Erinnerung an NS-Opfer München streitet um die "Stolpersteine"

Kleine Messingplatten mit den Namen von NS-Opfern: So sehen die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig aus. Charlotte Knobloch lehnt diese Form der Erinnerung jedoch grundsätzlich ab. Foto: Sebastian Widmann/dpa

In Europa erinnern knapp 50.000 "Stolpersteine" an die Opfer des Nationalsozialismus. München hat die Verlegung auf öffentlichem Grund bislang verboten. Jetzt überdenkt die Stadt ihre Entscheidung - und tut sich schwer.

 

München - München ringt um den richtigen Umgang mit "Stolpersteinen". In einer öffentlichen Anhörung ließ der Stadtrat am Freitag Befürworter und Gegner des Erinnerungsprojektes zu Wort kommen. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Städten hatte sich die bayerische Landeshauptstadt vor zehn Jahren in Sorge um die Würde der Opfer des Nationalsozialismus gegen die Verlegung von "Stolpersteinen" als Form der Erinnerung entschieden. Jetzt steht diese Entscheidung auf dem Prüfstand.

"Erinnerung ist eine Herausforderung, die wir annehmen müssen" sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Den Wunsch, sich der Erinnerung zu stellen, habe jeder in der Stadt. Die Frage sei nur, wie. In anderen Städten seien die "Stolpersteine" eine "gängige Praxis der Erinnerung".

"Jeder Stein macht uns klar, wie verletzbar unsere Zivilisation ist", sagte Terry Swartzberg von der Initiative "Stolpersteine für München". Auch der Holocaust-Überlebende Ernst Grube von der Lagergemeinschaft Dachau sprach sich dafür aus, dass "Stolpersteine" auf öffentlichem Grund verlegt werden. Bislang gibt es in München 27 "Stolpersteine" - allerdings auf privaten Grundstücken. Zum Vergleich: Berlin hat rund 6000.

"Nichts erinnert an die damaligen jüdischen Bewohner", sagte Grube über die Situation in München. "Die "Stolpersteine" sind eine Möglichkeit, dieses Vergessen aufzubrechen." Die Steine, "so klein sie sind", bringen seiner Ansicht nach Informationen und Denkanstöße. "Dass unübersehbar wird, was geschehen ist und nie wieder geschehen darf."

Klar gegen das Projekt sprach sich allerdings die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, aus, die zu der Anhörung geladen war, nach Angaben der Moderatorin aber nicht kommen wollte. Stattdessen las Oberbürgermeister Reiter ein Statement von ihr vor. Die Namen der Opfer auf den "Stolpersteinen" würden "zwangsläufig wieder mit Füßen getreten", ließ sie sich zitieren. "Auf dem Boden sind die Opfer wieder schutzlos - wie einst." Ein würdiges Gedenken, so Knobloch, "muss auf Augenhöhe stattfinden".

"Stolpersteine" sind kleine, in den Boden eingelassene Gedenktafeln, die an den letzten Wohnort von Opfern des Nationalsozialismus erinnern sollen. Der Künstler Gunther Demnig hat das Projekt ins Leben gerufen. Inzwischen gibt es "Stolpersteine" in 1150 Städten in acht Ländern. Europaweit sind es knapp 50 000 Gedenksteine. Auch im direkten Umfeld der Landeshauptstadt - zum Beispiel in Dachau und Bad Tölz - gibt es "Stolpersteine".

Bislang ist der Münchner Stadtratsbeschluss von 2004 weiter gültig. Möglich ist aber, dass eine der Fraktionen einen Antrag stellt, noch einmal neu über den Umgang mit den "Stolpersteinen" zu entscheiden.

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