Erinnerungspolitik Zurück zur Sachebene

Charlotte Knobloch feiert am Montag ihren 80. Geburtstag. Foto: dpad

In Köln heisst eine vergleichbare und seit Jahren erfolgreiche Institution "NS-Dokumentationszentrum". Nördlich von Worms befindet sich das "NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz in der Gedenkstätte KZ Osthofen". Insofern wirkt die Münchner Aufregung überzogen: In der vergangenen Woche stritt der Kulturausschuss des Stadtrats heftig über die ersten beiden Grossbuchstaben im Namen des 2001 nach einer schier endlosen Debatte beschlossene "NS-Dokumentationszentrum München - Lehr- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus", das in der Brienner Strasse nahe dem Königsplatz errichtet werden soll.

Die SPD, OB Christian Ude, Kulturreferent Hans-Georg Küppers und Vertreter der Opfer wandten sich gegen das vorgeschaltete Kürzel "NS" als Teil der Tätersprache. Ähnlich argumentierte Gründungsdirektorin Irmgard Wojak. Dagegen meinte Siegfried Benker von den Grünen, selbst der dümmste Neonazi würde kapieren, dass es um die Analyse des Terrors gehe. Auch Marian Offman (CSU) plädierte für die Beibehaltung des mittlerweile eingebürgerten Begriffs.

Tatsächlich schmecken neutralere Namen wie "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" (Nürnberg) oder die "Dokumentation Obersalzberg" (Berchtesgaden) nach schamhafter Verleugnung des N-Wortes. CSU, Grüne, Linke und Bayernpartei fühlten ähnlich: Sie überstimmten Ude und die SPD: Die Buchstaben "NS" bleiben erhalten. Damit droht die Gefahr, dass Empfindsame die Institution als "nationalsozialistisches Zentrum" verstehen, wie der Kulturreferent fürchtet.

 

"Mag die Vorsilbe ,NS’ in einem Arbeitstitel noch akzeptabel sein, mag sie sich vielleicht sogar ,eingebürgert’ haben, als Teil der offiziellen Bezeichnung eines der Kerninstitute der Fortschreibung unserer Erinnerungskultur ist sie absolut ungeeignet”, heißt es in einem heute von Charlotte Knobloch verbreiteten Papier. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern hält es nicht für ausgeschlossen, dass sich unabsichtlich der Begriff „Nazi-Zentrum” in der Öffentlichkeit durchsetze und Neonazis zu beleidigenden Wortspielen einlade.

Wer dies für Alarmismus hält, möge seine Ohren aufsperren: Für dergleichen Unfug gibt es leider mehr Beispiele als nötig. Es wäre besser, wenn alle Beteiligten ihre Fantasie in Richtung auf einen eindeutig distanzierenden und einprägsamen Namen strapazieren würden, wie er in Berlin mit „Topografie des Terrors” gelungen ist.

Knobloch versucht in ihrem Papier auch die Wogen zu glätten: „In der Debatte über den künftigen Namen sollten alle Beteiligten schnellstmöglich auf die Sachebene zurückkehren”, heißt es in der Mitteilung. „Fest steht: Es ist nicht der Name, der darüber entscheidet, ob das Zentrum ein rein akademischer, musealer, kurzum langweiliger Ort wird. Es ist an uns, an den Machern, den Münchnern, sowie nicht zuletzt an den Besuchern, das Zentrum zu einem lebendigen Ort zu machen, einladend und nicht abschreckend, dabei dennoch schonungslos und ehrlich.” Das wird nach dieser Vorgeschichte nicht einfacher.

 

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