Ex-Rennfahrer im Interview Jochen Mass: "Hoffe, dass Nico die WM jetzt gewinnt"

Jochen Mass (links) und Nico Rosberg. Foto: dpa, Imago

Rennfahrerlegende Jochen Mass spricht über den WM-Kampf und die Krise des deutschen Ferrari-Piloten Sebastian Vettel: "Er darf sich nicht zu sehr unter Druck setzen."

 

München - Der frühere Formel-1-Pilot Jochen Mass feierte am 30. September seinen 70. Geburtstag. In der Königsklasse bestritt er insgesamt 105 Rennen (1973 bis 1982).

AZ: Herr Mass, erst einmal alles Gute nachträglich! Sie haben ja vergangene Woche Geburtstag gefeiert. Den 70.!
JOCHEN MASS: Einen der unangenehmeren (lacht). Nein, es war wunderschön. Ich war mit meiner ganzen Familie in Südafrika. Meine beiden Söhne und deren Familien waren sowieso dort, und meine jüngste Tochter, die bald 20 wird, ist extra aus Belgrad gekommen, wo sie zurzeit für die Uni arbeitet – ich wusste von nichts, es wurde alles für mich arrangiert. Es war einfach nur schön.

Nun ist so ein runder Geburtstag ja auch immer ein Anlass, zurückzublicken. An welche Momente in Ihrer Karriere erinnern Sie sich besonders?
Ach, ich kann da gar nichts speziell herausgreifen. Es ist eine Fülle von Ereignissen, von Emotionen, von Freuden und Tiefen, die als Gesamtbild präsent bleiben. Es gibt natürlich so kleine Höhepunkte, die maßgeblich sind für den weiteren Verlauf der Karriere. Als ich zum Beispiel das Angebot erhielt, Werksfahrer bei Ford zu werden. Das war für mich traumhaft.

Kommen wir zum aktuellen Formel-1-Geschehen. Beim letzten Grand Prix in Malaysia schied Lewis Hamilton in Führung liegend aus, Nico Rosberg kämpfte sich von Platz 17 noch auf Platz 3 nach vorne. War das schon eine Vorentscheidung im WM-Kampf?
Ich hoffe, dass Nico die WM jetzt gewinnt. Er müsste sie gewinnen, denn er fährt einfach zu gut. Er war auch in den letzten Jahren schon genauso gut wie Hamilton, nur hatte er ein paar Mal Pech und war dann vielleicht in manchen Momenten nicht so frei im Kopf wie Hamilton. Wenn er erstmal die Weltmeisterschaft holt, traue ich ihm auch noch weitere Titel zu. Das ist wie im Fußball: Wenn erstmal das 1:0 fällt, geht der Rest viel einfacher.

Er kann ja jetzt schon taktisch fahren. Wenn er am Sonntag in Suzuka gewinnt, reichen ihm in den letzten vier Rennen vier zweite Plätze...
Es wäre klug, das zu tun, das ist eine sehr angenehme Situation. Natürlich muss es sein Ziel sein, jedes Rennen zu gewinnen und am Limit zu fahren, aber er muss nicht dauernd beißen und attackieren.

Hamilton äußerte nach seinem Aus in Malaysia indirekt Sabotagevorwürfe gegen sein Team. Können Sie das nachvollziehen?
Ich glaube nicht, dass er das so gemeint hat, das hat man ihm ein bisschen in den Mund gelegt. Es wäre auch Blödsinn, jetzt zu hadern, denn er kann dankbar sein, dass er zwei WM-Titel mit Mercedes gewonnen hat.

Sie kennen Hamilton etwas näher, wie würden Sie ihn als Typ beschreiben?
Ich mag ihn sehr gerne. Er ist relaxt und offen, ein Freidenker, der sich nicht in eine Rolle pressen lässt. Er ist, was er ist – und macht, was er mag. Diesen Freiraum hat er sich erhalten, was ja in der Formel 1 nicht so einfach ist. Ich finde das beeindruckend. Ein erfrischender Charakter.

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Sebastian Vettel ist wieder mal nach einer Startkollision ausgeschieden, die Kritik an ihm wird lauter. War sein Wechsel zu Ferrari ein Fehler?
Nein, um Gottes Willen. Der einzige Fehler wäre, wenn er erwartet hätte, dass er gleich gewinnt. Das kann ein Prozess von drei, vier Jahren sein, bis das Team so homogen ist, wie es damals bei Michael Schumacher war oder bei Vettels vier Titeln mit Red Bull. Bei Ferrari stimmt die Durchblutung noch nicht ganz, vielleicht sind auch die idealen Leute noch nicht gefunden. Bis dahin darf Vettel nicht an sich verzweifeln, er muss das als völlig neue Herausforderung begreifen, darf sich von den Erwartungen – auch von seinen eigenen – nicht zu sehr unter Druck setzen lassen. Auch bei Michael hat es Jahre gedauert, bis das Team optimal funktionierte.

Vor zwei Jahren in Suzuka verunglückte Jules Bianchi tödlich. Nun gibt es Diskussionen, ob ein Kopfschutzbügel für mehr Sicherheit sorgen könnte. Wie stehen Sie dazu?
Ich glaube nicht, dass das etwas nützt. Dann passiert halt was anderes, oder der Fahrer kommt wegen des Bügels nicht mehr raus. Du kannst die Formel 1 nicht zu 100 Prozent sicher machen. Das würde auch dem Formel-1-Gedanken zuwiderlaufen. Die Eigenverantwortung muss der Fahrer spüren und entsprechend fahren.

 

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