England Ein Sonnendeck für Anfänger

Dover - „Ich kann das Schiff nicht sehen“, sagt meine zweijährige Tochter. Dabei stehen wir direkt davor, in Dover, vor der MSC Poesia, 293 Meter lang, 16 Decks, Platz für 2550 Passagiere, ein Hochhaus. Man fühlt sich wie eine Laus, größentechnisch. Wie muss es da erst einem Kind gehen? Es ist unsere erste Kreuzfahrt. Kurz-Cruisen bieten Reedereien an, wenn ihre Schiffe nach Monaten auf See ins Trockendock zurückkehren, viele Gäste nicht mehr an Bord sind und Kabinen aufgefüllt werden - ein guter, günstiger Test, ob man sich denn nun schrecklich amüsiert oder eher wie im goldenen Käfig fühlt.

 

Die Sicherheitsschleuse gleicht der eines Flughafens. „Der Bär ist in Ordnung“, flüstert der Kontrolleur und zwinkert meiner Tochter zu. Dass MSC Crociere, die italienische Reederei, familienfreundlich ist, spüren wir auf dem ganzen Schiff. Jeder noch so beschäftigte Kellner hat Zeit für ein Spiel, einen netten Satz, und ältere Amerikaner, karibiksonnenbraune Profis auf See mit Armbändern gegen die Übelkeit, sind geradezu verzückt - wie meine Tochter vom Schiff. Gläsernes Piano, schwarz-weißes Zebramuster in der Bar, Violett und Gold im Teatro Carlo Felice. Dezent geht anders, für Kinder ist es aber das Fünkchen Glamour, das nicht fehlen dürfte. Labyrinthartige Gänge und rätselhafte Aufzugssysteme verwandeln sich allmählich in ein durchschaubares System. „Ein Schiff ist etwas für Blöde“, sagt ein Mitreisender, „Aufzüge sind vorn, in der Mitte, hinten. Man kann sich nicht verlaufen.“ Dunkelrot ist das „Zuhause auf See“, wie es im Prospekt heißt. Es liegt auf Deck 11, D’Annunzio genannt, mit großem Spiegel, Bad, Balkon. Im Abendlicht tauchen U-Boote auf, Frachter und Fähren, schöner, spannender als erwartet ist das - fast so entschleunigend wie das Ablegen in Dover auf der Liege auf dem Sonnendeck, mit schlafender Tochter im Arm.

„Slotmaschinen können nicht reserviert werden“ 

Rauch steigt aus dem Schornstein, das Schiffshorn dröhnt, Möwen kreisen, Hafen und weiße Klippen entfernen sich wie im Zoom eines Films. Langsam verstehe ich den mitreisenden Schweizer, der süchtig ist nach Schiffen. „Das einzige Mittel, um auf dem Element zu reiten“, dem Wasser. Aus dem Buch auf meinem Schreibtisch erfahre ich, dass sieben kurze Töne und ein langer Sirenenton Notfall bedeutet, zwei lange und Läuten der Alarmglocken Feuer an Bord. Dass ich, wenn Korridore verqualmt sind, auf allen vieren vorwärtskriechen soll, meine Tochter mit Windel nicht in den Whirlpool darf, ich bei „Mann über Bord“ den Rettungsring werfen soll. Ich lese, dass ich mein Eheversprechen auf See symbolisch erneuern könnte, Shorts, nacktes Fleisch, Bademantel, Schlappen im Restaurant verboten sind und dass ich keine Bullaugendeckel öffnen soll. Ich suche fast eine Stunde nach einem Flaschenöffner für das Bier aus der Minibar. Weil er sich im Badezimmer befindet, neben dem Spiegel, ungefähr dem letzten Ort, an dem ich ihn vermutet hätte, öffne ich es, nach Maurerart, mit einer zweiten Flasche über dem Waschbecken und stelle meine Lieblingssätze aus der Gästemappe zusammen. Satz Nr. 1: „Slotmaschinen können nicht reserviert werden.“ Satz Nr. 2: „Wenn Ihr Stuhl zu sehr wackelt, halten Sie sich bitte am Tisch fest.“ Satz Nr. 3: „Bei Seegang nicht an Türrahmen festhalten.“ (Türen können zuknallen). Satz Nr. 4: „Im Tenderboot nicht Kopf oder Arm herauslehnen.“

Bei Drehung mit voller Knotenzahl wäre kein Wasser mehr im Pool

Das leichte Schaukeln und Dahingleiten ist eine ideale Einschlafhilfe. In seinem Buch „Schrecklich amüsant - nur in Zukunft ohne mich“ schreibt der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace, der mit 33 für eine Reportage für „Harper’s Bazaar“ 1995 auf einem amerikanischen Luxusliner „von morgens bis abends und nach allen Regeln der schwimmenden Hotellerie verwöhnt“ wurde: „Geborgen hinter gischtgepeitschten Kabinenfenstern, fühlt man den fernen Rhythmus der Schiffsmaschinen wie den Herzschlag einer Mutter.“ Schon nach einem Tag fühle ich mich ähnlich ausgeruht, bin kein Kreuzfahrt-Gegner mehr, im Gegenteil. Natürlich gibt es auch hier die Klischees: Bingo, Bridge und Serviettenfalten, hellblaue Windjacke für ihn, vanillegelbe für sie, abends rote Satinbluse - oder etwas mit Glitzer für das Theater; Beleibte mit Schweißband oder Spätverliebte, sie mit Sonnenbrille und Seidentuch, er mit maritim übergelegtem Pullover, Arm in Arm, das kleine Titanic-Gefühl - ohne Eisberge und Tragik. Hier an Bord spürt man, was David Foster Wallace die „Beschwörung einer anderen, phantastischen Wirklichkeit“ nennt - die „palliative Wirkung totaler Betüddelung“. Für zwei Nächte und einen Morgen ist das auch sehr schön, besonders mit Kind, das die Stadt seiner Großeltern sieht, Cuxhaven, mit vorbeiziehender Kugelbake, dem Hafen, den Strandkörben und den Windrädern vom Ozeanriesen aus und leider den abendlichen, zweistündigen Einlauf in den Hamburger Hafen verschläft. Vielleicht träumt es vom Kapitän, Giacomo Romano, ein Italiener aus Ischia, mit Goldkette und schwarz gefärbtem Haar nach Berlusconi-Art.

Uns gegenüber gab er zu, dass in den vier Monaten im Jahr zu Hause seine Frau das Kommando führt, ihm nur im Katamaran übel wird und dass, wenn er mit Gästen an Bord spricht, ein anderer das Schiff lenkt: „Microsoft“. Der 52-Jährige hat Charme, Präsenz und eine bestechende Offenheit. „Ein Irrenhaus“ sei ein Passagierschiff in den ersten Wochen für den, der als Kapitän von einem Frachter komme. Man dürfe nichts, müsse pünktlich sein, egal, wie das Wetter sei, selbst wenn man einen Hafen Stunden früher erreiche - und mehr Zeit an Land bleibe, beschwere sich ein Passagier. Sein Ozeanriese liegt wie ein Panzer im Wasser. Aber weil die Poesia so hoch sei, der Wind große Angriffsfläche habe, sei sie schwieriger zu manövrieren. Bei Drehung mit voller Knotenzahl wäre kein Wasser mehr im Pool. Daran merkt man doch, dass man ein Schiff verlässt - und kein Hochhaus.

 

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