Ende der Bayern-Dominanz? Dietmar Hamann: "Korsett bricht immer mehr weg"

, aktualisiert am 10.05.2017 - 09:14 Uhr
"Ich glaube, in der Meisterschaft wird es im nächsten Jahr richtig schwer für die Bayern", sagt Dietmar Hamann über den Bundesliga-Branchenführer. Foto: Rauchensteiner/Augenklick

Im AZ-Interview spricht Dietmar Hamann über die Baustellen seines Ex-Vereins, mögliche Transfers, die kommende Saison und die Suche nach einem Sportdirektor. "Diese Personalie ist unheimlich wichtig", sagt er.

Der 43-Jährige stand von 1993 bis 1998 beim FC Bayern unter Vertrag, anschließend spielte er in der Premier League, unter anderem für den FC Liverpool und Manchester City.

AZ: Herr Hamann, Sie haben zuletzt gesagt, dass der FC Bayern Probleme bekommen könnte wegen des anstehenden Umbruchs. Auf welchen Positionen sehen Sie denn Handlungsbedarf?
DIETMAR HAMANN: Die offensive Außenbahn ist die wichtigste Position. Arjen Robben und Franck Ribéry sind immer noch Weltklasse, aber bei beiden ist die Leistung schon ein bisschen zurückgegangen. Sie werden einfach älter. Die Bayern brauchen Alternativen, Spieler, die in Eins-gegen-eins-Duelle gehen können. Dann ist woanders auf dem Platz immer einer frei. Das hat Bayern so erfolgreich gemacht in den vergangenen Jahren, Robben und Ribéry haben den Unterschied gemacht. Aber es gibt nicht viele Spieler, die das auf diesem Niveau können. Alexis Sanchez vom FC Arsenal wäre mit seiner Torgefahr und Schnelligkeit eine Alternative.

Von Douglas Costa dachte man lange, dass er das auch wäre. Inzwischen wirkt er lustlos. Was ist mit ihm passiert?
Als Costa kam, war er auf dem Zenit. Er hatte gute sechs Monate, aber das war auch alles, was er im Tank hatte. Robben und Ribéry haben ihre Leistung über zehn Jahre gebracht. Wenn du nicht alle drei Tage auf Topniveau spielen kannst, hast du nicht das Zeug für Bayern. Costas Berater kokettiert offen mit anderen Klubs, das sieht man bei Bayern zu recht nicht gerne. In England gibt es sicher Vereine, die viel Geld für Costa zahlen würden. Die Tendenz ist, dass er nächste Saison nicht mehr in München spielt.

Hat Kingsley Coman bessere Perspektiven?
Ja, er hat aus meiner Sicht deutlich mehr Potenzial als Costa. Man muss schauen, ob Carlo Ancelotti in der Lage ist, ihn zu verbessern, ihm die nötigen Minuten zu geben, ihn zu einem Topspieler zu formen. Coman hat die Anlagen, um in die Fußstapfen von Robben und Ribéry zu treten.

Auf welchen weiteren Positionen würden sich Transfers im Sommer sonst noch lohnen?
Im zentralen Mittelfeld musst du was machen. Ich dachte, dass Joshua Kimmich das Zeug dazu hat, Xabi Alonso zu beerben, aber er kommt bei Ancelotti nur selten zum Einsatz. Arturo Vidal ist eigentlich einer, der weiter vorne spielt, der auch mal in die Spitze geht, Tore erzielt. Javi Martínez könnte die Sechserposition ausfüllen, aber den sieht Ancelotti in der Innenverteidigung.

Und was ist mit Neuzugang Sebastian Rudy?
Rudy ist ein hervorragender Spieler, es macht absolut Sinn, ihn zu holen. Der kann rechts hinten spielen und im zentralen Mittelfeld. Aber die Bayern wollen die Champions League gewinnen, da brauchst du einen, der Kontinuität und Konstanz auf höchstem Niveau bringt.

