Zum Abschiedsspiel von Bastian Schweinsteiger am Dienstag spricht sein Ex-Trainer Hitzfeld exklusiv in der AZ.

München - AZ-Interview mit Ottmar Hitzfeld. Der 69-Jährige trainerte den FC Bayern von 1998 bis 2004 und 2007/8, einer seiner Schlüsselspieler war Bastian Schweinsteiger, der von 2002 bis 2015 bei den Bayern spielte, zusammen holten sie jeweils zwei Mal Pokal und Meisterschaft.

AZ: Herr Hitzfeld, Sie haben einst Bastian Schweinsteiger den Weg in die Bundesliga geebnet. Nun verabschiedet er sich von den Bayern-Fans. Ist seine Karriere komplett?
Ottmar Hitzfeld: Bastian hat eine grandiose, perfekte Karriere erlebt. So viele Titel gewonnen zu haben, so viele Meisterschaften, dazu die Champions League und die Weltmeisterschaft – das können nur die wenigsten Spieler erreichen. Bastian gehört zu den weltbesten Profis seiner Generation. Aber es geht ja nicht nur um Titel und Pokale.

Sondern auch?
Um die Art und Weise, wie er Fußball gespielt hat, wie er die Fans mit seinem Kämpferherz begeistert hat. Außerdem war Bastian immer ein Teamplayer.

Unter Ihrer Führung als Trainer hat Schweinsteiger vier Titel gewonnen, unter anderem die Meisterschaft 2003 und 2008. Legendär sind die Bilder vom 13. November 2002, als Sie Bastian und Philipp Lahm, seinerzeit zwei unbekannte Jungspunde, im Champions-League-Gruppenspiel gegen den RC Lens eingewechselt haben.
Daran denke ich immer wieder gerne zurück. Ich hatte damals einige Jugendspiele von Bastian gesehen, in der Saison zuvor war er Deutscher Meister mit der U18 geworden. Dort war er bereits ein Leader, die meisten Angriffe liefen über ihn. Dass er eine Profi-Karriere machen würde, hat sich sehr früh abgezeichnet. Wie bei Philipp auch. Sie hatten Charakter, waren damals bereits psychisch stabil und robust. Es gibt ja auch zahlreiche Talente, die gestrauchelt sind, weil sie ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen konnten.

Ottmar Hitzfeld: "Bastian war immer pflegeleicht"

Die Nominierung in den Profi-Kader erfuhr Schweinsteiger von einem Printreporter. "Ich hab’ erst gedacht, der will mich verarschen", erzählte der damals 18-Jährige, "aber dann hat auch schon der Gerland angerufen." Hermann Gerland, der Coach der Bayern-Amateure.
Bastian war ein ungeschliffener Diamant. Ich wollte ihn langsam an die Profis heranführen. Bereits damals hatte er diese unglaubliche Übersicht in seinem Spiel, schlug kluge Pässe. Das kann man nicht lernen, diese Spielintelligenz ist ihm in die Wiege gelegt worden. Bastian machte meist intuitiv das Richtige, hatte ein gutes Gespür, um auf dem Platz die richtigen Lösungen zu finden.

Zu Schweinsteigers Anfangszeiten gehört auch die Geschichte, dass er eines Nachts im Kabinentrakt an der Säbener Straße mit einer Frau im Whirlpool erwischt wurde. Angeblich seine Cousine...
Das konnten wir leider nicht geheim halten (lacht). Das war etwas übermütig, natürlich ein Fehler. Aber wenn man jung ist, muss man sich eben manchmal die Hörner abstoßen. Uli Hoeneß und ich konnten ihm nicht wirklich böse sein. So etwas passiert.

War Bastian in diesen Jahren ein frecher Lausbub?
Nein, er war immer pflegeleicht. Bastian hat einen guten Kern, ist ein anständiger, bescheidener Junge. Wenn man von jungen Spielern erwartet, dass sie auf dem Platz mutig, kreativ und eiskalt sind, muss man auch mal mit anderen Dingen außerhalb des Platzes rechnen. Das verzeiht man dann gerne. Außerdem ist Bastian nach seinen ersten Einsätzen bei den Profis auf dem Boden geblieben, er ist nicht abgehoben. Er hatte auch schnell die Anerkennung der älteren Spieler.

Sehen Sie in Bastian, der nun bei Chicago in der nordamerikanischen Liga MLS seine Profikarriere ausklingen lässt, später einen Trainer?
Das würde ich ihm zutrauen. Er könnte auch eine andere Führungsposition in einem Verein übernehmen, weil er alle Facetten des Profifußballs kennt, alles erlebt hat. Ich konnte mit ihm stets sehr angenehme, aufschlussreiche Gespräche führen.

Lahm arbeitet nun für den DFB, soll die EM 2024 als OK-Chef managen. Mit einem Engagement als Sportdirektor beim FC Bayern hat es nicht geklappt. Würden Sie Ihrem Freund Uli Hoeneß raten, Schweinsteiger zurückzuholen und einzubinden?
Unbedingt. Bastian wäre ein Gewinn für den FC Bayern, seine Popularität bei den Fans ist ja ungebrochen. Er kann gut mit Menschen umgehen, hat eine hohe soziale Kompetenz. Ich hoffe, dass er nach seiner Karriere generell dem Fußball erhalten bleibt.