Er machte München zur Millionenstadt Geburtstags-Interview: Der millionste Münchner wird 60

Der Millionste Münchner wurde von der Stadt groß gefeiert. Foto: Daniel von Loeper/AZ-Archiv

Ein Baby mit sechs Nullen: Thomas Seehaus machte München zur Millionenstadt. Am Freitag wird er 60. Ein Geburtstags-Interview.

 

München - Als er am 15. Dezember 1957 auf die Welt kam, schrieb Thomas Seehaus Geschichte. Ein Gespräch mit einem, der sieben Oberbürgermeister-Patenonkel hatte. Der gebürtige Pasinger ist heute pensioniert und lebt in Olching.

AZ: Herr Seehaus, beim wievielten Gespräch über Ihren Geburtstag sind Sie denn in diesem Jahr schon?
THOMAS SEEHAUS: Dieses ist erst das dritte. Aber das ist in Jubiläumsjahren immer so: Es fängt erst langsam an und dann fällt es nach und nach allen ein, dass es da ja einen millionsten Münchner gibt. Das wird jetzt wieder kommen.

Das ist schon auch immer ein bisschen Extrastress zu Ihrem Geburtstag, oder?
Ach, man muss sich dem Schicksal da beugen. Ich bilde mir ja auf die ganze Geschichte überhaupt nichts ein, das ist einfach mal so registriert worden. Aber sicherlich bin ich auch ein winzigkleines Stück Geschichte Münchens und das kann ma ned wegleugnen. Das wird mich mein ganzes Leben noch begleiten.

Die Stadt München schickt Ihnen jedes Jahr Glückwünsche zum Geburtstag. Was war das schönste Kartenmotiv?
Eine Karte habe ich nie bekommen. Das ist immer ein Brief, in dem der Stadtrat und der Oberbürgermeister ihre Gratulationen aussprechen und Weihnachtsgrüße und Wünsche für das neue Jahr gleich dazu. Und im Gegenzug bedanke ich mich natürlich dafür und wünsche auch zurück das gleiche.

Sie schreiben immer zurück?
Natürlich, das gehört sich doch so, das gebietet der Anstand. Als ich noch ein Kind war, haben das auch meine Eltern so gemacht. Und als mein Taufpate, der Oberbürgermeister Thomas Wimmer, haben wir zu seinem Geburtstag im Januar immer einen Gegenbesuch gemacht. Er hat uns auch öfter besucht, zu Ostern und Weihnachten oder wenn er grad in der Nähe war. Das war schon eine Art familiäres Verhältnis, der war so ein Opa-Typ.

Thomas Wimmer ist ja nicht nur Ihr Taufpate, sondern auch Ihr Namensgeber.
Ja, Gottseidank, muss ich sagen! Ich würde sonst Helmut heißen, so wollten mich meine Eltern eigentlich nennen. Aber der Thomas ist mir der liebere.

Wie war das denn für Ihre Eltern mit so einem im Grunde ganz plötzlich prominenten Kind?
Das kenne ich ja nur aus Erzählungen. Die sind da schon sehr konfrontiert worden mit vielen Kollegen und Kolleginnen von Ihnen, mit Zeitungen und Rundfunk und Fernsehen. Am Wochenbett ist es da schon recht arg gewesen.

Oje, direkt nach der Geburt?
Ich bin ja an einem Sonntag auf die Welt gekommen, am Montagnachmittag wurde dann bekannt, dass ich der millionste Münchner bin - und am Montagabend und Dienstag standen dann sämtliche Pressevertreter an der Klinik in Pasing.

Das klingt anstrengend.
Ja, irgendwann kam dann der Herr Oberbürgermeister und hat da einen Schnitt gemacht. Da stand dann in vielen Zeitungsausschnitten die Aufforderung von ihm: "Lassts dem Buam amoi sei Ruah!" Er hat uns dann im Krankenhaus besucht und sich vorgestellt.

Wer war Ihr liebster Bürgermeisterpate?
Ich durfte natürlich durch diese Geschichte jedem Bürgermeister mal die Hand drücken, und als ich das erste Mal geheiratet habe, hatten wir eine Audienz beim Erich Kiesl. Ich kannte sie in dem Sinne alle. Hans-Jochen Vogel hat mich mal mitgenommen zu einer Besichtigung auf dem Olympiagelände. Wir waren auf dem Olympiaturm, als es da noch kein Restaurant gab und kein Gitter. Das sind einschneidende Erlebnisse, die man nie vergisst. Aber der engste Kontakt war sicherlich mit meinem Taufpaten.

