Erzählung auf Bairisch Wilde Barock-Poesie

Stephan Zinner und Ursula Berlinghof im Hofgarten auf Hans Söllners Spuren, der den Text lieferte. Foto: Anna McCarty

„bloß a gschicht” von Hans Söllner im Schwere Reiter mit Musik von Peter Pichler

 

Die Welt geht im Kleinen unter. Am Ende sitzt der Mechaniker Hans in der Werkstatt vor einem verbeulten Auto und erzählt, wie’s war, damals, als die Gemeinde Marzoll ihre Restschulden beim Finanzamt bezahlte und von ihren Bewohnern zurückgekauft wurde. Ein autonomes Fleckerl im Staat, das sich von da an selbst organisierte.

„bloß a gschicht” heißt das 2004 erschienene Büchlein von Hans Söllner, eine Erzählung auf Bairisch. Peter Pichler, der seit einer Dekade in Söllners Band spielt, dessen letztem Album die andere musikalische Note gegeben hat und der für diverse Produktionen schon die Theatermusik arrangiert hat, hat den Text musikalisch und als Regisseur für die Bühne im Schwere Reiter eingerichtet.

Stefan Zinner ist Hans, ein Brocken im Blaumann, der zu einer Reise aufbrechen kann, wenn er nur sitzt, die Finger knetet und die Erinnerung seinen Körper leise beben lässt. Ursula Berlinghof bricht als Dialogpartnerin den Text auf: als Hans’ misshandelter Bruder, als ignorante Richterin, als Vertraute ist sie Zeugin. Berlinghof ist wandelbarer, hochdeutscher Gegenpart für den eruptiven Utopisten.

Und weil die Zeit aus den Fugen ist, ist die Band für die eingestreuten Söllner-Lieder hier ein kiffendes Barockensemble mit Cembalo und Gambe. Verblüffend: Entfernt man die Söllner-Songs einmal von ihrem Schöpfer, erlebt man die grausame Poesie neu, die so logisch in diesem bayrischen Wilden gebunden scheint.

Allerdings – auf die emotionale Wucht des Textes hätte man mehr vertrauen können. Etwas zu oft krümmt Zinner sich am Boden, reagiert sich am Auto ab. Eine Pflanze will man gießen, mit dem Radl geht’s eine Runde, ein Globus wird angeknipst, eine Schleifmaschine jault auf – ablenkende Übersprungshandlungen, die die eigentliche Wut des Berichts an einigen Stellen gefühlig machen. Denn diese Zukunft war nicht naives Kommunenidyll, sondern wird zum Scheitern gezwungen. 

 

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