EURO 2012 TV-Ärger um Löw-Scherz: Alles geschnitten

Wie das TV die perfekte EM-Welt konstruiert: Jetzt wurde bekannt, dass der Löw-Scherz im Holland-Spiel zeitversetzt und nicht etwa live war. Foto: dpa

Wie das TV die perfekte EM-Welt konstruiert: Jetzt wurde bekannt, dass der Löw-Scherz im Holland-Spiel zeitversetzt und nicht etwa live war.

 

Kiew - Feuerwerkskörper auf den Rängen, verrückte Typen, die für eine Sekunde Ruhm auf den Platz laufen, politisch motivierte Gesten und Banner. All diese Dinge gehören leider zum Fußball-Alltag, der Fan kennt sie Woche für Woche aus der Bundesliga. Bei der EM finden sie aber nicht statt – zumindest nicht im Fernsehen.

Das offizielle Weltbild der UEFA, das alle TV-Rechtehalter zeigen, gaukelt dem Zuschauer daheim eine scheinbar perfekte Fußball-Welt vor. Stets wird rechtzeitig die Einstellung gewechselt, fröhliche Fans oder Zeitlupen gezeigt, anstatt der ungewollten Bilder, die sich auf dem Platz oder der Tribüne abspielen. Oder es werden gar Szenen, die zu einem anderen Zeitpunkt stattgefunden haben, als scheinbar live suggeriert – so wie der „Ball-Klau“ von Bundestrainer Joachim Löw bei einem Balljungen in der Partie gegen die Niederlande.

Oder besser gesagt vor der Partie gegen die Niederlande, denn die Szene wurde später einfach in die Übertragung hineingeschnitten. 

Am deutlichsten war eine offensichtliche Zensur bei den bisherigen Partien der Kroaten zu sehen: Im Auftaktspiel gegen Irland war ein Flitzer gerade noch zu erahnen, dann kam der Schnitt. Erst später war auf unzähligen Fotos zu sehen, dass Kroaten-Trainer Slaven Bilic von einem enthusiastischen Landsmann an der Seitenlinie Besuch und einen herzhaften Kuss auf den Mund bekam. Im Spiel gegen Italien landeten zahlreiche Bengalos auf dem Rasen, die Partie musste gar unterbrochen werden. Die Bilder dazu blieben aus - zumindest im TV. Volker Weicker sieht das kritisch. Der mehrfach preisgekrönte Regisseur war unter anderem vor zehn Jahren für die weltweite Übertragung des WM-Finales zwischen Deutschland und Brasilien verantwortlich.

„So ein Flitzer ist doch durchaus lustig. Bei einem bengalischen Feuer muss man ja nicht zwingend lange drauf halten, aber man kann es dem Zuschauer doch nicht vorenthalten, der Kommentator erwähnt es und am nächsten Tag steht es in jeder Zeitung“, sagt Weicker dapd. „Eine Zensur der Bilder bringt nichts.“ Zwtl. Philosophie der UEFA, „ein neutrales Bild zu zeigen“ Für den deutschen Privatsender RTL führte er unter anderem beim Champions-League-Finale 2002 zwischen Real Madrid und Bayer Leverkusen in Glasgow Regie. Auch dort stürmte ein Flitzer das Spielfeld. „Den gab es im Weltbild nicht zu sehen, aber ich bin drauf gegangen, weil ich es albern finde, so etwas nicht zu zeigen“, sagt Weicker.

Die UEFA sieht das allerdings anders. Man wolle Störenfrieden keine Plattform bieten und sich auf die für das Spiel relevanten Dinge konzentrieren heißt es da. „Es ist die Philosophie der UEFA, ein neutrales Bild, das sich nur um den Sport kümmert, zu zeigen“, bestätigt Klaus Heinen, während der EM ARD-Programmchef im International Broadcast Centre (IBC) Warschau, auf Nachfrage von dapd.

Eine Zensur gebe es seiner Meinung nach aber nicht: „Wir sind zusätzlich mit zwei bis drei eigenen Kameras bei jedem EM-Spiel, mit denen wir jederzeit in das Weltbild einschneiden können“, erklärt Heinen. Auch das ZDF hat „bei einigen Spielen eigene Kameras im Einsatz, die eventuell, je nach Perspektive, Vorkommnisse aufnehmen könnten“, bestätigt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz dapd. Ansonsten habe man „keinen Einfluss auf das vom Host Broadcaster angebotene Bild“, sagt Gruschwitz weiter.

Eine eindeutige Antwort, ob man politische Banner, wie zum Beispiel das der russischen Fans bei der Partie gegen die Polen, Flitzer oder Bengalos zeigen soll, gibt es nicht. „Man muss abwägen, da man keine Nachahmer provozieren möchte. Das ist oft eine sehr sensible Entscheidung“, sagt Heinen. Wie sensibel das Thema ist, zeigt auch die Tatsache, dass sich die Deutsche Fußball Liga (DFL) und deren TV-Mediendienstleister Sportcast, die deutlich weniger zensieren als die UEFA, auf dapd-Anfrage nicht zu dem Thema äußern wollen.

 

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