In Ihrem elften Lebensjahr zogen Ihre Eltern mit Ihnen nach Olching. Wollten Sie mal zurück nach München?
Als ich jünger war, dachte ich das schon, aber inzwischen nicht mehr. Olching ist meine Heimat, mit München zusammen. Ich habe aber lange in München gearbeitet, als Fernmeldetechniker. Da war ich auch lange fürs Telefonnetz beim Oktoberfest verantwortlich. Da konnte ich der Stadt ein bisschen etwas zurückgeben. Und darauf konnte ich auch stolz sein, das habe ich ja wirklich geschafft - anders als meine Geburt, dazu habe ich ja nichts getan.

Wie sicher sind Sie eigentlich, dass Sie wirklich die Nummer eine Million sind?
Meine Nachfolgerin sozusagen, die Anderthalbmillionste, die Amelia, ist aus einem Lostopf gezogen worden. Aber bei meiner Wenigkeit war es so, dass der Thomas Wimmer die Entscheidung getroffen hat, er möchte als millionsten Bürger ein Neugeborenes haben und niemanden, der sich gerade registriert hat. Darum hat er alle Standesämter angewiesen, die genauen Uhrzeiten der Geburten mitzuteilen. Und bei mir steht eben der 15. Dezember, 15:45 Uhr in der Geburtsurkunde und damit bin ich das.

Kennen Sie die Nummern 999.999 und 1.000.001?
Witzigerweise kenne ich die 999.998. Die kommt aus Olching, mit der wurde ich konfirmiert, aber das wussten wir damals nicht. Deren Vater schrieb mal einen Leserbrief an eine Zeitung, dass er es schade findet, dass die beiden, die direkt vor und nach der Million geboren wurden, ein Trostgeschenk bekommen haben - und die 999.998 nicht. Alle davor hätten ja auch zur Million beigetragen.

Schon auch ein bisschen verrückt, dass so viel Trara gemacht wird um eine Zahl.
Ich bin ja zum Glück nicht tagtäglich in der Zeitung. Natürlich hat es mich die ersten zehn Jahre ständig begleitet, was ich so aus den Zeitungsausschnitten rauslese: die Einschulung, der zehnte Geburtstag, der zwanzigste, fünfzigste. Das wiederholt sich alles, aber das gehört eben dazu.

Wie war denn das in so Zeiten, in denen Sie mit sich selbst eigentlich genug zu tun hatten, so in der Pubertät?
Da haben das die Eltern mehr oder weniger gemanagt, da bin ich eigentlich wenig konfrontiert worden.

Amelia, die 1,5-millionste Münchnerin, kennen Sie die?
Naja, kennen. Ich habe zur Geburt eine Glückwunschkarte geschickt und darauf eine Antwort bekommen und auch mal Geburtstagsgrüße. Und beim Stadtgründungsfest, an dem ich immer teilnehmen darf, habe ich die Familie kennengelernt und kurz geratscht.

Wie stellen Sie sich den zweimillionsten Münchner vor?
Schwer zu sagen. Früher habe ich mir mal überlegt, wie es wäre, wenn mein eigenes Kind das zufällig werden würde. Das hat dann nicht geklappt. Meine Enkeltochter kam in die Nähe: Die wurde im Februar 2015 geboren, Amelia im Mai. Inzwischen bin ich ganz froh, dass das nichts wurde, das wäre schon merkwürdig gewesen.

Meinen Sie, dieses Kind wird wieder ein blauäugiger Thomas, ist das realistisch?
Das würde ich der Stadt München sehr wünschen! Nicht, weil ich was gegen Zuzug oder Zuwanderung hätte. Aber so ein Münchner Kind oder ein bayerisches, das wäre doch schön. Es wäre ja auch nichts, wenn der zweimillionste Hamburger aus München käme.

Wie feiern Sie Ihren 60. Geburtstag?
Dieses Jahr will ich mich mal ein bisschen rausnehmen. Ich werde einen Kurzurlaub machen, nicht weit weg, in Bayern. Und vielleicht kann ich mir einen Kindheitstraum erfüllen und eine Fahrt mit einer Pferdekutsche im Schnee machen.

Dann wünsche ich Ihnen Schnee und dass es klappt!
Danke, danke. Sagen Sie, können Sie mir die Zeitung schicken? Dann kommt der Artikel in das Buch, in das ich alle diese Sachen einklebe.

Natürlich. Wann haben Sie das Buch denn angefangen?
Das haben meine Eltern. Ich habe es übernommen und werde es an meinen Sohn weitergeben. Das ist schon schön, wenn man das alles immer mal anschauen kann.

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