Eugen Biser Gott ist nicht zornig

Der Religionsphilosoph Eugen Biser an seinem 90. Geburtstag. Foto: dpa

Am Dreikönigstag wäre der Theologe Eugen Biser 100 Jahre alt geworden – AZ-Verleger Martin Balle erinnert sich an einen großen Freund

Die Erinnerung ist eine seltsame Sache. Was ein paar Jahre vergangen ist, verschwimmt in Bildern, an die wir uns erinnern. Die Erinnerungen trügen uns, und doch tauchen aus dem Nebel der Vergangenheit dann oft gerade die treffenden Bilder auf, die von dem erzählen, was früher geschah. Heute würde Eugen Biser 100 Jahre alt werden.

Dass wir uns begegnen und Freunde werden würden, war ein Zufall. Ich hatte ihn jahrelang predigen hören, und als ich einen Referenten für einen Vortrag brauchte, lud ich ihn ein. Weil er keinen Fahrer hatte, bot ich mich samt Auto an und fuhr ihn eine Stunde durch den Abendverkehr von München. Sechs Jahre lang war ich dann sein Fahrer – und wir wurden Freunde.

Das ist jetzt fast 20 Jahre her. Bevor Eugen Biser starb, lag er noch jahrelang in seinem Bett. Aber das ist nicht das prägende Bild, das mir geblieben ist, obwohl es das letzte ist. Geblieben ist der Klang der Glocken von St. Ludwig, wenn Eugen am Sonntag um 19 Uhr zum Abendgottesdienst lud. Hinter den Ministranten hastete er zum Altar, und auch in seiner Predigt, die kaum kürzer als eine halbe Stunde sein durfte, hielt er ein fast geschäftsmäßiges Tempo ein.

Kein typischer Theologe

Es war mir angenehm, dass dieser Gottesdienst am Sonntagabend einen Rhythmus hatte, der der Welt des Kaufmanns entsprach. Ich stand immer im Seitenschiff von St. Ludwig, und je länger ich Eugen Biser zuhörte, desto tiefer tauchte ich in die Bilderwelten des Neuen Testaments ein, die Eugen mit viel Liebe und großer Kenntnis seinen Zuhörern deutete.

Eugen Biser wurde damals von vielen belächelt. Er war kein typischer Theologe, dessen wissenschaftliche Thesen kaum zu verstehen gewesen wären. Er predigte ganz einfach, aber die Botschaft war klar: Gott ist Liebe, und Finsternis ist nicht in ihm. Dass er so jedes Dunkel und jeden Rachegedanken aus Gott verbannte, das war den konservativen Theologen nicht recht. Denn wenn Gott zornig ist, ist der Bischof mächtiger, weil es dann die Angst gibt, die als Herrschaftsinstrument eingesetzt werden kann.

Gegen eine auf diese Weise mächtige Kirche zog Eugen zu Felde. Sein Gott war ein Gott der Liebenswürdigkeit, den er in seinen Predigten spürbar machte. Den Ernst Gottes stellte er nie in Frage, aber er nahm ihm jeden ängstigenden Schatten. Der Sorgentausch, das war sein Lieblingsthema. Wenn wir Menschen mithelfen würden, dass Gottes Reich auf Erden beginnen könne, dann würde er unsere Sorgen in seine Hände nehmen. Das war sein wichtigster Gedanke. Sei gut, dann ist Gott gut zu Dir. Und die Liebe unter den Menschen? Das war sein anderes Thema: Wenn sich zwei Menschen liebten, entstünde ein neuer Mensch durch ihre liebende Begegnung: ein Zwischenmensch. So etwas wie eine eigene Person, die von ihnen ins Leben gerufen würde. Die Liebe als Tausch der Seelen. Biser war kein Romantiker, gerade deshalb wurde spürbar, wie Liebe möglich sein könnte.

Der Ton des Neuen Testaments

Am meisten hat mir gefallen, wenn Eugen davon erzählte, wie wenig wir Menschen ausrichten könnten. Dass alles geschenkt sei – und dass dort, wo wir zu beten beginnen, Gott selbst in uns zu beten anhebt, weil wir doch nicht wüssten, was wir sagen sollten. Und dort beginne eine andere Stimme, ein anderer Ton, ein anderes Leben. Der Ton war ihm wichtig, er wusste, dass nicht der Inhalt der Worte die Wahrheit verkündet, sondern der Ton des Sprechers.