Kann Rudy 50 Spiele im Jahr auf Topniveau spielen?
Ich würde es ihm zutrauen, aber ein Fragezeichen bleibt.

Gibt es denn Alternativen auf dem Transfermarkt?
Wer reinpassen würde, wäre Claudio Marchisio von Juventus Turin. Der beeindruckt mich unheimlich. Aber solche Spieler kosten 30 bis 40 Millionen Euro aufwärts.

Aus der Bundesliga wird Schalkes Leon Goretzka mit den Bayern in Verbindung gebracht.
Goretzka ist ein sehr guter Spieler, aber kein Sechser, er hat seine Stärken auf der Acht. In der Champions League brauchst du einen zentralen Mittelfeldspieler, der aus der Tiefe heraus das Spiel ordnet. Wir müssen uns nur Real Madrid anschauen: Seit Casemiro auf der Sechs spielt, ist das eine komplette Mannschaft. Das Mittelfeld mit ihm, Luka Modric und Toni Kroos ist herausragend. Goretzka und auch Julian Brandt aus Leverkusen sind sehr interessante Talente für Bayern. Aber sie stellen nicht den Spielertyp dar, der in diesem Sommer Priorität haben sollte auf dem Transfermarkt.

Sie sprechen Kroos an, der heute mit Real Madrid wohl erneut ins Champions-League-Finale einziehen wird. Wie sehr schmerzt es im Rückblick, dass Bayern ihn 2014 verkauft hat?
Ich bin keiner, der sagt: Es war Wahnsinn, Kroos damals gehen zu lassen. Die Vereine dürfen sich bei Gehaltsforderungen nicht immer unter Druck setzen lassen. Wenn du zu der Entscheidung kommst, dass ein Spieler das Geld zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht wert ist, musst du dich trennen. Solche Sachen werden im Fußball immer passieren. Natürlich war das eine Personalie, die man anders hätte lösen können. Kroos hat der Wechsel sehr gutgetan, er hat sich zum absoluten Weltklassespieler entwickelt. Ich schaue ihm unheimlich gern zu, hätte ihn aber lieber bei Bayern gesehen als bei Real.

Wie wichtig ist es für die Bayern, zeitnah einen neuen Sportdirektor zu finden?
Diese Personalie ist unheimlich wichtig für die Bayern. Man hat es versäumt, den Kader zu verjüngen, den Umbruch einzuleiten in den vergangenen Jahren. Die jungen Spieler, die man geholt hat, spielen nicht, aus welchen Gründen auch immer. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben bei der Sportdirektor-Suche zuletzt kein geschlossenes Bild abgegeben. Der eine wollte Max Eberl, der andere Philipp Lahm – und zum Schluss ist keiner gekommen. Gerade bei Eberl hätten die Bayern deutlicher Farbe bekennen müssen. Er ist in Gladbach in eine Situation gekommen, in der er sich vor den Fans rechtfertigen musste. Das war nicht gut so.

Wird die Bundesliga ab der kommenden Saison spannender?
Ich glaube, in der Meisterschaft wird es im nächsten Jahr richtig schwer für die Bayern. Mit Leipzig, Hoffenheim und Dortmund gibt es starke Rivalen. Die Dominanz der Bayern werden wir nicht mehr sehen, da lege ich mich fest. Die Frage ist dann, was mit dem Trainer passiert. Ancelotti lässt lieber die Alten spielen, irgendwann musst du aber die Jungen nachziehen. Der Grund des Bayern-Erfolgs in den vergangenen Jahren war auch, dass Spieler aus der eigenen Jugend hochgezogen wurden, Louis van Gaal hat damit begonnen. Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, später Thomas Müller und David Alaba, haben die Mannschaft zehn Jahre lang geführt. Doch diese Wirbelsäule, dieses Korsett, bricht ihnen jetzt immer mehr weg. Das zu ersetzen, wird nicht einfach.

Mehr zum Thema: Verratti-Berater schürt Bayern-Hoffnungen

 

11 Kommentare