wo sehen die Hersteller aktuell die größte Herausforderung? Dormels dazu: "So komisch es auch klingt aus dem Munde eines Herstellers, grundsätzlich gilt: Weniger ist mehr! Auch in den nächsten Jahren werden zwar weiterhin viele antibakterielle Medikamente auf dem Markt sein, aber es werden kaum neue hinzukommen. Nur wenn wir es gemeinsam schaffen, die Antibiotika-Resistenzen einzudämmen, werden die heutigen Therapieformen langfristig noch wirkungsvoll sein und auch zukünftig Menschen heilen können. Außerdem müssen wir den Fokus auf die Erforschung neuer Antibiotika legen.,

 

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