EM-Qualifikation gegen Deutschland Michalczewski: "Ein Stück vom WM-Titel gehört den Polen"

Ex-Box-Weltmeister Dariusz Michalczewski im Deutschland-Trikot mit Sohn Nicolas. Kleine Bilder: die WM-Helden mit polnischen Wurzeln Miroslav Klsoe (l.) und Lukas Podolski. Foto: dpa

Am Samstag kommt es zum EM-Qualifikationsspiel zwischen Polen und Deutschland. Dariusz Michalczewski kennt beide Länder bestens. „Wir sollten die Deutschen kopieren!“

 

Darius Michalczewski (46) floh 1988 von Polen nach Deutschland. 1991 nahm er die deutsche Staatsangehörigkeit an. Von 1994 bis 2003 war er Boxweltmeister im Halbschwergewicht. Er lebt jetzt in der Nähe von Duisburg.

AZ: Herr Michalczewski, eine Ihrer großen Leidenschaften neben dem Boxsport ist der Fußball. Am Samstag trifft Deutschland in der EM-Qualifikation auf Ihr Heimatland Polen. Wird man Sie wieder live im Stadion erleben?

DARIUSZ MICHALCZEWSKI: Wohl leider nicht, unser Verbandspräsident Zbigniew Boniek hat mich zwar eingeladen, wie er es zu jedem Spiel macht, aber ich muss ihm wohl leider einen Korb geben, weil ich geschäftlich in einer anderen Stadt zu tun habe. Aber ich werde mir das Spiel natürlich nicht entgehen lassen. Auch meine Landsleute freuen sich schon unglaublich darauf, den Weltmeister zu sehen. Wann hat man schon die Gelegenheit, sich mit dem Weltmeister zu messen? Ich war ja selber lange genug Box-Weltmeister, aber ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich den Titel nicht hatte und wie sehr ich auf die Chance hingearbeitet habe, dem angeblich Besten der Welt zu zeigen, dass nicht er der Beste ist, sondern ich. Okay, das wird bei den Fußballern nicht passieren, dafür sind wir Polen zu schlecht, aber freuen tun wir uns trotzdem alle auf das Spiel.

Zu wem haben Sie denn bei der WM gehalten?

Was für eine Frage! Zu Deutschland! Das ist meine zweite Heimat, ich habe dort eine wunderbare Zeit gehabt, wunderbare Dinge erlebt, ich kann nur Gutes über Deutschland sagen. Ich habe auch von der ersten Sekunde an gewusst, dass Deutschland den Titel holt. Ich habe auch mit jedem gewettet und ich habe jede Wette gewonnen. Ich bin da auch richtig arrogant aufgetreten, um die anderen zu reizen, damit sie mehr Geld wetten. Ich habe mich da nicht gerade beliebt gemacht, weil ich eben so erfolgreich war. Aber egal, Deutschland hat gewonnen, ich habe gewonnen. Was will man mehr. Ein Stück von dem Titel gehört ja auch uns Polen.

Sie meinen wegen der Nationalspieler Miroslav Klose und Lukas Podolski, die in Polen geboren wurden?

Genau, das sind Polen im Herzen. Sie haben für uns den WM-Titel mitgewonnen.

Der polnische Fußball steckt momentan aber in der Krise...

Wir sind so unglaublich schlecht, ich verstehe es nicht. Ich glaube, da mangelt es an der Einstellung. Wenn man für sein Land antritt, muss man alles geben, dann muss man bereit sein, auf dem Platz zu sterben. Aber so treten wir nicht auf, warum auch immer. Der Pole scheint im Fußball auch immer die Welt neu erfinden zu wollen, er will seinen Kopf durchsetzen, auch wenn schon längst bewiesen ist, dass sein Weg der falsche ist. Ich bin kein Funktionär, werde nie einer sein, aber ich kann nicht verstehen, warum man sich nicht Deutschland zum Vorbild nimmt und versucht, zu kopieren, wie man Erfolg hat. Deutschland, Holland, Belgien, die haben es vorgemacht, nur wir sind nicht in der Lage, es nachzumachen. So wird das nie etwas mit unserem Fußball. Dabei haben wir ja gute Einzelspieler, die es können würden.

