Erneuertes Haus der Kunst Vernetzte Prinzregentenstraße: Prachtmeile in Braun

Im ersten Stock des Hauses am Prinzregentenplatz hat Hitler bis 1945 offiziell gewohnt. Foto: dpa

Das erneuerte Haus der Kunst könnte einen NS-Geschichtspfad initiieren, denn zu zeigen gäbe es genügend. Das Haus der Kunst soll "die Vergangenheit des Gebäudes" aufzeigen - eine endlose, scheinbar heillose Geschichte.

München/Altstadt - Der von David Chipperfield geplante Umbau, der auch die Baumreihe zum Opfer fallen würde, solle „"die Vergangenheit des Gebäudes offenlegen", sagt Kultusminister Ludwig Spaenle. Der Direktor des NS-Dokuzentrums Winfried Nerdinger widerspricht da vehement.

In einem stark besuchten Vortrag zur Frage "Sind Steine unschuldig?" sagte er, ein derart "ahistorisches" Konzept bedeute genau das Gegenteil: Die Geschichte des Gebäudes samt der früheren Funktion würde dadurch erst recht versteckt. Um Zeit- und Architekturgeschichte am Beispiel dieses ersten Repräsentationsgebäudes des Nationalsozialismus zu verdeutlichen, genüge die vor einigen Jahren eröffnete Archivgalerie nicht, kritisierte der Architekturhistoriker Nerdinger.

Eine Prachtmeile in Braun

In der lebhaften Diskussion, die überwiegend dem Chipperfield-Entwurf widersprach, schlug er spontan vor, nicht nur das Haus der Kunst selbst, sondern auch die anderen Nazi-Bauten in der Prinzregentenstraße zu einem Geschichtspfad zu vernetzen. Die Prinzregentenstraße – eine Prachtmeile in Braun.

Eine (ein- bis zweistündige) Tour dieser Thematik könnte am U-Bahnhof Prinzregentenplatz beginnen. Im Haus Nr. 16 befindet sich heute die Polizei-Inspektion 22, die für rund 80 000 Einwohner zuständig ist; die Räume, in denen sich auch einmal eine zentrale Bußgeldstelle befand, sind nur beschränkt zugänglich.

Keine Spur findet sich von der dramatischen Geschichte dieses Hauses. Im September 1929 hatte Adolf Hitler seine Wohnung in der Thierschstraße 41 aufgegeben, um sich eine Qualitätsstufe höher, gegenüber dem prächtigen Prinzregententheater einzumieten.


Das Haus der Kunst in der Prinzregentenstraße. Foto: imago

Kann Hitler die Miete aufbringen?

Der Hausbesitzer, ein Holzkohlenhändler namens Hugo Schühle, hatte aber zunächst Sorge, ob der Führer einer (noch) so kleinen Partei die Jahresmiete von 4176 Reichsmark für die 317 Quadratmeter Wohnfläche regelmäßig aufbringen könnte. Diesen Zweifel beseitigte der Buchverleger Hugo Bruckmann, der pünktliche Zahlung garantierte.

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Die neun Zimmer (!) ließ sich Hitler von dem auf Ozeandampfer spezialisierten Architekten Paul Ludwig Troost, der ihm schon ein Adelspalais am Karolinenplatz zum "Braunen Haus" umgebaut hatte, neu einrichten. Einige Möbel, Türen und Intarsien soll er selbst gezeichnet haben. Albert Speer, Nachfolger von Troost nach dessen Tod 1934, hat Hitler oft in dieser großen Wohnung "kleinbürgerlichen Zuschnitts" erlebt.

Er sah Andenken und Geschenke "niedrigen Niveaus", geschnitzte Herrenzimmermöbel, gestickte Kissen mit zärtlichen Inschriften, Gemälde der Münchner Schule im Goldrahmen, eine Wagner-Büste. Im Schlafraum pflegte sich Hitler am offenen Fenster mit dem Expander zu ertüchtigen. "Es roch nach gebackenem Öl und säuerlichen Abfällen." Zwei Frauen führten den Haushalt. Und dann war da noch eine andere Frau.

"Geli" und "Onkel Alf"

Beim Einzug am 5. Oktober 1929 brachte der neue Hauptmieter die Tochter seiner österreichischen Halbschwester Angelika als Untermieterin mit, die 19-jährige "Geli". Es begann eine verhängnisvolle Affäre. Das lebenslustige Mädchen wollte Wagner-Sängerin werden.

