EM-Gespräch Thomas Müller: "Ich bin jetzt mehr der Helfertyp"

„Wir haben nun einen noch breiteren, tieferen Kader bei annähernd gleichbleibender Qualität“, sagt Bayerns Nationalspieler Thomas Müller über das deutsche EM-Team. Foto: dpa/az

Am Freitag beginnt die EM-2016 in Frankreich. Die AZ hat vor Beginn des Fußball-Highlights des Jahres mit Thomas Müller gesprochen. Der 26-jährige Offensivspieler des FC Bayern holte 2014 mit der DFB-Elf den WM-Titel. In der EM-Quali war er mit neun Treffern bester Torschütze der Nationalmannschaft.

 

Thomas Müller spricht in der AZ über den Start in die EM, das erste Spiel gegen die Ukraine, die Gefahr durch den Terror und seine Freizeitaktivitäten. „Karten, Billard – oder DVDs schauen und kuscheln“

Herr Müller, wie groß ist der Reiz, als Weltmeister auch Europameister zu werden?

Der Reiz ist unabhängig davon groß. Wir haben eine Mannschaft, die das Potenzial dazu hat.

Dafür bräuchte es mal ein Müller-Tor bei einer EM, oder? Sie sind 2012 leer ausgegangen.

Bräuchte es nicht, wäre aber vielleicht hilfreich (lacht). Deutschland hat schon Europameisterschaften ohne ein Müller-Tor gewonnen, 1996 etwa.

Was fehlt der Mannschaft noch bis zum Auftaktspiel am Sonntag gegen die Ukraine?

Wir sind körperlich und geistig in einem guten Zustand, mannschaftstaktisch gut eingestellt und wissen, was wir zu tun haben. Der Rest ist das Spiel.

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Wie beurteilen Sie den EM-Modus mit sechs Gruppen?

In der K.o.-Phase wird es dann heiß, aber wir sehen unsere nicht als Kindergarten-Gruppe. Die Mannschaften haben ihre Qualitäten, es ist anspruchsvoll, aber keine Gruppe wie bei der letzten EM mit Portugal, Holland und Dänemark. Das brauche ich auch nicht jedes Mal, auch wenn wir damals ganz gut durchmarschiert sind.

Ist das Turnier mit den 24 Teams zu aufgebläht?

Je nach Perspektive der Mannschaften. Kleinere Nationen können beim Turnier dabei sein, das ist für die eine schöne Sache. Aus Fan-Sicht gibt es mit dem Achtelfinale ein Spiel mehr Unterhaltung. Aus unserer Sicht macht es die Vorrunde nicht spannender. Von der Belastung her wird es im ganzen Fußballzirkus immer mehr, mehr, mehr – das ist eine bedenkliche Entwicklung.

Ist der Kader besser geworden im Vergleich zur WM 2014?

Wir haben nun einen noch breiteren, tieferen Kader bei annähernd gleichbleibender Qualität. Auch die Spieler, die zunächst auf der Bank sitzen, haben enorme individuelle Qualität. Aus der Hinsicht sind wir stärker geworden, das heißt aber nicht, dass man mehr Spiele gewinnt.

Wie fühlt es sich für Sie an, nach 2010, 2012 und 2014 bereits ins vierte Turnier zu gehen?

Damals war ich damit beschäftigt, meinen Stiefel gut runterzuspielen und meinen Tagesablauf hinzubekommen. Jetzt – und 2014 auch schon – schaue ich, dass auch andere das hinbekommen. Das ändert sich. Ich bin jetzt mehr der Helfertyp, versuche meine Erfahrungen einzubringen. In meiner Rolle versuche ich jetzt mehr, das große Ganze zu sehen. Man darf aber seine eigene Performance nicht aus den Augen verlieren.

Findet sich das Team mehr und mehr – auch abseits der Einheiten?

Wir gehen nicht aufs Zimmer und warten, dass die Zeit vorbeigeht. Damit wir einen Spirit entwickeln, machen wir einiges gemeinsam. Wir haben Treffpunkte im Hotel, spielen Karten, Billard, Snooker, draußen Basketball. Oder wir schauen gemeinsam DVDs und kuscheln ein bisschen (lacht). Ernsthaft: Es geht nicht darum, jeden Tag hier bis zum Anschlag mit Spaß zu füllen, sondern darum, Dinge gemeinsam zu tun und sich zu unterhalten, sich auszutauschen. Das fördert den Teamgeist, schafft gute Voraussetzungen für die Spiele.

Schafkopf oder Skat ist nicht mehr angesagt?

Nee, das ist nicht mehr so gefragt. Philipp ist ja nicht mehr dabei.

Da er fehlt, sind Sie in der Tischtennis-Rangliste der Nationalelf nun an Nummer eins gesetzt, oder?

Bei jedem Sport, der etwas mit einem Ball zu tun hat, bin ich ganz gut aufgehoben. Da war ich schon immer motiviert, engagiert und talentiert. Wenn mir etwas Spaß macht, bin ich auch ehrgeizig. Es gibt aber noch Übungsbedarf.

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Geht’s auf den Golfplatz?

An freien Tagen ja. Es ist aber nicht mein Hauptansinnen, in Frankreich mein Golfspiel zu verbessern. Wir sind schon hauptsächlich zum Fußballspielen hier.

Der Countdown zum ersten Spiel läuft. Wie sehr geht der Spaßfaktor nun zurück?

Der verlagert sich, Spaß können wir ja auf dem Platz haben. Die Anspannung ist da.

Wie unterscheidet sich Löw in der Ansprache von Pep Guardiola?

Er ist nicht ganz so detailversessen, fußballtaktisch geht es in die gleiche Richtung. Wir haben ähnliche Mannschaften, vielleicht nicht die Außenstürmer wie bei Bayern, die extrem ins Dribbling gehen. Auch bei der Nationalelf wollen wir den Ball, haben fußballerisch gute Spieler.

Wie gehen Sie mit dem Thema Terror-Gefahr um?

Es ist kein gewöhnliches Turnier, was die Sicherheitslage betrifft. Das ist alles schwer einzuschätzen. Es bringt nichts, Angst zu schüren, dennoch versucht man, vorsichtig zu sein. Man darf sich aber die Freiheit nicht nehmen lassen und zu sehr einsperren.

Jérôme Boateng möchte nicht, dass seine Angehörigen ins Stadion gehen. Wie ist das bei Ihnen?

Ich stelle das meiner Familie frei. Je nachdem, ob sie sich wohlfühlen mit dem Gedanken – oder nicht. Wenn meine Frau Zeit und Lust hat, freue ich mich, wenn sie vorbeikommt. Aber wenn sie ihren eigenen Dingen zuhause nachgeht, weil sie viel zu tun hat, ist das auch kein Problem. Das entscheiden wir spontan. Für mich hat es keine Priorität, dass meine Familie im Stadion ist und ich nur dann eine gute EM spiele.

 

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