Energiewende Der Strompreis-Irrsinn: Münchner zahlen - Firmen sparen

Sonne und Wind sind sauber, aber teuer. Findige Firmen dürfen, was kleine Verbraucher nicht können: Sich einen Teil der Kosten sparen. Foto: dpa

Welche Münchner Firmen sich mit billigerem Strom versorgen – und zwar auf Kosten der Allgemeinheit.

 

München Strom wird immer teurer – auch deswegen, weil wir Extrawürste und Rabatte für findige Firmen mitzahlen müssen. Unternehmen können sich von den Netzentgelten befreien lassen. Und das FDP-geführte Bundeswirtschaftsministerium lässt immer mehr Anträge durchwinken. Was sich die Firmen sparen, wird auf die Allgemeinheit umgelegt: private Haushalte und die übrigen Betriebe. Der AZ liegt eine Aufstellung vor, welche Münchner Firmen auf unsere Kosten billigeren Strom beziehen.

Das Wirtschaftsministerium schreibt in seiner Antwort auf eine Anfrage der Grünen: „Von den erfragten Unternehmen hat die Siemens AG ein individuelles Netzentgelt gemäß § 19 Abs. 2 Satz 2 StromNEV erhalten.“ Diese Regelung betrifft Großverbraucher. Man kann sich aber auch als sogenannter „atypischer Verbraucher“ einen Rabatt geben lassen: wenn man seinen Strom außerhalb der Spitzenzeiten verbraucht. Dies trifft laut Ministerium in München auf folgende Firmen zu: „Die ARAG SE, die kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns sowie die TU München am Standort Garching“.

Die AZ hat außerdem bei allen Münchner Firmen nachgefragt, die einen Antrag gestellt haben. Mittlerweile genehmigt ist auch jener der Allianz-Versicherung. Noch in der Bearbeitung sind die Anträge von gut einem Dutzend weiterer Firmen: unter anderem der ADAC Zentraleinkauf, die Deutsche Bundesbank in München, Accor, die Bäckerei-Kette Wimmer, Bayerische Landesbausparkasse, Wörners Cafehaus Reber, Mariott München und die Alois-Dallmayr-KG.

Siemens erklärt dazu: „Siemens ist nur ein einziges Mal und nur in einer einzigen von 29 Stromabnahmestellen in München Perlach für ein Jahr vom Netzentgelt befreit gewesen, und zwar 2011. Dies waren einmalig 111000 Euro. Zum Vergleich: Diesem Betrag stand in 2011 eine Stromrechnung für alle Abnahmestellen am Standort München Perlach in Höhe von mehr als einem mittleren einstelligen Millionenbetrag gegenüber.“

Dann die kassenzahnärztliche Vereinigung. „Echt? Wir sind von den Netzentgelten befreit?“, staunt der Mitarbeiter am Telefon. „Naja, kann sein. Wir haben einen hohen Energieverbrauch, weil wir alle Abrechnungen machen. Bestimmt ist die kassenärztliche Vereinigung auch befreit.“ Nein. „Ach? Na, vielleicht sind die noch nicht drauf gekommen.“ Er verspricht Klärung. Die Antwort von Sprecher Leo Hofmeier lautet dann: „Die Befreiung gilt seit April 2013 – wegen atypischen Nutzungsverhaltens. Wir haben unsere Spitzenlast zu einer anderen Zeit als die anderen.“ Es habe da mal einen „sehr findigen“ Mitarbeiter gegeben, als Körperschaft des öffentlichen Rechts müsse man sparsam mit dem Geld umgehen.

Auch die Arag-Versicherung bestätigt: „Wir sind nicht zu 100 Prozent befreit, aber wir haben eine Reduktion. Das spart uns im Jahr eine mittlere vierstellige Summe.“ Begründung: Man verbrauche seinen Strom außerhalb des Münchner „Hochlastzeitfensters“.

Die TU München dagegen stellt die Lage anders dar als das Ministerium: „Ja, wir haben einen Antrag gestellt, aber der ist noch nicht bewilligt“, so ihr Sprecher Klaus Becker. „Der Tagesrhythmus einer Uni unterscheidet sich offenbar von dem von Firmen.“ Noch nicht durch ist auch der Antrag der Bäckerei-Kette Wimmer. „Den Strom macht ein externer Dienstleister für uns, der schaut, dass wir günstig wegkommen. Wir zahlen 20000 Euro Netzentgelte im Jahr, mit dem Rabatt wären es nur nur noch 7000 Euro“, erklärt Martin Wimmer. Sein Betrieb ist nun wirklich ein „atypischer Verbraucher“: „Wir backen halt in der Nacht.“

Aber, worauf er Wert legt: „Die EEG-Umlage kostet uns viel mehr. Viele Firmen lassen sich von ihr befreien, das könnten wir auch, aber wir tun es absichtlich nicht.“ Denn dazu müsste er seine Mitarbeiter auslagern und als Leiharbeiter beschäftigen, um die Lohnkosten im Verhältnis zu den Energiekosten zu drücken. Und was heißt das in Zahlen? Die Netzentgelte machen immerhin ein Viertel des Strompreises aus. Großverbraucher können sich zu 100 Prozent befreien lassen, atypische Verbraucher kriegen Rabatt – von bis zu 80 Prozent. Und das summiert sich: 2011 und 2012 waren es insgesamt 416 Millionen Euro, die sich die Firmen sparten. 2013 sind es 805 Millionen: weil immer mehr Firmen einen Antrag stellen.

Das FDP-Wirtschaftsministerium legt ihnen keine Steine in den Weg. Und das alles auf Kosten der anderen Verbraucher: Auf sie wird die Summe nämlich umgelegt. Das ärgert Hans-Josef Fell, für die bayerischen Grünen im Bundestag und energiepolitischer Sprecher seiner Fraktion: „Es ist untragbar, wenn die Bürger über die Netzentgelte nun auch noch Versicherungen und die Kassenzahnärztliche Vereinigung subventionieren. Dies treibt die Strompreise völlig unnötig nach oben und hat nichts mit dem Ausbau erneuerbarer Energien zu tun.“ Die Grünen jedenfalls wollen die Ausnahmen deutlich zurückschrauben. Mitarbeit: sb.

 

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