"Onkel Alf" – 1927 hatte sich eine 16-jährige Modeverkäuferin seinetwegen einen Strick um den Hals gelegt – reiste also mit der kleinen Geliebten nach Bayreuth und Oberammergau, besuchte die Münchner Oper, schaute sich mit ihr zusammen Micky-Mouse-Filme an, führte sie in Salons wohlhabender Gönner, fertigte auch Aktzeichnungen von ihr an.

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Dabei kontrollierte sie der Onkel ständig, sogar ihre Post, er war sehr eifersüchtig. Einmal soll er seinen gut aussehenden Chauffeur Emil Maurice mit der ständig bereitgehaltenen Reitpeitsche aus dem Zimmer der Nichte verjagt haben. Ihren innigsten Wunsch, nach Wien zu reisen, wies er ab. Am 21. September 1931 nahm sich das Mädchen, während "Alf" verreist war, in der gemeinsamen Wohnung das Leben.

Zimmer blieb unangetastet

Noch am selben Tag wurde ihr Leichnam, ohne Obduktion, nach Wien überführt. Über das Motiv wird heute noch gerätselt. Jedenfalls war Hitler tief betroffen. Schluchzend soll kurzfristig sogar erwogen haben, mit der Politik aufzuhören. Er sperrte das Zimmer ab, in dem die Tat geschehen war, niemand durfte es mehr verändern oder betreten, den Schlüssel hatte er immer bei sich.

Geli Raubal war offenbar "die einzige Frau, die Hitler jemals geliebt hat". Das Geheimnis um ihren Tod währt bis heute. Als am 1. Mai 1945 Soldaten der amerikanischen Regenbogen-Division im Osten Münchens ausschwärmten, entdeckten sie in der nur leicht beschädigten Wohnung am Prinzregentenplatz ein paar abgeschabte Möbelstücke, zwölf Exemplare der Erstausgabe von "Mein Kampf" sowie die Büste eines ihnen unbekannten Mädchens.

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Hitlers persönliche Hinterlassenschaft hatte die Haushälterin Anni Winter kurz zuvor noch weggeschafft – um sie fünf Jahre später für 180 000 Mark zum Kauf anzubieten, der Interessent war allerdings ein Kriminaler. Alles Erbe fiel dem Freistaat Bayern zu, auch das ganze "Hitler-Haus".


Unverändert nach dem Krieg: das Haus der Kunst im Jahr 1957. Foto: imago

Ebersteins Erbe

Am Ende der oberen Prinzregentenstraße, an einem Rondell namens Europaplatz, befand sich die Wohnung des SS-Obergruppenführers Karl Freiherr von Eberstein. Er gilt als Gründer des berüchtigten Sicherheitsdienstes SD. Ab 1937 leitete Eberstein die Polizeiabteilung im bayerischen Innenministerium und seit Oktober 1942 Münchens Polizeipräsidium.

Als "oberster Gerichtsherr" war er für alle Kriegsgefangenenlager und auch für das KZ Dachau zuständig. Weil er angeblich die Verteidigung Münchens abgelehnt hatte, wurde er am 20. April 1945 wegen Defaitismus seiner Ämter enthoben. Eine Spruchkammer stufte ihn 1948 als "minderbelastet" ein. Mehrere Verfahren wurden eingestellt.

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Zuletzt arbeitete Eberstein an der Rezeption der staatlichen Spielbank Bad Wiessee. Später residierte die Max-Planck-Gesellschaft in dem pompösen Palais. Im Salon, mit einem Porträt von Albert Einstein über dem Kamin, dirigierte Hans Knappertsbusch. Schauspieler wie Curd Jürgens deklamierten vor Prominenten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft.

Nach der Sanierung hat das Generalkonsulat der Russischen Föderation im Herbst 2008 die feudale Immobilie übernommen. Einen Steinwurf entfernt dokumentieren Putin-Gegner an einer Mauer den ungeklärten Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow.

Lesen Sie im nächsten Teil: Das Luftgaukommando, das von Hitler geplante „Haus der deutschen Architektur“ und das Prinz-Carl-Palais.

 

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