Ex-Trainer Bollettieri Haas? "Eiserne Moral - wie einst Agassi"

Tommy Haas ist mit fast 35 in der Form seines Lebens. Hier schwärmt der berühmteste und schillerndste Tennistrainer der Welt von seinem früheren Zögling und erklärt dessen Comeback

 

AZ: Herr Bollettieri, während des Wimbledon-Turniers 2012 prophezeiten Sie, dass Tommy Haas noch einmal in die Top 20 der Welt zurückkehren werde. Dort steht er nun bereits, ist vor dem Halbfinale in Miami gegen den gegen den Weltranglisten-Fünften David Ferrer aus Spanien (Spiel bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) sogar auf dem Weg in die Top Ten.
NICK BOLLETTIERI: Ich bin davon überzeugt, dass bei diesem älter gewordenen, reifer gewordenen Tommy Haas das Gesamtpaket stimmt. Er macht gerade das Maximale aus seiner großen zudem strahlt eine ganz andere Ausgeglichenheit und Ruhe aus, wahrscheinlich auch, weil er diese familiäre Harmonie hat, dieses Glück mit seiner Frau und mit seiner kleinen Tochter. Und er liebt es einfach noch, raus auf einen Centre Court zu gehen, diese unvergleichliche Atmosphäre als Triebfeder für einen großen Auftritt zu nehmen.

AZ: Hart wie Granit sei der Wille von Haas, haben Sie einmal gesagt. Das git besonders für diesen Haas, diesen Spieler, der schon Mitte 30 ist.
Diese eiserne Moral haben nicht viele, im Sport und im Leben. Haas war als Profi für viele durch mit seiner Karriere, abgeschrieben und erledigt. Als er vor zwei Jahren zu seinem Comeback antrat, ist er belächelt worden. Da ist er nicht wirklich ernst genommen worden.

AZ: Haben Sie nicht auch gezweifelt, als Haas es nach der fünften Operation noch einmal versuchte?
Nein. Ich habe ihm einfach nur viel Glück gewünscht. Und die Hoffnung gehabt, dass er auf jeden Fall von irgendwelchen neuen Verletzungen verschont bleiben würde. Wenn er gesund bliebe, das war mir schon klar, dann würde da auch noch was gehen für ihn. Aber dass er so jemanden wie Djokovic so beherrschen und besiegen würde, wie in Miami, das ist dann nun schon verblüffend. So wie er gerade spielt und Tennis lebt, käme niemand auf den Gedanken, dass der Bursche nächste Woche 35 wird. Er hat sicher noch sehr große Momente vor sich, er ist noch hungrig und ehrgeizig.

AZ: Trotzdem ist es erstaunlich, dass Haas in die Spitze zurückkehren kann.
Das zeigt, wie hart Haas gearbeitet hat. So hart, wie es Andre Agassi auch getan hat, als er jenseits der Dreißig war. Tommy tut gut daran, seine Auftritte gut zu dosieren und die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Vor allem, um bei den Grand Slam-Turnieren gut in Schuss zu sein. Ich glaube, da will er auch noch mal richtig angreifen.

AZ: Haas und Agassi verbindet einiges bei ihren Comebacks. Haas ging genau wie Agassi zu kleineren Turnieren auf Challenger-Ebene, war sich auch für Qualifikationswettbewerbe nicht zu schade.
Ich glaube, Tommy hat sich auch mit Andre mal über dessen Erfahrungen ausgetauscht. Das war ganz wichtig für ihn. Und es ist ja eine ganz simple Wahrheit: Wenn du nach einer langen Verletzungspause auf die Tour zurückkehrst, holst du dir dein Selbstbewusstsein nicht in Matches gegen Roger Federer oder Rafael Nadal. Sondern in Matches gegen Spieler, die anderswo in der Weltrangliste stehen. Und auch diese Spiele sind schon schwer genug.

AZ: Ist es am Ende schlicht so, dass sich Klasse durchsetzt?
Ganz sicher. Ich bin überzeugt, dass Haas Grand Slam-Turniere gewonnen hätte, wenn seine Karriere nicht von diesen ewigen Pechsträhnen durchsetzt gewesen wäre. Dieses leidige Immer-wieder-von-vorne-anfangen, das war schon schlimm.

AZ: Diese letzten Jahre werden auch das öffentliche Bild, das man von ihm hat.
Zum Glück sehen alle noch einmal, welch größer Kämpfer er ist. An den späten Haas wird man sich erinnern, mehr als an alles andere.

 

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