Experten-Kommission berät Der Streit um das Welfen-Gold

Das berühmteste Stück: In dem Kuppelreliquiar soll einst das Haupt des Kirchenvaters Georg von Nazianz gewesen sein. Foto: dpa

Handelt es sich um NS-Raubkunst? Eine Experten-Kommission berät über die Zukunft des mittelalterlichen Kirchenschatzes. Eine Entscheidung fällt aber erst in einigen Wochen.

Berlin/Magdeburg - Eine Büste aus vergoldetem Silberblech besetzt mit Edelsteinen, ein Tempelmodell mit emaillierter Kuppel und filigranen, aus Walrosszahn geschnitzten Figuren von Jesus, den zwölf Aposteln und den Propheten, goldene Kreuze und Tragaltare – das Welfen-Gold im schummrigen Untergeschoss des Bode-Museums ist eines der wertvollsten Zeugnisse mittelalterlicher Kunst und seit Jahrzehnten eine Hauptattraktion der Berliner Museen.

Ob der „größte deutsche Kirchenschatz im Besitz einer öffentlichen Kunstsammlung“ dort auch in Zukunft bleiben oder in privaten Besitz zurückgegeben wird, darüber berät seit Mittwoch eine Experten-Kommission.

Jüdische Kunsthändler verkauften den Schatz 1935 an den preußischen Staat – ihre Erben kämpfen bereits seit 2008 um die Rückgabe des einstigen Kirchenschatzes aus dem Braunschweiger Dom durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK).

Der Verkauf, so argumentieren sie, sei aufgrund der Verfolgung der damaligen Besitzer durch die Nazis erfolgt. Für die SPK liegt der Fall anders. Sie lehnt eine Rückgabe ab.

Wie man mit dem Schatz zukünftig umgeht, dazu soll jetzt die „Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz“ oder einfach „Limbach-Kommission“ vermitteln. Sie wurde 2003 eigens für solche Fälle gegründet, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Jutta Limbach, hat den Vorsitz. Auch Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker und die ehemalige Bundestags-Präsidentin Rita Süssmuth wirken dort ehrenamtlich mit.

Wie auch immer die Entscheidung der Experten dann ausfällt, sie wird nicht bindend sein, trotzdem könnte sie einen Weg zum weiteren Umgang mit Raubkunst ebnen, und wird deshalb auch im Ausland genau beobachtet.

Der Welfen-Schatz ist weitgereist: Heinrich der Löwe, den Münchnern als Stadtgründer und Erbauer und Vernichter von Isarbrücken bekannt, brachte die Kunstwerke von einer Pilgerfahrt aus Konstantinopel und dem Heiligen Land mit. Er brachte sie im eigens erbauten Braunschweiger Dom unter.

1866, als Preußen das damalige Königreich Hannover annektierte, flohen die Welfen mit dem Schatz nach Österreich. Jahre später, 1929, verkaufte Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg aus Geldnot die 82 Stücke des Schatzes an die Kunsthändler Zacharias Max Hackbroch, Isaac Rosenbaum, Saemy Rosenberg und Julius Goldschmidt – für 7,5 Millionen Reichsmark. Die wollten die Stücke gewinnbringend weiterverkaufen, doch der Plan ging nicht auf:

Nur wenige Wochen kam es zum "Schwarzen Freitag" an der New Yorker Börse, es folgte die Weltwirtschaftskrise, der Kunstmarkt brach zusammen, das Geschäft wurde ein Risiko. Für etwa die Hälfte des Schatzes konnten die Kunsthändler 1930 dennoch in Amerika  einige Käufer finden. 2,5 Millionen Reichsmark konnten sie so wieder hereinholen. Auch dem preußischen Staat boten sie den Schatz an, der hätte ihn auch gerne gehabt, doch aus Geldmangel lehnte man ab.

1935 kam es dann doch noch zu einem Verkauf an Preußen: Nach zähen Verhandlungen verkauften die Kunsthändler die restlichen 42 Kunstwerke – für 4,2 Millionen Reichsmark und damit weit unter Wert. Hermann Göring brüstete sich mit dem Ankauf der geschichtsträchtigen Stücke.

Machten die Kunsthändler damals also einfach nur ein schlechtes Geschäft oder wurden sie von den Nazis zum Verkauf gezwungen?

Die Vertreter der Erben von Hackbroch, Rosenbaum, Rosenberg und Goldschmidt sind von letzerem überzeugt. Sie legten der Kommission Gutachten vor, die die Diskriminierung und Verfolgung in der NS-Zeit belegen. Zwei der vier Händler waren zum Zeitpunkt des Verkaufs bereits ins Exil geflohen.

Ein Brief von 1934 aus dem Archiv der Dresdner Bank, die bei dem Handel vermittelte, belege, dass man sich beim damaligen preußischen Kulturministerium sehr bewusst war, dass der Kauf ein sehr günstiges Geschäft gewesen ist. Dort heiße es: Das Händlerkonsortium befindet sich in Zahlungsschwierigkeiten, der Zeitpunkt für einen Gesamteinkauf durch den Staat zu einem "bedeutend geringeren Preis" sei "außerordentlich günstig".

Die Stiftung preußischer Kulturbesitz, als heutiger Besitzer des Schatzes, sieht in diesem speziellen Geschäft keinen Fall von Raubkunst.

Der Schatz habe sich beim Verkauf im sicheren Ausland befunden, daher seien die Kaufleute keinem Druck ausgesetzt gewesen.

Die Händler hätten sich vielmehr einfach übernommen, heißt es. Der Preis sei fair gewesen: „Auch nichtjüdische Verkäufer hätten 1935 keinen besseren Preis bekommen“, sagt der Generaldirektor der SPK, Hermann Parzinger.

Die Kommission hat ihre Entscheidung am Mittwoch erst einmal vertagt. Mit einer Empfehlung zum Umgang mit dem Schatz sei erst in einigen Wochen zu rechnen, sagte eine Sprecherin der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste nach der ersten Sitzung am Mittwochabend in Magdeburg.

 

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