Wie etwa Stürmerstar Robert Lewandowski, der jetzt zu den Bayern gewechselt ist.

Ich bin sehr stolz, dass wir so einen Spieler haben, ich kenne ihn auch. Wenn er mich gefragt hätte, zu welchem Verein er gehen soll, hätte ich ihm gesagt: Spinnst du, dass du überhaupt nachdenkst? Es gibt nur Bayern, das ist der beste Klub der Welt. Die sind solide, die wirtschaften richtig. Was willst du mit Real Madrid oder dem FC Barcelona? Die versuchen dich mit 50 Millionen Euro Gehalt zu locken, Bayern zahlt nur 15. Aber die zahlen zumindest wirklich! Bei den anderen hast du nur die Zahl, aber was dann auf deinem Konto ankommt, ist was ganz anderes. Zum Glück hat er sich nicht über den Tisch ziehen lassen und hat bei Bayern unterschrieben. Ich bin sehr stolz darauf.

Sie selber waren ja auch ein ganz guter Spieler.

Ich spiele auch immer noch. Ich war ein Eisenfuß, manchmal wollten die anderen nicht mehr mit mir spielen. Aber so bin ich, der Tiger gibt eben immer alles.

Vor zwei Jahren fand die EM in Polen und der Ukraine statt, wie sehr hat Ihr Land wirklich davon profitiert?

Schon sehr. Das Land, nicht der Fußball, der ist ja noch schlechter geworden. Aber den Polen hat es was gebracht, wir haben diese tollen Stadien, haben jetzt die Infrastrukturen. Für uns war das ein Segen.

Wie erschüttert sind Sie über das, was – nur zwei Jahre nach dieser EM – im anderen Austragungsland, der Ukraine, passiert ist? Das Land versinkt im Bürgerkrieg.

Das ist nur brutal, ich bin schockiert, erschüttert, sprachlos. Vor zwei Jahren haben wir noch gemeinsam Fußballfeste gefeiert. Es waren Wochen der Freude, der Lebenslust, der Völkerverständigung, und plötzlich bringen die sich dort gegenseitig um. Ich kann das einfach nicht verstehen, ich kann die Menschen nicht verstehen, die sich so was gegenseitig antun. Ich bin kein Politiker, aber für mich war Polen das letzte Land, das noch richtig in die EU gepasst hat. Wir waren immer schon dem Kapitalismus zugetan, das war in der Ukraine immer anders.

Ihr alter Freund und Boxkollege Vitali Klitschko ist in der Ukraine politisch aktiv, ist der Bürgermeister von Kiew.

Wir haben erst vor ein paar Tagen miteinander telefoniert. Ich habe ihm gesagt: Ich verstehe dich nicht. Warum machst du das? In Polen gibt es ein Sprichwort: Wenn du nichts hast, wenn du nichts kannst, wirst du Politiker. Aber du hast alles, kannst alles, und bist trotzdem Politiker. Er sagte, dass er sein Land so sehr liebt, dass er es tun muss. Das bewundere ich, verstehen muss ich es nicht. Aber die Bilder, als er allein zwischen den Demonstranten auf der einen Seite und den Soldaten auf der anderen stand und versuchte, ein Blutbad zu verhindern, werde ich nie vergessen. Ich hatte Angst um ihn. Ich habe ihm gesagt: Du bist verrückt! Als Boxer muss man ein bisschen verrückt sein, weil man dauernd Schläge in die Fresse kriegt, aber als Politiker musst du noch verrückter sein. Und du, der alles hat, bist der Verrückteste.

 

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