Das Neue Testament sei in einem Leidenston verfasst, der von der Liebe dessen erzähle, der sein Leben für die Menschen hingegeben habe. Und dieser Ton halte alle Kapitel der Heiligen Schrift zusammen. Das war kein trockener Glaube, den Eugen Biser verkündete, sondern aus der Mitte seiner Glaubenserfahrung wurde Glauben spürbar. Und doch sagte er mir: Ich habe fast nichts erfahren, das Allermeiste, was ich weiß, habe ich wie ein Archäologe rekonstruiert. Ob er das wirklich von sich dachte?

Viele Freunde

Im Leben sammelte Eugen Freunde um sich. Wenn einer aus der Gesellschaft herausfiel, rief er ihn an und lud ihn ein. Politiker, Wirtschaftsleute, auch Wissenschaftler. Sein Herz gehörte denen, die Schwierigkeiten hatten, aber auch Kämpfer waren. Reisen liebte er: Reisen nach Kopenhagen auf den Spuren des schwierigen Philosophen Sören Kierkegaard, nach Prag zu Franz Kafka, nach Wien zu Kardinal König, der damals noch lebte.

Stundenlang saßen wir im Auto zusammen, in der Regel schweigend, das Radio ganz leise gestellt. Eine rote Ampel hatten wir selten, es war, als hätte Gott für Eugen Biser die Ampeln auf grün gestellt, und auch in einen Stau kamen wir in den vielen Jahren kein einziges Mal.

Am liebsten fuhr Eugen in den Kaiserstuhl, wo er geboren wurde. Er hatte ein schwieriges Verhältnis zur Mutter, so dass er schon früh das Denken lernen musste. Im Krieg wurde er in Russland schwer verletzt, dann war er Religionslehrer in Freiburg. Am Ende hatte er sich zum berühmten Professor hochgedient.

Der verlorene Sohn

Die Schwere des Weges war ihm immer anzumerken. Aber auch zuhause im Kaiserstuhl trank er nie Wein, sondern er schenkte ihn nur gerne anderen ein. Das Schreiben, das Lesen, die Briefe – das war seine Heimat. Nach einem Vortrag könne er die halbe Nacht nicht schlafen, weil alles in ihm weiterarbeite, sagte er mir. Ob ihn der viele Applaus für die schlaflosen Nächte entschädigte?

Und einsam war er auch, obwohl er immer von der Liebe erzählte. Aber das gehört zusammen. Der Seelentausch. Selbst Jesus habe um Liebe gebettelt, und eigentlich sei Jesus der verlorene Sohn, der bitte, von den Seinen angenommen zu werden. Der verlorene Mensch, der verlorene Sohn Gottes, der am Kreuz auch verzweifle. Deshalb seien wir verwandt mit ihm.

Was blieb, war Musik. Beethoven zuerst, ein tiefer Trost bis zum Schluss. Wenn ich Eugen am Ende besuchte, lag er im Bett und hörte zu. Auf die Frage, wie es ihm ginge, sagte er ausschließlich „gut“. Ich zweifle, ob es stimmt, aber er hätte nie etwas anderes gesagt. Wichtig war ihm, dass die Anstöße seines Denkens weitergegeben wurden, denn er wusste um den Wert dessen, was er geistig geschaffen hatte.

Es war zu guter Letzt nicht einfach, einen Eugen-Biser-Stiftungslehrstuhl ins Leben zu rufen. Aber den Jesuiten in München war es wichtig, und so sagten sie zu. In der Nacht, als der Brief von den Jesuiten zu seiner Stiftung unterwegs war, um ihm zu sagen, dass der Eugen-Biser-Lehrstuhl genehmigt sei, konnte mein Freund Eugen dann doch sterben.

Informationen zu den Veranstaltungen anlässlich des 100. Geburtstags und den Aktivitäten der Eugen-Biser-Stiftung unter www.eugen-biser-stiftung.de

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