Eishockey-WM Das Baby in Gefahr

Wie lange steht er noch an Deutschlands Bande? Eishockey-Bundestrainer Pat Cortina steht bei der WM stark unter Druck. Foto: imago

Pat Cortina muss bei der Eishockey-WM das Viertelfinale erreichen, sonst ist er seinen Job als Bundestrainer los: „Eine traumatische Erfahrung“.

 

Prag - Pat Cortina ist zum Erfolg verdammt. In Prag, der goldenen Stadt, der Stadt Franz Kafkas, muss der Bundestrainer bei dieser Eishockey-WM (bis 17. Mai) dem deutschen Eishockey einen Hauch von Glanz zurückverleihen, sonst ist der Italo-Kanadier seinen Job los und nur noch eine Fußnote in der deutschen Eishockey-Geschichte.

Das Viertelfinale muss es mindestens sein, so die interne Vorgabe, und nicht einmal das Erreichen der Runde der letzten Acht ist ein Garant dafür, dass Cortina, der langjährige Coach des EHC München, weiter der erste Trainer in Eishockey-Deutschland sein darf. Nach der WM, die für Deutschland am Samstag (16.15 Uhr/Sport 1) gegen Frankreich und genau 24 Stunden später gegen Kanada beginnt, läuft sein Vertrag aus, die drei Jahre waren bisher nicht unbedingt eine Erfolgsstory. Erstmals in der deutschen Eishockey-Geschichte wurde die Qualifikation für Olympia (2014 in Sotschi) verpasst, bei den Weltmeisterschaften 2013 wurde man Neunter, ein Jahr später Vierzehnter. Jetzt also Viertelfinale? Eine Herkules-Aufgabe. Sowieso. Und die Liste derer, die für die WM abgesagt haben, ist nicht nur extrem lang (fast 20 Spieler), sondern illuster. Zuletzt gaben die NHL-Stars Dennis Seidenberg (Boston Bruins), und Marcel Goc (St. Louis Blues) Cortina einen Korb.

„Ich habe keine Ahnung, wie es mit mir nach der WM weitergeht. Klar habe ich bessere Karten, wenn wir jetzt bei der WM gut abschneiden“, sagt Cortina, „aber es geht nicht um mich, das Ganze hier ist wichtiger als ich. Aber eines ist klar, ich würde gerne Bundestrainer bleiben. Ja. Absolut.“

Denn Cortina, der zuvor bereits Nationaltrainer Italiens und Ungarns war, liebt seinen Job, liebt Eishockey, liebt Deutschland, liebt München. Hier hat er, der jahrelang zu seiner Frau und den jetzt drei Töchtern nach Südtirol pendelte, eine Heimat gefunden. „Wenn ich München irgendwann aus beruflichen Gründen verlassen müsste, wäre das eine traumatische Erfahrung für die Familie“, sagt Cortina.

Doch der 50-Jährige ist Realist. Natürlich hat er das Fehlen jeglicher öffentlicher Rückendeckung durch den neuen Präsidenten Franz Reindl mitbekommen. Hat er festgestellt, dass bei den Spielen der Nationalmannschaft regelmäßig Ex-Bundestrainer Uwe Krupp, der jetzt Coach der Eisbären Berlin ist, neben Reindl sitzt. Beide sind enge Freunde, Krupp wird als potenzieller Nachfolger von Cortina gehandelt. „Was soll ich sagen? Uwes Sohn spielt in der Nationalmannschaft! Er hat jedes Recht, da zu sein. Als Vater, als Trainer, als Eishockey-Fan. Die Nationalmannschaft ist ja nicht mein Baby, sondern unser aller Baby. Wäre ich nicht mehr Bundestrainer, würde ich zu den Spielen der Deutschen ins Stadion gehen“, sagt Cortina.

Dieses Baby wird aber seit Jahren von der Liga stiefmütterlich behandelt. Für Cortina waren die fast drei Jahre als Bundestrainer eine Sisyphos-Arbeit. Immer wieder wurde er vorstellig, um Reformen anzuschieben. Immer wieder scheiterte er an den Seilschaften im deutschen Eishockey. „Es waren schwierige Jahre. Im ersten Jahr war ich Klub- und Bundestrainer zugleich, zudem Sportdirektor. Da hatte ich vielleicht nicht genug Energie für das Nationalteam. Im zweiten Jahr war ich immer noch Bundestrainer und Sportdirektor, außerdem gab es da den Umbruch und die Neuaufstellung im DEB. Schon wieder hatte ich nicht so viel Energie, die ich vielleicht gerne gehabt hätte. Erst jetzt fühlt es sich so langsam an, dass es auch wirklich mein Team ist.“

Zumindest bis zum Ende der WM wird es genau das sein. Sein Team – zum Erfolg verdammt.  

Lesen Sie auch: AZ-Kolumne von Anna Kraft:Die Bayern und der Fußballgott

 

0 Kommentare